Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1870)
- Date
- 1870-02-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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123 Promenade eine Cigarre auzubrennen, am Sabbate zu schreiben u. s. w. Wegen vier „Talmudthora"- schüler, die keinen Talmud lernen, besoldet die Gemeinde zwei Lehrer, deren Gehalte weit über 1000 fl. betragen, und denkt auch nicht im Entferntesten daran, einen Talmudlehrer für dieses Institut zu engagiren! Wie, wäre Prag schon so verarmt, daß sich nicht ein Mann fände, der dieses Amt bekleiden könnte? Sollte Prag, dessen Ruhm es war, jüdische Wissenschaft und Literatur zu pflegen, so tief gesunken sein? Ö nein! Prag hat noch tüchtige leistungsfähige bescheidene Männer, Männer, wie Rabbiner Professor Dr. Saul Jsak Kämpf, R. Samuel Freund, R. Herschmann Teweles, Peter Spitz, Baruch Kauders u. A., die als Talmudcapacitäten volle Anerkennung finden. Welches traurige Bild bietet uns der verlassene Stadttheil — die Juden- oder Iosephsstadt dar! Daselbst befinden sich alle Synagogen mit Ausnahme des neuen Tempels. Dieses von Juden und Nichtjuden in allen Beziehungen stiefmütterlich behandelte Stadtviertel ist nun im verwahrlosestm Zustande. Die Andacht in den Gotteshäusern wird durch das Lärmen und Treiben des Prager Pöbels, der hier sein Lager aufgeschlagen zu haben scheint, um Vieles beeinträchtigt, die Gassen sind stets in dem elendesten Zustande, und selbst die Athmosphäre ist eine pestilenzartige zu nennen. In den Häusern, wo einst die berühmtesten Geonim lebten, sind nun die gemeinsten Wirthöhäuser und Spelunken, die elendesten Schlupfwinkel für Diebe und sonstige Verbrecher; und wenn bei unserer Polizei oder den Behörden ein Verbrechen ruchbar wird, so ist sie gewiß, daß sie in der ehemaligen Judenstadt ihre Leute findet. Selb st in der nächsten Nähe der altehrwürdigen Altneusynagoge werden derartige Spelunken geduldet. Ungestört betreiben die jüdischen Fleischer in Mitte der Judenstadt am Sabbat ihr Gewerbe, die jüdischen Gemeindebeamten verletzen öffentlich den Sabbat, essen Terephot, u. s. w. u. s. w. Die PrÄüger und Pseudo-Rabbiner erlauben sich ungestraft in ihren Synagogen so manche „Reformen", die mit der Tradition durchaus nicht übereinstimmen. Kurz, es geht in unserer lieben Gemeinde alles drunter und drüber, ohne daß die Herren Repräsentanten eine Ahnung von dem Geringsten haben! Sie besuchen während eines Jahres kaum dreimal das Gotteshaus! Kann unter solchen Umständen eine Gemeinde gedeihen und Ersprießliches wirken? unmöglich. Geht sie nicht ihrem Verfalle entgegen? Erwache Prag! wähle Männer, die Gesinnungstüchtigkeit bewiesen, die das Herz auf dem rechten Flerke haben, die Sinn und Geist für das Judenthum hege«; laßt Euch nicht durch hohle Phrasen und Floskrkn einiger juristischen Schwätzer betäuben. Beweiset, dast Ihr Willenskraft besitzet, Euch von dem Gängelbande der jetzigen „Repräsentanten", die Euch nur dem sicheren Verderben zuführen, loszureißen, und verhelfet dem glorreichen Prag zu seinem alten Glanze, der durch die gegenwärtigen „Vertreter" oder besser gesagt Zertreter verdunkelt wurde, und gänzlich zu erlösche« droht. M. K* Cisenftadl, Ende Januar. Wiewohl es im Allgemeinen am Geratensten ist, Schimpfreden und Schmähartikel, die gegen geachtete Persönlichkeiten ge-' richtet sind, gar keiner Beachtung zu würdigen, und siö als das zu betrachten, was sie immer sind, als oen Aus-» bruch ohnmächtigen Grimmes oder den Ausfluß gehässigen Neides, so gibt es doch auch Fälle, wo das Reden zur heiligen Pflicht wird. Wenn einem Einzelne« die Luft anwandelt, sein Talent zum Schimpfen vom Publikum bewundern zu lassen, so kann man ihm die- Vergnügen gönnen und seine publicistische Thätigkeit mit stiller Verachtung bezahlen. Wenn sich aber ei« Unberufener erkühnt, mehrere zu Trägern seiner Ansicht zu machen oder gar einer ganzen Gemeinde eine Ansicht zu imputiren, die ihr nur zur Schande gereichen würde, dann muß man solchem Lästerer dm Mund stopfen. In Nr. 4 der „Neuzeit" fühlt ein Correspondent aus „Eisenstadt" (daher ist wenigstens der betreffende Artikel datirt) sich veranlaßt, fein Giftund feine Galle über unsre Gemeinde auszuschülten, weil ihm die projectirte Neuwahl eines Rabbiners nicht zusagt. Nebm dem freundlichen Rathe, doch ja von diesem Beginnm abzulassen, läßt er es an obligaten Ausfällen geym unsren früheren Rabb. Herrn Dr. Hildesheimer nicht fehlen, wobei er sich das Ansehen gibt, als ob er die Meinung der ganzen Gemeinde ausdrücke. Was zuvörderst die Rabbiuerwahl betrifft, so möge der unberufene Mahner sich merken, daß die vorurtheilSfrei Denkenden in unsrer Gemeinde sehr wohl wissen, wm sie nach einem Manne, wie Dr. Hildesheimer, als geistlichen Führer zu berufen haben, und wenn der Correspondent aus „Eisenstadl" auch noch so viel in der „Neuzeit" herum rumort. Wenn er sich aber erfrecht, im Namen vieler von einem „berüchtigten Hildesheimer"' zu sprechen, der unsre Gemeinde zurückgesetzt und waS des unfläthigen Geschwätzes in jenem Artikel mehr steht, so wird in unsrer Gemeinde Niemand sich einbilden lassen, daß die beregte Correspvndenz wirklich aus Eisenstadt in das RedactionSbüreau der „Rettzeit" gewandert ist. Wir weisen solch schnöde Der» läumdung mit Entrüstung zurück; unser verehrter früherer Rabbiner Herr Dr. Hildesheimer hat während