Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1869)
- Date
- 1869-12-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447446--07888-2463510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
10« Feuilleton. Aer Traum in sei«« Deutung »ul Bedeutung. Eine historische Studie. Von Abr. Tendlau. (Schluß.) Auch mit andern Traumgesichten als mit Bibelsprüchen kämm beide Männer zu dem Traumdeuter. So sagten sie einmal: „Wir sahen jeder im Traume einen Lattich auf seinem Munde." — Zu Abaja sprach der Mann: „Deine Geschäfte werden sich ausbreiten wie der Lattich." zu Raba hingegen: „Deine Geschäfte werden bitter sein, wie Lattich." — Und so brachten Beide noch mehrere solche gleichbedeutende Träume, und immerwußte der doppelzüngige Traumdeuter für den bezahlenden Abaja eine günstige, für den nicht bezahlendenRaba eine ungünstige Deutung. — Jetzt kam Naba ohne Abaja, um zu sehen, ob der Mann vielleicht nur vor Abaja und um Abaja^s willen ihm seine Träume so übel gedeutet; doch immer noch ohne zu zahlen. Aber auch für ihn allein hatte der Traumdeuter niemals eine günstige Deutung. So: „Ich sah im Traume die Thüre meines Hauses eingefallen." — „Deine Frau wird sterben." — „Ich sah meine Backen- und Vorderzähne ausgefallen." — „Deine Söhne und Deine Töchter werden Dir sterben." — „Ich sah zwei Tauben davon stiegen." — „Zwei Frauen mußt Du nach einander von Dir scheiden lassen." — „Ich sah zwei mächtige Rübenköpfe." — „Du hast zwei Prügel- oder Faustschläge zu verschlucken." — Gleich darauf ging Raba in den Lehrsaal und blieb den ganzen Tag dort, vielleicht um der Erfüllung der letzten Traumdeutung so am sichersten aus dem Wege zu gehen. Da geriethen zwei blinde Männer mit einander in Streit. Raba tritt dazwischen, um sie zu trennen, und beide versetzten ihm jeder einen Schlag, indem sie einander zu schlagen vermeinten, und holten aus, um wieder drauf loszuschlagen. „Genug!" rief Raba, „ich habe im Traume nur zwei Rüben gesehen." — Zuletzt kam Raba und bezahlte, und nun hatte der Mann auch für ihn immer eine günstige Deutung. So sprach Raba: „Ich sah eine eingefallene Mauer." — „Du wirst grenzenlose Güter erwerben." — „Ich sah Abaja's Palast eingefallen und mich vom Staube bedeckt." — „Abaja wird sterben, und seine Schule Dir zufallen." — „Ich sah meinen Palast einfallen, und alle Welt Backsteine davon tragen." „Deine Vorträge zerstreuen sich durch die weite Welt." — „Ich sah meinen Kopf gespalten und das Gehir» Herausgleiten." — „Federn gehen aus Deinem Kopskisten hervor." — „Ich sagte im Traume einen Dankpsalm her." — „Es wird Dir ein Wunder geschehen." — Bald darauf traf es sich, daß Raba und der Traumdeuter zugleich ein Schiff bestiegen hatten. Da sagte der Traumdeuter: „Mit einem Manne, dem ein Wunder geschehen soll, mag ich nicht zu Waffer fahren; er könnte gerettet werden, und die Uebrigen im Schiffe untergehen." — Er stand auf, um wieder auSzusteigen. In dem Augenblicke aber, als er auSsteigen wollte, entfiel ihm ein Büchlein, Raba hob es auf, öffnete es, und sogleich fielen ihm an der Spitze verschiedene Deutungen der mannigfaltigsten Traumgestchte die Sätze in die Augen: „Alle Trän me ge st alte «sich je nach der Deutung, die ihnen gegeben, und nach dem Glauben, den dieselbe findet." — „Ein Traum, der noch nicht gedeutet, gleicht einem Briefe, der noch nicht gelesen." — „Bösewicht!" sagte Raba zu dem Traumdeuter, „Du glaubst also, daß es in Deiner Macht siehe, einen Traum zum Guten oder zum Bösen zu wenden, und doch hast Du mir und Andern so vieles Unglück verkündet und nach Deiner eigenen Ueberzeugung so viel Unheil gestiftet! — Alles wollte ich Dir verzeihen, aber nimmer die Verkündigung des Todes meines theuren Weibes, der Tochter Chisda's! — O mögest Du in die Hand eines erbarmungslosen gewaltigen Mannes gerathen, der die Macht hat. Dich für Deine verruchte Doppelzüngigkeit, so wie Du eS verdienst, zu strafen."— „Der Fluch eines Weisen," murmelte der Traumdeuter, als er auSgestiegen war, leise vor sich hin, „eines Weisen Fluch — so ward mir gelehrt — erfüllt sich, selbst wenn er ohne Grund geschah, um wie viel mehr diesesmal, wo der Mann einen so triftigen Grund hat, mir zu zürnen! Ich muß entfliehen. Vielleicht daß die freiwillige Verbannung mir als Sühne angerechnet wird." — Er entfloh nach Rom und schlug seine Bude vor dem Palaste des kaiserlichen Schatzmeisters auf, um auch da seine Kunst zu üben. — Eines Tages kam der Schatzmeister selbst und sagte: „Ich sah in meinem Traume eine Nadel mir in den Finger stechen." —