Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-01-12 · Heft 2 (12.1.1870) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 2 (12.1.1870)
Date
1870-01-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447450--07924-2463548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24 >ie der sparsame Kaiser in ihren Vergnügungen eingeschränkt hatte, freute sich des bevorstehenden Wechsels und stieß Schmähungen und Drobworte gegen den frommen Herrscher aus, als er bei einem religiösen Umzuge barstiß durch die Straßen schritt. Mein Vater entfloh mit seiner Gemahlin und seinen neun Kindern nach Chalcedvn, während mein ältester Binder, der römische König Theodosius, zu Dir, mächtiger König, eilen wollte, um Deine Hilfe anzurufen. Ach, er hat Dein Hoflager nicht erreicht; unterwegs traf ihn der Dolch des Meuchelmörders; auch mein Vater wurde in Chalcedon von den Schergen des Usurpators ergriffen, seine Söhne wurden vor seinen Augen geschlachtet; nur ich allein entfloh. Auch den unglücklichen Vater hat man ermordet, die Mutter und die Schwestern erst in ein Kloster gesperrt; dann auf die Folter gespannt und auf die entsetzlichste Weise hingerichtet. Jetzt wüthet Phocas im ganzen Reiche als ein blutiger Tyrann. Ohne gerichtliche Unters suchung werden die Opfer seines Hasses und seiner Furcht schaareuweise zum Tode geführt; mar; durchbohrt ihnen die Augen, reißt ibnen die Zunge aus, schneidet ihnen Hände und Füße ab und peitscht sie dann zu Tode. Die Häupter und Gliedmaßen und verstümmelten Leichen der treuen Anhänger meines Vaters, derselben, die einst Dir, o König, hilfreich waren, füllen das Hippodrom. Mein Herr und König, den Dolchen der Meuchelmörder, den Schaaren der Verfolger, bin ich entkommen zu Dir. O, hilf, mein König! Räche das unschuldige Blut meines Vaters, memer Mutter, der Tochter und der Gattin eines Kaisers, meiner unglücklichen Brüder, meiner bejammernswerthen Schwestern! Bestrafe den elenden Tyrannen, die fluchwürdigen Meuterer und verschaffe mir, Deinem Knechte, den Thron meiner Väter wieder!" Nachdem Teophanes seine Rede beendet hatte, warf er sich, laut weinend, mit dem Antlitze zur Erde nieder. Der König hob ihn auf, umarmte und küßte ihn. „Du bist sicher und 'geborgen bei mir," sprach er dann. „Deine Feinde sind von heute au auch die meinigen; ich werde meinen Freund und Vater, meinen Beschützer und Erretter, den edlen Kaiser Mauritius rächen; ich werde das Blut seiner Mörder vergießen wie Wasser. Dich aber werde ich setzen aus den Thron Deiner Väter!" — Und alsbald befahl der König, dem flüchtigen Kaisersohne einen Palast zur Wohnung anzuweisen, mit Gold und Kleidung ihn zu versehen, und ihm Diener beizugeben, wie der Rang eines kaiserlichen Prinzen es erheische. , Dann ließ der König die Fürsten seines Reiches zusammenberufen. Unter ihnen erschienen auch Chaninai, der Fürst der Juden, und sein Sohn Hunna. Unterdeß kam der Gesandte dcS Phocas nach Ktesiphor, um dem Könige von Persien die Thronbesteigung seines Herrn anzuzeigkn. Kosroes ließ ihn in den Kerker werfen. Nachdem der Sohn des ermordeten Mauritius vor den versammelten Fürsten des persischen Reiches seine Erzählung wiederholt hatte, bemächtigte sich großer Eifer der Versammlung. „Krieg," rief Alles, „Krieg gegen die Mörder und Tyrannen!" Es wurde darn beschlossen, zuerst in Mesopotamien cinzufalleu, die Grenzfestungen des Reiches, Merdin, Dara, Armida und Edessa, welche Kosroes einst aus Dankbarkeit dm Kaiser Mauritius abgetreten hatte, wieder zu erobern, dann Palaestina einzunehmen, darauf, wenn das Kriegsglück günstig sei, immer weiter, bis nach Konstantine pel rorzurücken. Als der Kriegsplan berathen war, wurden die Fürsten beauftragt, das Heer auszurüsten und die noch fehlenden Truppen anzuwerben. „Chaninai," sprach der König dann zu dem jüdischen Fürstend „waren nicht Deine Vorfahren Könige von Palaestina?" „Wohl, mein gnädigster König," antwortete der Resch Gelutha, „Dein Knecht ist ein Nachkomme Davids, des Königs von Jsra-l!" „„Nun denn,"" entgegnet? Kosroes, „„wenn uns daS Kriegsalnck hold ist und wir Palaestina erobern, so magst Du oder Dein Sohn Hunna das Land Deiner Väter wieder beherrschen. Nur sorget dafür, daß die Söhne Eures Volkes sich unseren Heeren in großer Zahl anschließen. Führt Ihr uns zwanzigtausend jüdische Krieger zu, so verspreche ich Euch, den Vater oder den Sohn, je nach Eurer Wahl, zum Satrapen von Palaestina einzusetzen. Dann möget Ihr Eure Brüd.r sammeln aus allen Ländern und den Tempel Eures Gottes wieder ausbauen." „Dein Wille, o König," antwortete Chaninai, „geschehe! Dein Knecht Chaninai ist schon zu alt für die G fahren des Krieges. Mein Sohn Hunna aber wird Dein siegreiches Heer begleiten an der Spitze der Krieger meines Volkes!" „Gott gebe Deinem Werke Gelingen," rief Hunna begeistert, „nicht zwanzigtausend, dreißiglausend löwenmüthige Söhne Jsrae'ö sollen die Reihen des königlichen Heeres verstärken, und der Gott unserer Väter wird Dir wie uns Sieg und Ruhm verleihen!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.