Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1870)
- Date
- 1870-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447455--08023-2463652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
114 sich unrichtige Bemerkung, um geistreiche Hypothesen aufzubauen, die jedoch jeder festen Grundlage entbehren. Dies nachzuweisen, ist hier nicht der Ort; doch ist dies in der wissenschaftlichen Beilage dieser Zeitung schon vielfach geschehen und wird s. G. w. noch ausführlicher besprochen werden. Der selige Rappoport, ein ebenso gründlicher wie hochgebildeter Forscher, hat die Hypothesen Geigers in ihrer ganzen Nichtigkeit nachgewiesen; es läßt sich noch Vieles hinzufügen. Was nun die Geigersche Richtung betrifft, so ist dieser der Lehrinhalt des Iudenthums vollständig Menschenwerk; die Thora sowohl als die Nebiim und Kethubim, die Mischnah -wie der Talmud; — es ist ihr das Alles ein Product des jüdischen Volksgeistes, wie die Literatur der Griechen ein Product des griechischen Volksgeistes ist. Di^'Akedah ist dieser Richtung ein Ueberrest von schmählichen Menschenopfern, wie sie im Heidenthume üblich waren, denen Abraham huldigen wollte, jedoch nach besserer Ueberlegung davon zurückkam; die Gebote und Verbote der heiligen Schrift sind dieser Richtung altherkömmliche' Ceremonien, die in unserer Zeit Sinn und Bedeutung verloren haben und besser durch andere, zeitgemäßere ersetzt werden. Eine zweite Richtung, die viel von Wissenschaft spricht, deren ganze Wissenschaftlichkeit aber in dem gänzlichen Mangel jüdischen Wissens besteht, ist die des vr. Ludwig Phillipson und seines in den letztverflossenen zehn Jahren auf ein Minimum geschwundenen Anhangs. vr. PH. hat hie Inkonsequenz, das Hin- und Her-Schwanken, das Üebergehen von einem Eptrem zum andern, die bare, aus völliger Unk^nntniß entspringende Principienlosigkeit zu seinem Principe gemacht. Er hält die Bibel für von Gott inspirirt, Moses für den Verfasser des Pentateuch und das Judenthum, von dem er nur wenig weiß, für eine Humanitätslehre. Alles, was irgendwo auftaucht und sich deS Beifalls des Herrn Ph. erfreut, ist ihm Judenthum; dahingegen ist ihm Alles, was die Religion Israels vorschreibt, was aber nicht die Zustimmung des Herrn Ph. hat, unjüdisch, später eingeschlichener Mißbrauch rc., und muß nach Herrn Ph.'s Ansicht entfernt werden. Es ist die aus der puren Unwissenheit entspringende Vergötterung der eigenen bornirten Anschauung. Matt mißverstehe uns nicht; wir wollen durchaus nicht behaupten, daß Herr Ph. gar Nichts wisse. Fern sei das von uns! Herr Ph. schreibt ein recht gefälliges Deutsch und hat sonst auch noch Manches gelernt. Allein auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft ist Ph. viel zu unwissend, um innerhalb derselben Me Stimme haben zu können. Eine dritte Richtung ist die Frankel'sche oder die des Breslauer Seminars. Herr vr. Zacharias Frankel ist nicht allein ein allseitig gebildeter Mann, sondern er ist auch ein tüchtiger, jüdischer -Gelehrter. Er hat das weite Meer des Talmuds durchschifft, aber er ist nicht in die Tiefen desselben getaucht, er hat nicht die Perlen vom Meeresgründe heraufgeholt sondern sich an allerlei bunten Muscheln, an allerlei seltenen Pflanzen und Thieren vergnügt, die er gesammelt und heimgebracht. SDienofti 'SN sind ihm Nebensache, die nwos-is HDDn'p sind ihm Hauptsache geworden. Ihm und seinem Anhangs ist die heilige Schrift wohl Gottes Wort, aber nicht durch und durch, Md die Tradition ist ihm nicht die göttliche Erklärung des Schriftwortes, sondern die Geistesarbeit der Rabbinen. Von diesem Standpunkte ans wird dann der Lehrinhalt des Judenthums ein Object der kritischen Forschung, die unterscheidet und aussondert, freilich mit Pietät, mit Klugheit, mit der Absicht, soviel als möglich zu conserviren, in der Praxis sich möglichst an das Gegebene und Ererbte zu halten. Daß diese Richtung ans lauter Widersprüchen zusammengesetzt sein muß, liegt auf der Hand. Die bedauernswerthen Jünger des Breslauer Seminars kommen aus diesen Widersprüchen nicht heraus. Ja, das Breslauer Seminar! „Angekränkelt von der Blässe des Gedankens" kann es einerseits diesen nicht in seiner Tiefe und Erhabenheit, in seiner das All beschattenden Allgemeinheit erfassen, um daraus die Fülle der Seligkeit zu schöpfen, welche demjenigen sich bietet, der es vermag, vom Allgemeinen aus durch das Besondere hindurch das Einzelne zu beleuchten, während es andererseits nicht die Kelten zu sprengen wagt, welche das Gesetz, auferlegt, wiewohl dieses Gesetz ihm ein Object des zersetzenden Verstandes geworden. Die Auffassung der jüdischen Wissenschaft, wie sie von Seiten der im Vorstehenden bezeichneten Richtungen geschieht, ist antijüdifch oder unjüdisch. Wie und in welcher Weise wir im Geiste der Lehre unseres Gottes die jüdische Wissenschaft aufzufaffen haben, das soll in einem nachfolgenden Artikel dargekegt werden. Jüdische LiLeraLurbriefe.*) Von vr. Gustav Karpeles. VIII. Wenn Sie, geehrter Freund, in Ihrem jüngsten Schreiben mich an die schönen Tage von Aranjuez *) Den Herren Autoren und Verlegern, die so gütig sind, mir ihre Werke zur Recension im „Israelit" zu übersenden, die Bitte, nicht mehr nach Loschitz in Mähren, sondern an meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort Berlin (Neuer Markt 10) dieselben freundlichst zu befördern.