Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1870)
- Date
- 1870-01-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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zwei, welche der Familie M. zusagten, und sie hatten sich zu entscheiden, ob sie ihre Tochter einem gut accreditirten Schuhwaaren-Erzeuger oder einem eben absolvirten Doctor der Medicin zur Gattin geben sollten. Die Mutter war für den Doctor, der Vater für den Schnhwaaren-Erzeuger, und die Gattin, eine Frau, wie sie sein soll, fügte sich den Wünschen ihres Gatten und acceptirte dessen Ansicht: „das Handwerk hat einen goldenen Boden." Man hatte den jungen Leuten Gelegenheit gegeben, sich gegenseitig kennen zu lernen; Alles ging vortrefflich, und es handelte sich nur mehr darum, den Tag der Verlobung zu fixiren. Therese M. bat ihre Eltern, jede officielle Feierlichkeit zu unterlassen; doch der Bräutigam wollte diese Gepflogenheit nicht missen, und so mußte dann das arme Mädchen sich noch einmal — das fünftemal — einer Verlobung unterziehen. Für den 10. October, Abends 8 Uhr, war diese angesetzt. Im Hause der Familie M. wurden Gänse uns Nikolsburg und „Pockerln" aus Raab mundgerecht hergerichtet, der große mährische Fladen, eine nationale Fächertorte, wurde nach allen Regeln der Kochkunst reich mit Weinberl und Cibeben ausgestattet, Tokaier und Champagner-Weine wurden herbeigeholt. Der Tisch war gedeckt, die Verwandten und Freunde der Familie M. und des Bräutigams Julius S. hatten sich, festlich gekleidet, eingesunden, lange vor der für die Verlobung anberaurntenStunde. Therese M. hatte unter Mitwirkung einer Schwester die Toilette beendet und harrte in größter Aufregung der Dinge, die da kommen sollten. So oft die Thür geöffnet oder ein Geräusch vor derselben hörbar wurde, zuckte Therese zusammen, denn der wichtigste Gast des leutigen Abends fehlte noch immer, nämlich der Bräutigan Julius S. Das ganze Wesen des armen Mädchens trug das Gepräge einer qualvollen Situation und in jedem ihrer Blicke sprach sich die Frage aus: „Ob er wohl kommen wird?" Es war 8, ja Uhr geworden, und Julius S. kam noch immer nicht. Da wurde endlich auch den Eltern des Mädchens bange und auch Vater und Mutter gingen, abwechselnd an das Fenster, um den Heißersehnten zu erspähen. Endlich um 3/4 auf 9 Uhr ertönt die Glocke. Wie elektrisirt springt das Mädchen vom Sitze auf. Gottlieb M. eilt in das Vorzimmer, in der Absicht, dem Julius S. einen sanften Vorwurf wegen des langen Ausbleibens zu machen; doch es war nicht der Heißersehnte, den die Glocke signalisirte, es war ein Dienstmann, der von ihm einen Brief brachte. Hastig öffnete Gottlieb M. den Brief, in weichem Julius S. Folgendes mittheilte: „Mein Herr! Verzeihen Sie, daß ich nicht komme, ich kann nach dem Inhalte des Briefes, den ich Ihnen hiermit übersende, nicht kommen. Nicht meine Schuld ist es, daß diese Angelegenheit bis zu jenem Punkte gediehen ist, ans welchem sie sich gegenwärtig befindet. Sie wollten mich täuschen und sind nun selbst ein Opfer dieser Jntrigue." Der beigeschlossene Brief, auf welchen sich ZuliuS S. bezog, lautete: „Hochgeehrter Herr! Ich halte es für meine heiligste Pflicht, Sie von einem Schritte abzuhalten, der Sie für Ihr ganzes Leben unglücklich machen könnte. Sie stehen auf dem Punkte, sich mit der ältesten Tochter des Herrn Gottlieb M zu verloben — ein Schritt, der Ihr Lebensglück zerstöre» könnte. Das Mädchen war bereits viermal verlobt und jedesmal zerschlug sich die Partie, weil das Mädchen einen Fehler besitzt, der sie unfähig macht, Ihr Weib zu sein. Mehr läßt sich dem Papier nicht anvertrauen, wollen Sie mehr wissen, so besuchen Sie mich; in Fetzens Kaffeehaus bin ich täglich zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags. Sie werden mir lebenslänglich dankbar sein. Wien, 10. October. Isaak Gl." Gottlieb M. hatte anfangs geschwankt, was er mit den Briefen anfangen sollte; endlich raffte er alle seine Kraft zusammen, entfaltete die beiden Briefe und las deren Inhalt der Gesellschaft vor, nachdem er zuvor seine Tochter Therese aus dem Zimmer entfernen ließ. Die in die äußerste Aufregung versetzte Gesellschaft blieb noch einige Zeit beisammen / gab ihrem Unmuthe kräftigen Ausdruck und drang in Gottlieb M., die Sache bei Gericht anhängig zu machen. Noch am selben Abend suchte Gottlieb M. seinen Rechtsfreund, den Advokaten Dr. Emil Besetzny, auf und trug ihm die ganze Angelegenheit vor. Wenige Tage später hatte vr. Besetzny gegen Isaak Gl. eine Ehrenbeleidigungs - Klage überreicht und den Julius S. als Zeugen vorladen lassen. Der gestern vor dem Bezirksgerichte durchgeführten Schlußverhandlung entnehmen wir nun folgende Details: Richter: Sie haben gehört, welche Klage gegen Sie vorgebracht wurde, was haben Sie dagegen zu bemerken? — Isaak Gl.: Was soll ich bemerken, ich bemerke gar nichts, ich kümmere mich um die Klage gar nicht. — Richter: Ja, so einfach lassen sich derlei Dinge nicht abthun. Sie müssen, nachdem gegen Sie eine Klage anhängig wurde, dem Gerichte Rede und Antwort geben. — Isaak Gl.: Euer Gnaden, vor Ihnen alle Achtung, aber was gehen mich die Leute mit ihrer Ehre an? — Richter (ihm seinen Brief vorhaltend): Haben Sie diesen Brief geschrieben? — Isaak Gl.: Vielleicht ja, vielleicht nicht! Richter (zurechtweisend): Was ist das für eine Antwort, vergessen Sie nicht, daß Sie vor Gericht stehen, und sagen Sie mir bestimmt, ob Sie diesen