Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1870)
- Date
- 1870-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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79 Linerschule. Wenn Sie also behaupten, daß wir nicht wollen, „daß die Jugend in Rußland zu zeitgemäßem Wissen und nützlicher Berufsthätigkeit berangebildet werden soll," so sind Sie wohl mit Nuzen bei Ihrem Philippson und dessen Kampfesmethode in die Schule gegangen; deßhalb können Sie aber dock kein j'NB itn schaffen; was Sie uns unterstellen, ist eben —- eine Unterstellung. Sie schildern uns den Jammer der Tausende von Waisen. Und das wähnen Sie, einem Würzburger Rabbiner- und dem Vr. Lehmann rc. erst erzählen zu müssen, die sich so eingehend mit dieser Angel» genhkit beschäftigt, und deren ersterer über zwölf Tausend Thaler für diese Calamität gesammelt und letzterer über dieselben geschrieben und gedruckt und mehr als zwanzigtausend Thaler gesammelt? nha toa jn» *6 'Q? Wir wallen, wie irgend Jemand, daß unfern armen Brüd rn in Rußland in möglichst ausgedehnter Weise geholfen werde; auch den Vorschlag der Gründung von Schulen nahmen wir gern auf; nur wollen wir, wenn man zu Sammlungen rc. an uns und unsere ^esinnungsgenossen appellirt, Garantien haben, (Garantien, mein lieber Herr Rülf!), daß diese armen Waisen so erzogen werden, daß ihnen nicht Civilisaton und jüdische Gesinnung im umgekehrten Verhältnisse stehen. — Es werden bei Ihnen 25 Schulkinder und 7 Handwerker dus Rußland erzogen. — Wohl Ihnen! ich hoffe, daß man dort bei der Auswahl der Unterkunft für dieselben in Bezug auf dV'» und "idn "dxq wählerischer sein wird, als — an einem gewissen andern Orte. Daß sich Gott erbarme! Sehr ermuthigend ist, ich gestehe es, der nächste Passus Ihrer Epistel gerade nicht. Sie sagen, „man wird dafür sorgen, daß sie religiös leben, nat? halten, und so diel als möglich am öffentlichen Gebete Theil nehmen." Also nur Werkheiligkeit versprechen Sie uns, und gar nichts von der Aneignung einer jüdischen Gesinnung und jüdischen Wissens? Ein schöner Panegyriker! — Nicht aus Furcht vor dem Widerstande der Bevölkerung, ei, Gott behüte, sondern weil Sie nicht reformiren wollen, würden Sie Sich der Neuerungen enthalten. — Nun, dieses Siegesbewußtsein , gegenüber einer nach Hunderttausenden zählenden Bevölkerung ist wohl recht imponirend; wahr aber auch ist's, daß sich nicht nur ein Lilienthal, bei dem jetzt in Amerika so recht hy oid noin ir6’nn, sondern noch ein Paar Hundert Lilienthale auch an dieser Bevölkerung die Finger verbrennen werden. Daß Sie aber „nicht reformiren" wollen, ist wiederum zu matt aufgetrogen. Die jüdisch theologische Facultät (???) in sxs hier, ebenfalls ein „Werk" des Professor Lazarus, ganz ebenso wie das Königsberger Grenzcomit«, will auch „nicht reformiren sie will nur Grabesruhe glles Religiösen. Wir aber wollen trotz alledem und alledem, daß wenn man auch die Orthodoxie fort und fort mit Spenden in Athem hält, man das Judenthum conserviren soll, und nicht nur „nicht reformiren," was sehr oft auch dieenigen, welche sich zum schmählichsten Pessimismus blkennen, zur Norm nehmen. — Wir werden aber noch einer Jnconsequenz geziehen, indem wir, unbekümmert um die religiöse Zukunft der Auswanderer, iür Auswanderungen plaidiren. Fehlgeschoffen, mein Herr! Wir sind für Auswanderungen, obgleich wir die Geringfügigkeit der Hilfe im Verhältniß zum Ganzen sehr wohl kennen, weil nmt ccoj D”pon dir 'oi pfuschen aber bei j"p£? weder Gott in Seine Vorsehung, noch dem Menschen in seine Willensfreiheit; werden aber gegen positives Eingreifen in die Culturgestaltung und gegen beabsichtigte Institutionen, denen möglicherweise gerade dieses vrsi zum Opfer fallen kann, ohne früher uns gebotene Garantieen nicht unterlassen, die Stimme zu erheben, und wenn dies auch noch viel mehr „ Schmähungen" zur Folge hätte. — Ja, aber die Umrürdigeren warwern aus. — So möge ein Comite gewissenhaft überwachen, daß nur die Würdigen befördert werden; dann werden diese sich schon zur Auswanderung entschließen. Uebrigens muß dieser Ihr Einwand auch nicht so genau zu nehmen lein. Schreiben Sie mir ja selb r erst in den letzten Wochen über eine besonders würdige, zur Auswanderung entschlossene Familie, und werden Sie wohl meine Antwort hierauf erhalten haben. Schließlich noch ein Wort. Sie wissen, daß Niemand von persönlichen Antipathieen gegen Sw erfüllt ist; meine vielen in Ihren Händen befindlichen Briefe bezeugen Ihnen meine Gesinnung gegen Sie. Ich schätze und acdte auch jetzt um nichts, weniger Ihre beispiellose und fast unglaubliche Thätigkeit für unsere armen Brüder in Rußland. Möge Ihnen Gott die Tausende von Lebenserhaltungen gedenken, die das Gesammtjudenthum Ihnen verdankt. Ausschreitung-n jedoch gegenüber, besonders solchen, die vor die Oeffentlichkeit gebracht werden, und die eS mit Verunglimpfung der verd enstvollsten Männer be8 Iudenthums zu thun Haben, gilt mir selbst bei E«visionen mit den wärmsten Sympathieen, als höchstes Princip — amicissima veritas. Dr. Israel Hildesheimer. Nachschrift: Nach dem Schluffe dieses Briefes, erhalte ich Nr. 3 der „Israelitischen Wochenschrift", in welcher der „Gegenproteft" des vr. Rülf durch eine redaktionelle Note unterstützt wurde. Ich stehe nicht an, auf dieselbe sofort zu erwidern: 1) daß gar keine Person als solche, am allerwenigsten die des vr. Rülf angegriffen war, 2) daß die Gründung von Schulen in Rußland nicht „das lange angestrebte und endlich der