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Der Israelit · 1869-12-29 · Heft 52 (29.12.1869) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 52 (29.12.1869)
Date
1869-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1006 hatten, damit dieselben sich angeregt fühlen, über „gewisses ausländisches Ungeziefer, welches das Volk ausfaugt, Gericht zu halten," das heißt mit andern Worten, mit Raub, Mord und Plünderung, über jenes ^ausländische Ungeziefer" herzufallen?' Und dieses Blatt nennt sich „Kotholisches Volksblatt" und trägt das Symbol der christlichen Religion an seiner Spitze!! Der Leitartikclschreiber des „K V." hat wahrscheinlich den Talmud nie gesehen; nichtsdestoweniger citirt er einzelne stellen nach fol. und col. so genau, daß der Leser glauben muß, das „Kath. V." habe seine Citate direct dem Talmud entnommen. Dem ist aber nicht so. Die Citate entstammen den judenfeindlichen, verleumderischen Werken von Schudt und Eisenmenger. Diese haben einzelne Sätze aus dem Talmud, die sie vollständig mißverstanden oder absichtlich entstellten, herausgerissen, und das wird seit zwei Jahrhunderten von allen Judenfeinden als willkommenes Material benutzt. Als ein eclatantes Beispiel mag folgendes dienen: Eisenmenger will die Anschauungen des Talmuds über Gott lächerlich machen und behauptet der Talmud lehre, Gott dürfe in seiner Welt nur vier Ellen weit gehen!! Als Beweis dafür citirt er den talmudischen Ausspruch ro^n dv niDK '-i 10*3/3 n"3"p"rfr id Nun bedeutet aber dieser Ausspruch nichts Anderes, als daß Gott die größte Freude darüber empfinde, wenn sich die Israeliten mit dem Gesetzesstudium beschäftigen. Eisenmenger hat Hier das Wort „Halachah," d. i. gesetzliche Vorschrift,' rpit „Gehen" überseht!! Und so' sind alle seine Citate; auch diejenigen, die dakatholische Volksblatt anführt und als Öriginalcitate, welche die Weisheit des Katholischen VolkSblatteS im Talmud gefunden haben will, ausgibt. Es ist unS fast zmn Ekel, das bereits hundertmal Widerlegte, hier noch einmal ausführlich zu besprechen; wir wollen deßhalb die Wate des K. V. nicht alle in extenso beleuchten. Schlägt man die angeführten Stellen nach, so ergibt sich das gerade Gegentheil. Erläutern wir das an einigen Beispielen: Das K. V. schreibt: „In dem Tractat Lava kamma Fol. 113. Col. 2. steht geschrieben: Der Raf Aschi ging auf einem Wege (siel), und sah in einem Ärrten eine Rebe, an welcher Trauben hingen: da sprach er zu seinem Diener, gehr hin und siehe, wenn sie einem Gor gehören, so bringe sie mir, wenn sie einem Israeliten gehören, so bringe sie mir nicht." — Soweit das K. D.; es will daraus beweisen, daß Raf Aschi einen Nichtjuden bestehlen wollte. Nun aber hat das K. V. den Schluß der Erzählung einfach fortgelassen; dort wtrd nämlich die Handlungsweise deS' Raf Aschi motiv irt; es wird erzählt, daß die nichtjüdischen Gartenbesitzer jener Gegend es g eft a t t e t rn, in die Gärten zu gehen, die Früchte zu genießen und dieselben hinterher zu bezahlen, während die jüdischen Gartenbesitzer sich darauf nicht einließen; deßhalb und nur deßhalb sagte Raf Aschi zu seinem Diener: bringe mir die Trauben nur dann, wenn sie einem Nichtjuden (nicht Goi, sondern Kuscht, d. i. Moor, steht im Talmud) gehören, denn dann werde ich sie spater bezahlen können, während die Juden dieser Gegend d'.e Gewobttheit nicht haben, zu gestatten:, daß man sich für eine später zu erlegende Summe an den Früchten in ihren Gärten satt esse. Wie soll man nun die Art und Weise bezeichnen, in welcher das K. V. den Talmud, und damit Juden und Iudenthum verdächtigen will? Es reißt eine halbe Erzählung heraus und zieht daraus die schmählichsten Schlußfolgerungen. Ist es doch gerade so, wie wenn Jemand behauptete, es heiße im Evangelium LucaS Cap. 9. V. 56: „Des Menschen Sohn ist gekommen, der Menschen Seelen zu verderben;" denn wirklich steht an der angeführten Stelle der ebencilirte Satz, nur daß hier das Wörtchen „nicht" ist ausgelassen worden. Das K. B. meint ferner, daß nach Auslegung des Talmuds über 3. Moses 20. 10 in Betreff de- Ehebruchs das Iudenthum in einem civilistrten nichtjüdischen Staate nicht geduldet werden solle. Muß da nicht der bäuerliche Leser des K. V., dem es unmöglich ist, sich hierüber Aufklärung zu verschaffen, vermeinen, der Talmud gestatte den Juden den Ehebruch? Und doch ist nirgendwo die Reinheit und Lauterkeit der Sitten so streng wie im Indenthume, das diese strengen Sittengesetze aus dem Talmud schöpft. Das K. V. hat die Interpretation deS Talmuds zu 3. Moses 20- 10. vollständig mißverstanden; weitentfernt davon, den Ehebruch mit einer Ntchtjüdin zu gestatte«, bezeichnet der Talmud denselben oft genug als ein todeswürdiges Verbrechen. n 0’3/jid Dwp n'D-x tyon wie ja auch Pinchas den Sünder Simri ben Sol« um eines solchen Verbrechens willen tödtete (4. B. M. Cap. 25 B. 8., Sanhedrin 82 a) Allem es scheint dem K. D.. nur daeum. zw thu« u sein, jenen Millionen, die es G. s. D. nicht, lesen, ein: „Nieder mit dem modernen*) Juden"! zuzurufm^ sonst würde eS nicht über Dinge schreiben, die eS nicht versteht, und sich nicht zum Nachbeter verächtlicher Judenfeinde herabwürdigen. Leider steht das K. V. nicht vereinzelt da; ein großer Theil der katholischen Presse, namentlich derjenige, welcher in stiller Verborgenheit blüht und fast nur für dir lanttiche Bevölkerung öesttnunt ist, gefAlt sich darin, den Judenhaß zu. wecken, zu nähren und groß zu ziehen. Diese Art und Weise vorzugehen, hat auch in neuerer Zeit schon, wie die Vorgänge von 186ff in Böhmen und Bayern beweisen, recht bittere *) DaS Ä. B. versteht unter „modern-: nachchristlich.

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