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Der Israelit · 1870-01-05 · Heft 1 (5.1.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 1 (5.1.1870)
Date
1870-01-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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y Auf einer Anhöhe war ein prachtvolles Zelt aus Seide und Byffus, getragen von Säulen.aus Ebenholz und eingefaßt mit silbernen Ringen, erbaut; dorthin begab sich der Bräutigam, geleitet von Vater und Schwiegervater, während hundert Musiker fröhliche Weisen spielten. Als die Musik schwieg, nahte ein neuer Zug. Zwölf Läufer in der Livree des fürstlichen Hofes liefen vor einem vergoldeten Wagen her, den vier mit Blumen geschmückte Maulthiere zogen; in ihm saß tief verschleiert die Braut nebst Mutter, Schwiegermutter und der Schwester des Bräutigams. Und das Volk rüf: „Es lebe die holde Braut, die fromme Jaletha, die Tochter des berühmten Kaphnai, die Lilie von Saron, die Myrthe von Zion, die künftige Stammutter der Könige Israels!" Unter den Klängen der Musik wurde Jaletha die Anhöhe hinaufgeführt, während Wagen auf Wagen all die zahlreichen Freunde und Verwandten des fürstlichen Hauses wie des Gaon Kaphnai herbeiführten; auch Mari bar Mar, das Oberhaupt der Schule von Pumbaditha, kam herbei unter den Jubelrusen der Menge; er sollte die Trauung vollziehen. Und als Alles geordnet, als Bräutigam und Braut unter dem Baldachin standen und das Thalith sie beide bedeckte, da ergriff Mari bar Mar den Becher, um die vorgeschriebenen Segenssprüche mit lauter Stimme zu sprechen; ihnen folgte ein tausendstimmiges „Amen!" Als aber der Bräutigam den Ring der Braut an den Zeigefinger der rechten Hand steckte, dabei laut die Worte rufend: „Wohlan, Du seiest geheiligt mir durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses und Israels," da wollte das Heil-Rufen der Menge kaum ein Ende nehmen; die Diener des Resch Gelutha mußten zur Stille mahnen, damit der Gaon Mari -ar Mar die Kethuba vorlesen und ein Verwandter des Bräutigams und ein solcher der Braut die andern, noch vorgeschriebenen Segensspruche verkünden konnten. Nach vollzogener Trauung wurde eine Festtafel für alle Anwesenden gedeckt und Speisen und Getränke in ungeheurer Menge herbeigeschafft. Als die ersten Gerichte verzehrt waren und die Gäste sich an Speise und Trank gelabt hatten, trug der Bräutigam mit lauter, wohltönender Stimme einen Abschnitt aus dem Talmud vor, den Sinn deffelben erklärend, die Schwierigkeiten erörternd und lösend. Nachdem er so gezeigt hatte, daß er ein würdiger Sohn des Resch Gelutha, ein ebenbürtiger Schwiegersohn des Gaon sei, erhob er fein Glas und rief, so daß ihn Alle hörten: „Freunde, Stammesbrüder! Nicht bin ich so stolz, zu vermeinen, daß Eure Theilnahme an meinem Feste dem unbedeutenden Jünglinge Hunna gilt! Nein, sie gilt meinem Vater, meinem Vaterhause, meinem Stammvater David! Ach. Freunde, zur Erde ist gefallen Davids Krone, zerstört ist unser Königspalast auf Zion, unseres Gottes Heiligthum in Jerusalem; zerstreut und geknechtet sind Israels Söhne auf dem ganzen Erdboden, erloschen ist der Glanz unseres Volkes; aber unsere Hoffnung lebt noch! Ach, was haben wir erdulden müssen, seitdem der grausame Römer unser Heiligthum eingeäschert hat', was haben wir nur hier erdulden müssen an Babels Strömen! Noch sind keine hundert Jahre verflossen, als König Kobad und die wahnsinnigen Zendik*) Ströme heiligen, jüdischen Blutes vergossen haben, noch sind keine achtzig Jahre verflossen als mein Urahn, der Fürst Mar Sutra und dessen Großvater der Gaon Mar Chanina hier in Mechusa hingerichtet wurden, nachdem sie den Mord des Gaon Mar Isaak hatten rächen wollen; noch sind nicht zwanzig Jahre verflossen, als der grausame König Hormuz IV. diesen Boden mit jüdischem Blute tränkte; auch unser jetziger König, Kosross II., hat seine Thronbesteigung mit dem Blute der Unsern besiegelt, da wir nach des grausamen Hormuz Tode den Feldherrn Bahram. unterstützt halten, welcher statt seiner hatte König werden wollen. Kein Jahrzehnt, das nicht Tod und Verfolgung geschleudert hätte in unsere Reihen! Wir aber blicken seufzend empor zu Gott und fragen jammernd: „Herr, wie lange noch? Wann wirst Du hervorsprießen lassen daö Heil Deines Gesalbten, wieder aufrichten die einfallende Hütte Davids, Deines Königs?" — Freunde, Brüder! Möge aus meinem Hause emporblühen Davids Herrscherstab! Die Tochter des großen Gaon Kaphnai, die fromme Jall'tha, ist heute meine Gattin geworden; möge ihrem Schooße entstammen der heißersöhnte Erlöser, möge uns Gott bald den Zeitpunkt herbeiführen, daß wir ernten in Jubel, was wir so lange gesäet haben in Thränen, möge nach Zion kommen der Erlöser!" „Also sei es Gottes Wille!" riefen die begeisterten Hörer, und der Gaon Mari bar Mar, Stille gebietmd, sprach: „Möge Dir selbst, edler Prinz, des Himmels Gnade werden, mögest Du selbst uns führen hin zu den heimathlichen Bergen, auf daß die Lehre wieder ausgehe von Zion und Gottes Wort von Jerusalem." (Forts, folgt.) *) Eine persische Religionssecte, die Weiber- und Güter- Gemeinschast einführen wollte. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Damps-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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