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Der Israelit · 1869-12-29 · Heft 52 (29.12.1869) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 52 (29.12.1869)
Date
1869-12-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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1017 Graf Benno jedoch steht mit seinem Bruder im eifrigen Briefwechsel; einmal hat er ihn sogar, freilich ohne Wissen seiner Mutter, in London besucht und sich seines Glückes gefreut. „O", hatte Joseph bas mals gesagt, „ wenn ich doch gefahrlos zurückkehren könnte in mein Geburtsland, ich würde mich bemühen, meine Mutter zu versöhnen. Ich weiß, es drückt sie der Fluch, den sie so unberechtigt gegen mich ausgesprochen." Als Graf Benno von seiner Londoner Reise zurückkehrte, warfen die Mißhelligkeiten zwischen Oesterreich und Preußen ihre ersten Schatten auf den Frieden Europas, der bald genug ernstlich gefährdet werden sollte. Die mörderische Schlacht bei Königgrätz ließ Oesterreich unterliegen; allein aus den Trümmern entstieg neues Leben, ein junges, freies, constitutionelleS Oesterreich; der mittelalterliche Schutt, der noch auf dem großen Kaiserstaate lag, wurde hinweggeräumt — die ernste, rechte, volle Gewissensfreiheit wurde zum Gesetz gemacht und als solches verkündet. Leute, die sich vor vielen Jahrzehnten hatten taufen lassen und, wiewohl voll Reue, dennoch in der angenommenen Religion beharren mußten, suchten den Fehler ihrer Jugend wieder gut zu machen und kehrten zumJubenthume zurück. Als die Kunde von diesen Ereignissen zu Joseph drang, beschloß er mit all den Seinen einen Besuch im Vaterlande zu machen; in Prag angekommen, meldete er sofort dem Bruder seine Ankunft und bat ihn, die Mutter auf seinen Besuch vorzubereiten. An einem schönen Sommernackmittage saß Graf Benno mit seiner Familie in einer Laube des SchloßgartenS. Still und in sich gekehrt saß auch die alte Gräfin dort. „Kinder," fing Graf Benno plötzlich zu reden an, „Ihr wißt wohl gar nicht, das Ihr noch einen Oheim habt!" Erstaunt blickten die Kinder zu ihm auf, während seine Mutter zusammenfuhr. „Und wo ist dieser Oheim?" ftagte Arthur, der älteste Sohn. „Er wohnt in London", entgegnete Graf Benno, „und heißt Joseph del Monte." „„Und warum erfahren wir erst jetzt von diesem Oheim?"" „Weil die Großmama ihm zürnt. Mutter", fuhr er zu dieser gewendet zu reden fort, „wie lange noch willst Du den Haß bewahren gegen Dein Kind, das Du unter Deinem Herzen getragen?" „Du weißt von ihm?" fragte Gräfin Agnes hastig. „O, ich hasse ihn nicht mehr, ich habe ihm längst verziehen, und der Fluch, den ich gegen ihn ausgesprochen, nagt wie ein Wurm an meinem Herzen." „„Mutter!"" rief Graf Benno freudig, „„sei gesegnet für dieses Wort. Dein Joseph sehnt sich darnach , Dir die Hand zu küffen. Wann darf ich ihn zu Dir führen?"" „Ist er hier?" „„Er ist hier!"" Graf Benno eilte ins Schloß und kehrte an der Hand feines Bruders zurück. „Mutter", rief Joseph, die Hand der Gräfin ergreifend und sie an die Lippen führend, „Mutter", kannst Du mir verzeihen?" Die Mutter schloß ihn in die Arme und weinte laut; auch Josephs Augen wurden naß, während Graf Benno und die Seinen ihrer Rührung freien Lauf ließen. „Min Sohn", sagte die Gräfin, „wie oft war ich im Begriffe, nach Dir zu schicken und Dich an mein Herz zu rufen, und konnte es nicht über mich gewinnen. Sei gesegnet, sei gesegnet dafür, daß Du zuerst gekommen. Ich nehme ihn zurück jenen grausigen Fluch; Gottes Segen möge kommen auf das Haupt meines Sohnes!" Nun mußte Joseph der Mutter erzählen von Fran und Kindern und Schwiegerettern. Sie alle mußreu nach Schloß Dornbach kommen, und die Gräfin segnete ihre jüdischen Enkel und Enkelinnen. „Wie wunderbar", sagte del Monte zur Gräfin, „hat uns Gott geführt. Erinnern Sie Sich noch jenes Ballabends, da Sie erfuhren, daß ich Jude sei?" „O", sagte die Gräfin, „in langen, einsamen, trauervollen Nachten habe ich viel nachgedacht und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß nicht die Religion sondern der Stolz es war, der mein Herz mit Haß und Verachtung erfüllt halte." Graf Benno drang in seinen Bruder, wenigstens die Hälfte des Vermögens anzunehmen, das ihm als dem Erstgeborenen eigentlich fast ganz gehörte. Joseph weigerte sich mit Entschiedenheit. „Gott hat mich gesegnet" sagte er, „und wenn ich mich in Böhmen ankaufen wollte, so könnte ich mit Leichtigkeit größere Güter als die Deinigen erwerben." Auch Namen und Titel eines Grafen von Dörnbach, wozu nach den neuen Gesetzen Joseph auch als Jude berechtigt war, lehnte er ab. „Als die Frage," sagte er, „ob Gras oder^ Jude, an mich herantrat, da habe ich für den Juden entschieden und den Grasen zurückgewiesen; so soll es auch bleiben." Joseph blieb mit den Seinen den ganzen Sommer in Böhmen; nur sein Schwiegervater kehrte nach wenigen Tagen nach London zurück, wo seine Anwesenheit im Geschäfte erforderlich war. Gegen Ende des Sommers erkrankte Gräfin Agnes von Dornbach und genas nicht mehr; ehe sie starb segnete sie ihre beiden Söhne und alle ihre Enkel.

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