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Der Israelit · 1870-02-16 · Heft 7 (16.2.1870) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 7 (16.2.1870)
Date
1870-02-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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122 » Oesterreichisch-Ungarifche Monarchie. H)rag, Ende Januar. „In Worten erleichtert sich der schwerbelad'ne Busen." Schiller. Lauteten stets die Berichte über die inneren Zustände unserer Gemeinde befriedigend, so basirten sie entweder auf völliger Unkenntniß der Sachlage, oder sie rührten von solchen Personen her, die immer die Fehler und Mängel in unserer Gemeinde so gerne zu beschönigen und zu bemänteln geneigt sind. Ich aber, der die Lage der Dinge genau kenne, muß Ihnen leider das schroffe Gegentheil berichten. Prag, eine der ältesten Gemeinden der Judenheit, geht ihrem religiösen Verfalle entgegen, und wer mit unbefangenem, unbestochenem Auge den Stand der Dinge überblickt, wird dieses unmöglich bestreiten können. Unwillkürlich taucht bei dieser Behauptung die Frage auf, wer diese innere Zerrüttung veranlaßt, wer den Zerfall der Prager Judengemeinde herbeiführt? und die Antwort hierauf ist:-die löbliche Repräsentanz!! Ein schönes Wort sprach seiner Zeit der geniale, gefeierte Kanzelredner, unser hochverehrter Professor Dr. Saul Jsak Kämpf, auf die Kasseler Synode hinweisend, welches auch auf unsere Repräsentanz volle Anwendung findet: „Wer sind sie, die sich anmaßen das Judenthum zu vertreten? Das Judenthum braucht keine Vertreter, es wird von Gott vertreten! Man könnte sagen: sie zertreten das Judenthum; doch ist das Judenthum noch stark genug, um sich nicht von solchen Schwächlingen zertreten zu lassen." Wer sind sie, frage auch ich, die sich erkühnen, unsere Gemeinde zu repräsentiren? Personen, die keinen Begriff von Religion haben, die nicht im Dtdenthum leben, ja die kein Interesse für dasselbe hegen, die öffentlich den Sabbat auf eine schmähliche Weise verletzen, die alles jüdischen Wissens baar sind, die in ihrem unersättlichen Ehrgeize nach Ehrenämtern jagen, vertreten die altehrwürdige Gemeinde Prag!!! Jeder billigdenkende Mensch wird zugestehen, daß Personen, die die Verhältnisse und Bedürfnisse einer Gemeinde auch nicht im Entferntesten kennen, dieselbe nicht gewissenhaft vertreten können, auch bei ihrem besten Willen nicht! Nicht allein die Kenntniß der Sachlage geht ihnen gänzlich ab, siezeigen auch nicht don geringsten Willen, für das Judenthum etwas leisten zu. wollen. ^Stundenlang debattiren sie über gänzlich gleichgMge Gegenstände, bewilligen fast allwöchentl i ch einlaufende Gesuche des Gemeinde-Dienstpersonals um Erhöhung der Gehalte, beschließen Erhöhung der Cultussteuer u. dgl. m., und gehen nach einer solches zweistündigen Sitzung, in der sie ihre oratorihche Begabung gegenseitig prüften, aus dem Rathhauft, WÄHnend, eine Herculesarbeit verrichtet zu haben. Es ist wohl.einem Steuerzahler erster Claffe eine recht bescheidene Frage erlaubt, was mit diesen unsinnig hohen Steuerabgaben in Mitte unserer bedauernswürdigen Gemeinde geleistet wird? Wird etwa das Armenwesen geregelt? unmöglich! Schaarenweise belästigen die mit jedem Tage sich vermehrenden Bettler die Häuser, lungern in allen Straßen, bei jedem Gotteshause und fallen jeden Menschen an. Wird eine Talmudthoraschule unterhalten? Mit nichten! Prag., welches stets für „den Sitz jüdischer Wissenschaft" gegolten,' ist aller jüdischer Wissenschaft baar, keine Lehrkräfte und keine Lernbegierigen! Einige Talmudkoryphäen stehen ganz vereinzelt da; vielmehr befindet sich hier eine ungeheuere Anzahl höchst unwissender Leute, die mit Morenu-Titeln^beehrt werden, damit sie einen „Erwerb" hätten. So tief ist die Wissenschaft in unserer Gemeinde gesunken! Anstatt die schweren Verluste, die wir durch den Tod des unerreichten Rabbi Juda Teweles, des großen Rabbi Simon Lasch, des unvergeßlichen Rabbi, Salomon Jehuda Rappoport erlitten.- einigermaßen zu ersetzen, findet es die löbliche Repräsentanz für gut, die Gehalte solcher Lehrer zu erhöhen, die beflissen sind, den Rabbinatscandidaten wahrhaft athöistische Grundsätze^ beizubringen. Personen, die sich als Repräsentanten der Prager isr. Cultus gemeinde geriren — — — essen öffentlich i n Gasthäusern und Gesellschaften ungenirt — Terephot, gehen am Sabbat mit brennenden Cigarren durch die Straßen Prag's und fliehen die'Gotteshäuser wie die Pest!!! Wie bereits erwähnt, liegt in unserer Gemeinde die Talmudthoraschule gänzlich darnieder. Seit der große R. Juda Teweles s. A. todt ist, wird nicht daran gedacht, diesem Institute eine neue Lehrkraft zu beschaffen; der eigentliche Zweck der Talwudthoraschule, Talmud zu lehren und zu lernen, wurde gänzlich außer Acht gelassen, und die wenigen Schüler, deren Zahl auf vier herabgeschmolzen ist, werden nach wie vor in den classischen Sprachen von einem Lehrer unterrichtet, der am Kolnidre-Abende nach dem Gottesdienste ins —'Theater e'lte, um noch den letzten Act der Donna Diana anzutreffen! Es ist doch eine göttliche Harmonie zwischen der Repräsentanz und ihren Erwählten! In der That sind auch die Rabbinatscandidaten von ihrem Herrn und Meister „aufgeklärt" worden, daß sie es nicht allzugenau mehr mit den Satzungen des Judenthumes nehmen, z. B. nicht abwarten, bis der Sabbat zu Ende ist, um auf der

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