Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1870)
- Date
- 1870-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447455--08025-2463654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 verderblichen, moralisch giftigen Tendenzromanen, andererseits wieder der gänzliche Mangel an guten Erbauungs- und Unterhaltungsschriften im Geiste des wahren Judenthums. Wahrlich die Aufgabe wäre unserer bedeutendsten Kräfte würdig, hier an Stelle des wirren chaotischen Durcheinanders entsittlichender Romane und Novellen eine gesunde, kernige, religiöse und gute Literatur zu schaffen, an der unsere jüdischen Frauen sich erbauen und erheben können. Die Verfasserin des mir vorliegenden Buches, das mich zu so langen Expectorationen veranlaßt hat, ist wohl seit dem Beginne ihrer schriftstellerischen Laufbahn von diesem Grundgedanken geleitet worden, und hat seltsamer Weise selbst in den Augen sogenannter jüdischer Modedamen Gunst und Beachtung gefunden. Der Name Fanni Neuda ist dadurch ein in jüdischen Kreisen viel genannter und hochgeachteter geworden, und ihre „Stunden der Andacht" haben wohl manchem verzweifelnden und verzagenden Herzen Ruhe und Trost gegeben. Neuerdings hat nun diese geschätzte Frau den zweiten Theil dieses trefflichen Buches unter dem Titel: „Stunden der Andacht für jüdische Mädchen und junge Frauen" im Verlage der Sckletter'schen Buchhandlung (H. Skutsch) in Breslau erscheinen lassen. Ich zweifle nicht daran, daß dieses schöne, gehaltvolle, echtreligiöse, innige und warm geschriebene Andachtsbuch unseren jungen Glaubensgenossinnen bald ebenso vertraut und theuer geworden sein wird, als dessen erster in sechs Auflagen verbreiteter Band unseren jüdischen Müttern. Die Techinah, jenes alte, vielbelächelte und doch so vortreffliche, den Frauen in Israel einst nächst dem Sidur unentbehrliche Andachtsbuch, hat die geistreiche Verfasserin in diesen „Stunden der Andacht" vollständig erneuert, und so den Beweis geliefert, daß man nichts, gar nichts, auch nicht ein Jota unserer heiligen Religionsvorschriften auftugeben braucht, und trotzdem doch eine ebenso gebildete und aufgeklärte Dame sein kann, als tausend andere, die aus allen möglichen seichten Romanen sich ihre Phrasenbildung geholt haben. Es ist ein echt weiblich zartbesaitetes Gemüth, das in diesen Gebeten und Belehrungen sich kundgibt, die für alle Stimmungen des Lebens, im Sonnenschein des Glückes und der Freude, wie in den Nächten des Unglücks und des Mißgeschickes Trost und Freude und Erhebung und Glaubenstreue gewähren werden? Möchten unsere jungen Glaubensschwestern sich dieses Buches recht oft bedienen, und möchte es solche wahre Bildung und aufrichtige Frömmigkeit vereinigenden Frauen, wie die Verfasserin dieses Buches, recht viele in Israel geben! 3 eitungsnachrichten und Correspom denzen. Deutschland. Fürth, im Schebat 5630. Wir haben in unserm jüngsten Bericht nur andeutungsweise der hiesigen Landtags- und städtischen Gemeindewahlen gedacht, weil wir der israel. Gemeindewahlen und ihrer stürmischen, noch immer nicht beendigten Vorbereitungen ausführlich Erwähnung zu thun, nicht länger anstehen wollten. Aber wir haben eine nähere Beleuchtung der erstgenannten Wahlen, bezüglich der Israeliten, in Aussicht gestellt und indem wir dieselbe in Folgendem hinsichtlich ihrer Hauptmomente geben, glauben wir, daß über die streitigen Verhältnisse der hiesigen Israeliten zu einander — so sehr sie, als größtentheils religiöse Differenzen, den Vorrang in diesen gesch. Blättern beanspruchen dürfen — das einträchtige Verhältnis zu den christlichen Mitbürgern und die dasselbe dokumentirenden, wahrhaft erhebenden Akte der Toleranz nicht mit allzu kurzen Worten abgethan werden sollen. Von den Landtagswahlen wollen wir nur hervorheben, daß als Redner auf Seite der „Fortschrittspartei" von den Israeliten vorzugsweise zu erwähnen ist, nebst Herrn Sigmund Heumann von hier, der K. Universitätsprofessor Herr vr Herz von Erlangen, dessen zweistündiger, äußerst gediegener Vortrag großen Eindruck und durch sein bescheidenes, maßvolles Auftreten gegenüber den Gegnern auch deren Anerkennung sich zu erfreuen hatte. Die Volkspartei war wiederum, wie bei den Wahlen im Mai v. Js., durch die Herren vr. Morgenstern, Dr Landmann und Kronacher, sodann noch durch Herren Gabriel Loewenstein bestens vertreten. Diese letztgenannten Herren waren es denn auch, welche bei den am 1. Dez. stattgefundenen städt. Gemeindewahlen nach vorausgegangener erbitterter Agitation bei beiden obigen Parteien einen glänzenden Sieg für die Volks Partei gewannen, welcher zugleich für die hiesigen Israeliten ein Wahlresultat zur Folge hatte, wie es wohl jemals weder hier noch anderswo war gesehen worden. Wie bereits gemeldet, waren umer den 36 größtentheils von der Volkspartei aufgestellten Candidaten, die zu G emeindebevollmächtigten gewählt wurden, nicht weniger als eilf Juden — ein Ereigniß, das vielleicht in der Geschichte aller Völker und Zeiten, so lange es unterdrückte und „geduldete" Nationen gibt, seines Gleichen sucht! Der Volkspartei also war es Vorbehalten, diesen großartigen Beweis von Toleranz zu Tage zu fördern. Auck die Fortschrittspartei hatte 10 jüdische Namen auf ihren gedruckten Wahlzetteln stehen und