Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1869)
- Date
- 1869-12-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447446--07886-2463508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
X. Jahrgang. Beilage z« Rr. 52 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Covrespondenzen. Deutschland. Wiesbaden, den 20. Dec. Wie wir bereits mitgetheilt haben, hat sich hier, durch die im August d. I. eingeweihte Resormsynagoge veranlaßt, eine crthodoxe Separat - Gemeinde gebildet. Wenn auch die Zahl der Mitglieder noch klein ist, so tröstet uns doch der Gedanke, daß es Anfangs in Mainz nur 17 und in Frankfurt gar nur elf Familien waren, aus denen die dortigen orthodoxen Religionsgestllschaften zu so reicher und herrlicher Blüthe sich entwickelt haben. An Opferfreudigkeit und Opferwilligkeit fehlt es auch den hiesigen gesetzestreuen Israeliten nicht. Dieselben haben bereits ein geräumiges Local auf eine Reihe von Jahren gemiethet und als Synagoge eingerichtet. Besonders glücklich war die junge Gemeinde in der Acquisitation eines Predigers und Religionslehrers in der Person des Herrn vr. Leo Kahn, welcher am vergangenen Freitag von Berlin aus hierherkam und am Samstag zur größten Befriedigung seiner Hörer die Antrittspredigt hielt. Herr Dr. K. ist ein in jeder Beziehung hochgebildeter, junger Mann der reich an profanen und talmudischen Kenntnissen, mit glänzendem Rednertalente begabt, eine seltene Frömmigkeit und den ernsten Willen, den regsten Eifer besitzt, für Gott und Seine heilige Lehre zu wirken. Schon hat er damit begonnen, eine Religionsschule einzurichten, die bereits 25 Schüler und Schülerinnen besitzt, die aber bald deren eine doppelte Anzahl haben wird. Wie überaus vernachlässigt in unserer Kurstadt die jüdisch-religiösen Verhältnisse sind, davon kann man sich kaum einen Begriff machen. Es existirt hier kein Kind, das im Stande wäre, eines der hebräischen Gebete zu übersetzen; erwachsene Knaben und Mädchen können kaum Hebräisch lesen. Dahin hat es der Gemeinderabbiner nach 25jähriger Amts- Ihätigkeit gebracht! — Im Laufe der Zeit werden sich fast sämmtliche Landgemeinden des Rabbinats Wiesbaden der orthodoxen Religionsgesellschast anschließen und Herrn Dr. Kahn zu ihrem Rabbinen cre'iren. Herr Dr. K. ist ein geborener Badenser (aus Sulzburg); er hat in Carls ruhe das Lyceum absolvirt und war dort in den talmudischen Fächern ein Schüler des Herrn Oberraths Alt mann; seine Universitätsstudien hat er in Würz bürg und Berlin gemacht, woselbst er auch die talmudischen Vorlesungen der Herren Districts-Rabbiner Bamberger (in Würzburg) und Stiftsrabbiner Landsberger (in Berlin) frequentirte. — Auf den orthodoxen Separatgemeinden, die sich jetzt allerorten bilden, beruht die Zukunft des Judenthums in denjenigen Städten, deren Judenthum sonst ganz und gar verschwinden würde. 'SD noffn «d n ijni — Fürth, im Tebeth 5630. Unsere gute Stadt und insbesondere die Israeliten derselben scheinen aus der politischen Aufregung, in der sie sich durch die verschiedenen Arten von Wahlen in der letztern Zeit befinden, gar nicht mehr hinauskommen zu sollen. Auf die Landtagswahlen folgten die städtischen, auf diese folgen die jüdischen Geweindewahlen. Bei den Landtagswahlen im November betheiligten sich die hies. Israeliten mit derselben Rührigkeit wie im Mai d. I. und es ist der aus ihrer Mitte hervorgegangenen Agitation und starken Betheiligung das Ergebniß sowohl auf Seite der — dießmal mit nicht bedeutender Majorität — siegenden Volks-, wie auf Seiten der Fortschrittspartei vorzugsweise zu verdanken. Wir werden von dieser Wahl wie von den darauffolgenden städtischen Gemeindewahlen in einem unserer nächsten Berichte sprechen und erwähnen für heute nur die für die Israeliten Fürths und für das Judenthum überhaupt äußerst wichtige Thatsache, daß unter 36 städt. Gemeindebevollmächtigten eilf Juden hauptsächlich von Seiten der auch hiebei siegenden Volkspartei, gewählt wurden. Dem entsprechend wurden auch unter 12 bürgerlichen Magistratöräthen 3 Juden gewählt, sowie einer als Mitglied des mittelfränk. Landraths. Was die Gemüther der hiesigen Israeliten gegenwärtig aufs Höchste erregt, sind die bevorstehenden jüdischen Gemeindewahlen. Nicht Volks- oder Fortschrittspartei — Protest oder nicht Protest,daS ist hier die Frage. Ein Protest nämlich, mit circa 200 Unterschriften, größtentheilS von Orthodoxen, aber auch von vielen Neologen unterzeichnet, ist an die K. Regierung von Mittelfranken abgegangen gegen das neue Wahlstatul des isr. Vorstandes, das zwar auch von den orthodoxen Mitgliedern des letzteren, durch die überstürzende Eile, mit der eS betrieben, unterzeichnet und bereits von der K. Regierung genehmigt worden war. Die Spitze des Protestes richtet sich gegen die Bestimmung, daß jeder 21jährige Israelit, gleichviel, ob hier heimathberechtigt ober nicht, wahlfähig sei, wofern er nur hier wohne und sonst unbescholten sei. Selbstverständlich riefen diese