Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1869)
- Date
- 1869-12-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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979 materiell unterstützende Mitglieder umfasse, weil er stch bis heute auf jüdischem Boden bewege und die historische Vergangenheit des israelitischen Gottesdienstes mit den berechtigten Ansprüchen der Gegenwart durch Einführung deS vrerstmmigen Männergesangs und Beachtung der charakteristisch Responsorien zu verbinden sich bestreben. Die Theilnahme am Feste im jüdischen Gasthause war eine allgemeine und der dabei bethätigte Eifer läßt hoffen, daß der Chor wie in der Hirsch'schen Synagoge zu Frankfurt und andern orthodoxen Gemeinden zur Andacht der Betenden beitragen und die reformistischen Gelüste unbeachtet werden. Der Charakter des Vorstandes, Herrn W. Sondheimer, und der Geist der hervorragenden Mitglieder des Chors läßt hoffen, daß es immer so bleiben werde. China. China. Es sind ungefähr 3 Dezennien, seit die englische Gesellschaft der Missionäre ihre Aufmerksamkeit auf das Vorhandensein von jüdischen Nachkommen im Himmelsreiche lenkte; allein in Anbetracht der Schwierigkeiten, die sich den diesfälligen Forschungen in den Weg stellten, war es natürlich, daß die Nachrichten hierüber sehr spärlich flössen, und oft einander widersprechend lauteten. Möge daher folgende Schilderung, die ich nach authentischen Berichten zusammengestellt, einigermaßen Licht und Klarheit über diesen Gegenstand verbreiten. Die Zahl der Juden in Kae - fung - foo beträgt ungefähr 200 bis 250 Familien und 800 bis 900 Seelen. Einige leben in sehr armseligem Zustande, und nehmen die Mildthätigkeit ihrer Glaubensbrüder in Anspruch, andere wieder sind Besitzer von Verkaufsläden und nur wenige sind Pachter von Ländereien in der Nähe der Stadt. Die Juden in Kae - fung - foo sind im Besitze einer Synagoge, die aber höchst baufällig ist, und hofften sie, daß der Kaiser ihnen ihre Synagoge wieder ausbauen werde, allein diese Hoffnung hat sich bis heute nicht erfüllt. Ihre Synagoge steht nach Osten, allein wenn daselbst Gottesdienst gehalten wird, wenden die Beter ihr Gesicht gegen Westen; es ist wohl noch nicht enträthselt, ob sie dies aus dem Grunde thun, weil an der Westseite das Bild des jeweiligen chinesischen Kaisers aufgehängt ist, oder aber, weil sie gegen Jerusalem sich wenden wollen. Die Ceremonie der Beschneidung ist ihnen fremd, (was umsomehr zu verwundern, als beinahe sämmtliche orientalische Völker aus Sanitätsgründen dieselbe üben) und die jüdische Religion steht überhaupt bei ihnen auf schwachen Fü; en. Von der Hoffnung auf einen kommenden Messias ist keine Spur bei ihnen zu finden. Die hebräischen Schriftzeichen, wie selbe bei den Juden üblich, sind ihnen beinahe fremd; und sie zählen in ihrem jüdischem Alphabet 27 Buchstaben, während man anderwärts bekanntlich nur 22 derselben zählt. Wahrscheinlich dürften sie die 5 Endbuchstaben, die doch mit den Anfangs- und Mittelbuchstaben identisch sind, besonders zählen. Aus einer Handschrift, die sich in der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien befindet, und die ich zu sehen Gelegenheit hatte, geht hervor, daß die chinesischen Juden die Accente und Vokale fast gleichlautend mit den europäischen Juden haben; allerdings finden sich auch persische Schriftzeichen mit in der Schrift, was vermuthen läßt, daß sie mit den persischen Juden im häufigen Verkehr standen. Die Juden in China werden von den Muselmännern daselbst gewöhnlich ,t6aau-kin-icsa8u" benannt, d. h. die Kinder der -Spannader - herausreißenden Religion." Wahrscheinlich hat diese Benennung ihren Ursprung in dem Gebote der Bibel (Gen. 32, V. 32), wo den Israeliten verboten wurde, die Spannader zu essen, weil dem Patriarchen Jakob, als er mit dem bösen Geiste rang, die Hüfte verrenkt wurde. Die Synagoge der Juden in Kae-fung-fvo ist, wie bereits erwähnt, im baufälligen Zustande. Nach einem Berichte des berühmten jüdischen Reisenden Benjamin II. ist die Ringmauer der Synagoge ganz niedergerissen, die zahlreichen Baudenkmäler und Inschriften, die einst herrlichen Verzierungen zerbrochen und zerschmettert, ja selbst die Mauern der Synagoge zum größten Theile eingestürzt Mehrere Zellen, di« in der Synagoge sich befinden, die einer Art Kapelle gleichen, und zu Ehren der Patriarchen erbaut wurden, dienen dazu, um den gänzlich verarmten jüdischen Familien der Gemeinde ein Obdach zu gewähren, woselbst sie auf bloßer harter Erde schlafen. Der größte Theil des Gebäudes besteht wohl noch und ist dessen Inneres reichlich geschmückt mit zahlreichen und prachtvollen Malereien. Merkwürdigerweise sind trotz des jüdischen Verbots, Bilder zu verehren, auch zahlreiche Bilder in der Synagoge angebracht, welchen die chinesischen Juden fast durchgehcnds in ganz China eine göttliche Verehrung zollen. In einem dunkeln und feuchten Raum der Synagoge befinden sich 15 Gesetzesrollen, deren jede ungefähr 30 Fuß lang und 3 Fuß breit ist und zwar aus weiße Schaffelle mit sehr kleinen Buchstaben geschrieben. Seit circa 60 Jahren besitzt die jüdische Gemeinde zu Kae-fung-foo keinen Rabbiner mehr und gibt eS in der ganzen Gemeinde kaum einen einzigen Bekenner des Judenthums mehr, der noch ein Wort hebräisch lesen oder schreiben könnte. Die Juden daselbst kleiden sich gleich mit den chinesischen Einwohnern, scheeren ebenfalls den Kopf und tragen am Hintertheil des Kopfes den unvermeidlichen chinesischen Zopf, nur wenn sie zum Gebete in der Synagoge sich versammeln, tragen sie Schuhe und Käppchen meist von