Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1870)
- Date
- 1870-02-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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115 erinnern, die ich in Gesellsch aft Ihrer werthen Familie I während des verflossenen Sommers verlebt, und mich zugleich an die Erfüllung meines damals gegebenen Versprechens mahnen, in diesen literarischen Briefen namentlich die frommen jüdischen Mädchen und Frauen angemessenen Erscheinungen zu besprechen, so bin ich heute gerade in der angenehmen Lage, meinem Worte Nachkommen zu können? Denn in der That ist die moderne jüdische Literatur — natürlich mit Vorbehalt höchst ehrenvoller Ausnahmen — nicht geeignet, die Theilnahme einer auf der Höhe des modernen Culturideals sowohl wie streng jüdischer Lebensanschauung stehenden Dame zu erwecken. Und dies ist sehr traurig! Denn wenn religiöse Schriften das fast gänzlich erstorbene jüdische Bewußtsein nicht erwecken, die Predigten der Reformapostel werden dies nicht, und die äußeren Lebenseinflüsse auch nicht! Wirklich nimmt auch die Religiosität der jüdischen Frauen seit mehreren Decennien erschreckend ab, eine Thatsache, die obwohl mit Betrübniß, Sie gewiß ebenfalls constatiren werden. Wieso diese Religionslosigkeit und sogar oft der erschrecklichste Athe smus zur Modekrankheit geworden ist, läßt sich nicht schwer erklären. Die Schuld liegt einzig und allein in der verfehlten oder mangelhaften religiösen Erziehung des weiblichen Geschlechtes! „Madame, schaffen Sie Mütter, die ihre Kinder erziehen können", sagte Napoleon einst zu Madame Kampan. und wies damit ganz richtig darauf hin, daß das Weib in den Entwicklungsgang der Menschheit so stark eingreift, daß man nickt genug Gewicht auf die Erziehung der weiblichen Jugend legen kann. Das haben schon von jeher bedeutende Pädagogen eingesehen und der Mädchenerziehung ihre besondere Sorgfalt zugewendet. Wie steht es nun um die religiöse Erziehung der jüdischen Mädchen? Nun, das werden Sie, verehrter Freund, wohl am Besten wissen! In der Stadt werden unsere jüdischen Mädchen zwar ganz so erzogen, wie die anderer Confesflonen; sie besuchen so gut die höhere Töchterschule, die Tanz- und Clavierstunde u. dgl. m.; was tritt aber an die Stelle des Religionsunterrichtes, der den Jungfrauen anderer Confessionen gewiß mit aller Sorgfalt gegeben wird, bei den meisten „Töchtern Zions?" AnStelledessen tritt— „dieLeih -Bibliothek!" Lächeln Sie nicht; es ist nickt übertrieben, wenn ich sage, daß bei den jüdischen Mode-Damen an Stelle des Religionsunterrichtes die Leih-Bibliothek tritt. Das ist ja auch ein ganz ausgiebiger, tüchtiger Unterricht, der da in diesen Anstalten, das Buch a 5 Sgr. erlheilt wird. Mit 17—18 Jahren sieht sich nun das „gnädige Fräulein" dem tait accompli gegenüber, die ganze Bibliothek verschlungen zu haben. Der Religionsunterricht ist aus, die Entlassung aus der höchsten Klasse der Töchterschule folgt nach — der Blaustrumpf ist fertig. Auf dem Lande ist die Erziehung wieder anders, und zwar je nach dem Bildungsgrade der Eltern. Sind die Eltern „aufgeklärt", nun denn, so nähert sich die Erziehung der Tochter dem hohen Ideale „ein Stadtfräulein" zu werden, nur mit dem Unterschieds daß die Leihbibliothek eine ältere ist, nicht alle „spannenden Novitäten" anschaffen kann, so daß die Lady'S vom Lande gezwungen sind, ihre Lebensanschauung aus Clauren, Spieß und Kotzebue sich zu holen. Doch auch bei den meisten strenggläubigen Eltern ist die Erziehung der Mädchen eine schlechte. Die mißverstandene Interpretation eines weisen Erfahrungssatzes unserer Alten hat lange Zeit hindurch das weibliche Geschlecht von allem religiösen Unterrichte ausgeschlossen, freilich nicht ganz mit Unrecht, weil sie ja in allem Thun und Lassen der Eltern, im Hause und in der Küche nichts als Religion, practisch-werkthätige Ausübung der Religion vor sich sahen, und also erst keiner dogmatischen Floskeln bedurften, um etwas auszuüben, was sich von selbst verstand, was ja mit ihrem ganzen Lebenswandel auf's engste verknüpft war. In unserer Zeit stellt sich die Sache ganz anders. Mag im Hause noch so viel religiöser Sinn vorherrschen, so müssen doch die jüdischen Mädchen durch einen echtjüdischen Unterrricht in allen Zweigen des jüdischen Wissens und des religiösen Lebens für den hohen Beruf, ein Weib in Israel zu werden, würdig vorbereitet werden. Im Iudenthume haben die Frauen von jeher einen bedeutenden Einfluß aus die Entwickelung und Gestaltung des Lebens gehabt, und selbst im Orient, wo die Frauen den Sclaven gleich gestellt waren, war die jüdische Frau von bedeutendem Einflüsse im Hause und im öffentlichen Leben. Ja, der vielverschrieene Talmud hat die Frage der Frauenemancipation (?) schon vor 1800 Jahren im liberalsten Sinne gelöst! Und warum sollten gerade in unseren Tagen, wo die allgemeinen BildungSelemente auch den Frauen zugänglich, wo die Frauen berechtigt, ja berufen sind, an der geistigen Arbeit des Jahrhunderts theilzunehmen, gerade das jüdische Weib von ihrem Ideale hoher Weiblichkeit sich entfernen? Freilich läßt es sich nicht leugnen, daß bei sittlicher Erziehung noch^ganz andere Faktoren Mitwirken, als der Religionsunterricht. Das Leben, mit seinen meist verderblichen Einflüssen macht oft allen Religionsunterricht zu nichte; und zerstört mit kalter Hand die schönsten Ideale einer weiblichen Seele. Ein gutes Theil hieran hat auch unsere Literatur; einerseits die furchtbare Ueberschwemmung mit seichten,