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Der Israelit · 1869-12-29 · Heft 52 (29.12.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 52 (29.12.1869)
Date
1869-12-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1012 Feuilleton. Kraf oder Jude? XIV. Schmer-voller Abschied. Ohne Unfall war Joseph mit seiner Schwester und deren Dienerin nach Dresden gekommen. Von hier aus wollte Joseph nach Hamburg reisen, um sich von da nach England zu begeben. In Dresden mußte er einige Stunden auf den Abgang des Schnellzuges warten. Nachdem er Speranza und deren Dienerin nach dem böhmischen Bahnhof begleitet hatte, von wo sie nach Prag zurückkehrten, begab sich Joseph, der fick vollkommen sicher dünkte und an eine Verfolgung nicht dachte, in die Stadt, um noch einige für die Reise nothwendige Dinge einzukaufen. Gräfin Dornbach hatte im nächsten Städtchen, das sie erreichte, ihre Equipage zurückgeschickt, und war mit Extrapost nach Dresden geeilt. Als sie in em Hötel fahren wollte, erblickte sie Joseph auf der Straße; sie ließ halten und rief ihrem Sohne, der, tief erschrocken, fast willenlos seiner Mutter ins Hotel folgte. Hier ließ sich die Gräfin ein Zimmer geben, und als sie mit Joseph allein war, rief sie: „So bist Du dem Kloster entwichen, so willst Du das Herz der Mutier brechen, die Dich geboren hat!" „Frau Gräfin", entgegnete Joseph bitter, „ich tin Ihr Sohn nicht mehr. Sie haben das Anrecht einer Mutter verloren. Wäre es Ihrem Willen nachgegangen, so hätte man mich im Kloster zu Tode gepeinigt." „„Nicht doch, Du ungerathener Sohn, wolltest Du meinem Willen folgen, so würdest Du ein großer, geehrter, geachteter, vornehmer Mann werden. Aber ein unglückliches Ereigniß, eine verkehrte Erziehung hat Dich mit unadliger Gesinnung erfüllt!"" „Ich danke dem allgütigen Gott dafür, daß er mich vor dem bewahrt hat, was Sie, Frau Gräfin, adlige Gesinnung nennen! Haben Sie adlige Gesinnung bewährt, als Sie meinen edlen, guten Pslegevater auf einen gänzlich unbegründeten Verdacht hin in den Kerker werfen ließen?" „„Nun, was ist's weiter, einen Juden!"" „Sehen Sie, Frau Gräfin, das ist das Unglück, daß Sie und Ihresgleichen Juden und Bauern und Bürger nicht als Menschen achten, daß kn Ihren Kreisen der Mensch erst beim Baron beginnt. Schmach über eine solche adelige Gesinnung!" „„Mein Sohn"", sagt die Gräfin weich, „„ich verzeihe Dir Deine harten Ausdrücke, Deine unedelmännische Art, zu denken und zu empfinden. — Bist Du doch nicht anders erzogen worden. O, mein Kind, an dem Tage, an welchem Du mir geraubt wurdest, verlor ich meinen Gatten. In Kummer und Thränen verbrachte ich meine Tage und Nächte. Auf meinen Knieen flehte ich Gott an, Dich mir wieder zu schenken. Und nun, da Gott mein heißes Gebet erhört hat, willst Du Deine Mutter verstoßen, verlassen auf immer, willst Dich von mir wenden, sagst, ich sei Deine Mutter nicht mehr? Ach, was ich Dir gethan, war vielleicht nicht recht; ich habe es ja aber nur aus heißer, mütterlicher Liebe, aus Besorgniß um Dein Seelenheil gethan! Ich war in MeinhardtSbrunn, um Dick von dort abzuholen — Du warst entflohen! O, verlaß mich nicht, mein Kind, verlaß mich nicht!"" Und die Gräfin ergriff die Hand ihres Sohnes, und benetzte sie mit ihren Thränen. „Mutter", sagte Joseph erschüttert, „ich will ja gern Ihr Sohn sein; aber verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen meinen Glauben, meine Ueberzeugung opfere!" Die Gräfin ließ seine Hand fahren. „„Also noch immer dieser unglückselige Wahn"", rief sie erregt, „„ich hatte geglaubt, Du seiest auf dem Wege der Besserung; ich sehe aber, Du bist noch ebenso verstockt wie früher."" Als Joseph schwieg, fuhr die Gräfin zu reden fort: „So habe ich mich denn genug erniedrigt mit vergeblichem Flehen und Bitten; ich werde Dich hier verhaften und ins Kloster zurückbriugen lassen!" „„Sie vergessen"", sagte Joseph ruhig, „„daß wir uns nicht mehr in Oesterreich befinden. Hier hat Ihre Macht ein Ende!"" „ So nimm meinen Fluch, Du ungehorsamer, widerspenstiger, ketzerischer Sohn. Der Fluch Deiner Mutter möge auf Dein Haupt niederfallen. Deine Tage und Stunden vergällen, Deine Nächte verbittern und den Schlaf scheuchen von Deinen Augen. Krank und elend und arm mögest Du umhcrirren als ein verlassener Bettler bis die Erkenntniß Dir kommt und Du reuig zu Deiner Mutter zurückkehrst." „Ihr Fluch", entgegnete Joseph ruhig, „schreckt mich nicht; er wird sich in Segen umwandeln; ich habe keinen Fluch verdient; ich habe gethan, was ich thun mußte. Leben Sie wohl, Frau Gräfin!" (Schluß in der Beilage.) Hierzu eine Beilage, Inhalt und Titelblatt. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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