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Der Israelit · 1869-12-29 · Heft 52 (29.12.1869) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 52 (29.12.1869)
Date
1869-12-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1016 „Gib mir einen Gold-Denar!" sagte der Traumdeuter. — Der Schatzmeister wollte ihm nichts geben, und so schwieg der Traumdeuter. — Den zweiten Tag kam der Schatzmeister wieder und sagte: „Ich sah im Traume einen Wurm sich mir in zwei Finger einbohren." — „Gib mir einen Gold-Denar!" sagte der Traumdeuter. — Der Schatzmeister wollte abermals nichts geben, und so behielt abermals der Traumdeuter seine Deutung zurück. — Den dritten Tag kam der Schatzmeister zum dritten Male und sagte: „Ich sah im Traume einen Wurm mir durch die ganze Hand gehen." — „Welchen kaiserlichen Schatz," frug jetzt der Traumdeuter, „hast Du zur Aufbewahrung?" — „Die serischen Gewänder," antwortete der Schatzmeister. — „Der Wurm," sagte der Traumdeuter, „hat alle Gewänder durchfrefsen." — Das wurde im kaiserlichen Palaste gehört, und als es sich in Wirklichkeit so fand, nahm man den Aufseher des kaiserlichen Schatzes fest, um ihn seine Nachlässigkeit mit dem Tode büßen zu lassen. — „Warum wollt Ihr mich strafen?" srug der Schatzmeister, „den Mann straft, der von der Sache schon vor drei Tagen gewußt und nichts davon gesagt hat." — Da holte man Bar-Jdia und sagte zu ihm: „Um eines Gold-Denars willen hast Du die kaiserlichen Gewänder zerfressen lassen! Das sollst Du mit dem Tode büßen!" — Man bog zwei Cedern mit ihren Kronen zusammen und band sie fest aneinander. Dann band man mit Stricken je einen Fuß des Traumdeuters an einen Baum, ließ dann die Bäume wieder auseinanderfahren, und so wurde der Arme in zwei Stücke zerrissen. — Wohl eine harte Vergeltung für seine Doppelzüngigkeit. — Mag man nun über den Traum und über alles bisher darüber Gesagte noch so verschiedenartig denken, eine gänzliche Bedeutungslosigkeit des Traumes behaupten ist gewiß zu weit gegangen. Freilich träumen auch Thiere; aber daö Thier vermag gewiß nur Thierisches zu träumen, der Mensch hingegen nur Menschliches, und,wie oft schon vermochte so ein Traum, frei von jeglicher räumlichen und zeitlichen Beschränkung, uns unser Inneres zu erschließen und zur Selbsterkenntntß zu bringen! — Lichtenberg sagt: „Träume führen uns oft auf Umstände und in Begebenheiten hinein, in die wir im Wachen nicht leicht verwickelt werden können; oder sie lassen uns Unbequemlichkeiten fühlen, die wir vielleicht als klein in der Ferne verachtet hätten, in die wir aber vielleicht mit der Zeit verwickelt worden wären. Ein Traum kann daher oft unfern Entschluß ändern, und unfern moralischen Fond mehr sichern, als alle Lehren, die durch einen Umweg in*e Herz kommen." — „Mich dünkt", sagt Novalis, „der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens; eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirst, und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht. Ohne Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine göttliche Mitgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum Grabe betrachten." — Araf oder Jude? xv. Versöhnung. Viele Jahre sind nach den erzählten Ereignissen vergangen. Joseph kam glücklich nach London, wo er seine Studien jedoch nicht fortsetzte, sondern ein Jahr lang in einem der ersten City-Geschäfte arbeitete. Dann kam del Monte mit den Seinen, der unterdeß seine Verbindungen in Prag gelöst und sein Vermögen flüssig gemacht batte, nach London, und etablirte hier in Verbindung mit seinem Pflegesohne ein Bankhaus, das sich bald des besten Rufes erfreute und sich im Verlaufe weniger Jahre zu einem der ersten der Londoner City entwickelte. Viele Jahre sind, wie gesagt, seitdem vergangen, Joseph hat seine Pflegeschwester Speranza geheirathet, und liebenswürdige, gutgeartete Söhne und Töchter sind die Freude und der Stolz der Eltern und Großeltern. In einem der vornehmsten Stadttheile Londons, in Baiswaler, bewohnt die Familie ein schönes Haus mit einem herrlichen Garten, während del Monte und Joseph täglich vermittelst der unterirdischen Eisenbahn in die City fahren, wo sich das Geschäftslokal befindet. Joseph und die Seinen sind froh und glücklich; Liebe und Eintracht verschönt ihr Leben — der Fluch der zürnenden Mutter hat sich nicht erfüllt. Gräfin Dornbach lebt seitdem still, einsam und traurig. Graf Benno hat sich mit einem Fräulein aus altadliger Familie verheirathet; auch ihm blühen Söhne und Töchter, auch er lebt glücklich, aber die alte Gräfin nimmt nicht Theil an dem Glücke der Ihrigen, ein tiefer Kummer nagt an ihrem Herzen; von ihrem Sohne Bruno darf auf schloß Dornbach nie die Rede fein; sie hat die Erwähnung feines Namens aufs' strengste untersagt.

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