Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1870)
- Date
- 1870-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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106 vor allem — wie überall im modern'» Iudenthume — die Rab biner. Vorher bemerken wir jedoch, daß, — wenn überhaupt religiöse Umwälzungen sich an eine bestimmte Jahreszahl knüpfen lassen — unr den Verfall des Glaubens unter den mährischen Juden seit 1852, d. h. seit dem Abgänge deS Herrn Rabbiner Hirsch aus Mahren datiren möchten. Solange dieser wackere Kämpe für das wahre Judenthum an der Spitze der' religiösen Angelegenheiten dieser Provinz stand, war auch ein anderer Geist vorherrschend. Sein Beispiel, und sein begeistertes Wort wirkten anregend und belebend auf die leicht empfänglichen Geinüther; die Neologie verkroch sich m ihre Echlnpfwinkel,! und wagte sich ja einmal einer hervor , so war Hirsch's Wort und sein moralischer Einfluß stark und mächtig genug. um jede auch nur annähernd reformistische Ueberhebung auf's Energisch'sie zurückznweisen. Alö Rabb. Hirsch im Jahre 1852 ans | Mähren abging, schlug er der Regierung, die mit der! Anstellung eines Oberlandrabbiners bis zum Erscheinen > eines neuen Judengesetzes warten wollte, als provisoj rischen Landrabbincn den damaligen Lokalrabbiner zu ' Boskowitz, Herrn Abraham Platzek, einen überaus > würdigen, durch seine seltene Frömmigkeit und bcdcn- , teude talmudische Gelehrsamkeit hervorragenden Manu j vor, der nun bis zum heutigen Tage dieses Amt j verwaltet. So sehr wir nun diese edlen Eigenschaften! des Biedermannes, ferner seine besondere Wohlthätigkcit. j feine bedeutende Klugheit und Friedensliebe ehrend aner-! kennen, so leid thut eS uns "— weil aber bic j Wahrheit uns über Alles geht, diesen ehrj würdigen Mann eines Fehler zeihen zu müssen, der j — wir muffen eS hier auösprechm — wesentlich zmn Per-! falle unserer' religiösen Zustände beigetragcn hat, nämlich wegen seines Mangels an Energie und Tbatkraft. WaS hätte Herr Rabbiner Platzek i mit seiner Gelehrsamkeit und seinen glanzenden Eigen- > schäften In unserem Lande nicht Alles können, wie; Vieles hätte er begründen, wie Vieles vernichten und! verhindern können? Und was bat er durch 18 Jahre! hindurch für das Wohl und Heil seiner religiösen j Pflegebefohlenen Zetban? —! verfolgt — freilich zum Nachtheile, ja zum Verderbe» des Landes. Wir waren in der Thai neugierig, die Rechtfertigung der Behauptung zu hören, daß alle Rabbiner orthodox sind. Auch etwa solche, die öffentlich -,03 s" trinken, die aus Bällen Nächte hindurch tanzen, die in ihren Svnagvgen alle Piutim abgcfchafft, dafür aber die Orgel und Phisbarmonika spielen lassen? wir könnten noch diese Fragen -rst iüf-initum mehren, glauben aber hinreichend bewiesen zu haben, daß der Geist, der leider in unserem schönen Mährenlande seit zwei Decennien vorwaltet, nickt der Geist echter jüdischer Frömmigkeit isi, der Jahrhunderte hindurch diese numerisch unbedeutende Provinz zu einer der bedcutendftcn in Bezug ans Frömmigkeit und talmudische Gelehrsamkeit gemacht hat. Ferne sei es jedoch von uns, Herrn Landrabbiner Platzek, dessen aufrichtige Frömmigkeit, dessen bedeutende talmudische Gelehrsamkeit wir wohl zu würdigen wissen, einen aclivcn Theil dieser Schuld aufznbürdcn. Unser bescheidener Tadel traf nur dea Mangel an Energie und Thatkrast, der es nicht verhindern konnte, daß in der eigenen Gemeinde des H mi Platzek eine P h i s h a r m o n i k a — bic freilich nur bei Hochzeiten und festlichen Anlässen spielt — ausgestellt wurde, daß in dem wenigen Stunden entfernten Brünn eine O r g e l sich befindet, Institutionen, die unter dem Landrabbiner Hirsch nie u n d nimmer in Mähren Platz gegriffen hätten. Ja wer hätte das gedacht, daß in Boskowitz, einer so wahrhaft jüdischen Gemeinde ganz ruhig, ohne den geringsten 'Widerstand von irgend einer Seite eine jo durch und durch unjüdijche Institution, wie eine Leicrkastenartige kleine Orgel, je Platz greifen würde? Doch cs geschehen ja in unserem Landchen noch andere Dinge, die diese bei weitem hinter sich lassen, andererseits haben wir wieder Beispiele, die uns trösten und erheben können. Und so treten wir denn unsere Rundschau getrost an. und beginnen mit der Metropole der jüdischen Intelligenz Mährens, mit Nikolsburg. (Fortsetzung folgt.) y Als vor etwa 2 Jahren die bekannte Rabbiner- Lehrer- und Vorsteherversammlung in Brünn stattfand , fing einer der Notablen seine Rede mit den Worten an: „Wir orthodoxen Rabbinen Mährens li. f. w." wurde aber durch den Ordnungsruf des Herrn LandrabbinerS auf's heftigste zurückgewiesen. „Alle Rabbiner Mährens sind orthodoxe" sagte damals Herr Placzek, und .kennzeichnte chamit die Brrtuschungstheorie, die nur den schein um jeden Preis wahren will, mag eS unter der Decke wie immör aussehen ein Princip. daS der Herr Landrabbiner schon seit 18 Jabrc mit seltener Eonsequenz Frankreich. Paris, den 1. Adar 1. Alea jacta cSt der Würfel ist gefallen: nunmehr scheint fick das Loos zu entscheiden, welches dem osstciellen Judenthume in Paris resp. in Frankreich beschieden werden soll, seitdem nämlich ein neues 'üdijch - unjüdisches Organ „La revue israelito" das Licht erblickt, dessen Hauptredacteur ein Herr Loeb, ehemals Rabbiner zu 8t. j kltierme, gegenwärtig Sekretär der „All. JSr. Univ." j ist. Dasselbe erfreut sich insbesondere der aufrichtig-