Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1869)
- Date
- 1869-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447444--07842-2463462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sei Damm erzielten in der Regel solche Preise, wie sie schon lange nicht von Verkäuferinnen erzielt worden sein dürsten. Während der Betheilung der 455 Kinder (210 Knaben und 245 Mädchen) wurde manches Auge feucht, denn die ungeheuchelte Freude der Kleinen gewährte in der That ein um so rührenderes Bild, als die Damm des Vorstandes jedes Geschenk mit einem gütigen Worte, mit einem liebreichen Blicke begleitetm und sichtlich erfreut waren über die Freude, welche sie armen Kindern bereiten konnten. Wien. Herr Baron Anselm Rothschild hatte bekanntlich zur Gründung eines jüdischen Spitals 200,000 fl. gewidmet. Nach dem Kostenanschläge würden jedoch über 300,000 fl. erforderlich sein, um die neue Anstalt der grotzmüthigen Widmung entsprechend herzustellen. Herr Baron Rothschild hat sich nun, nach Einsicht der Anschläge und Projekte bereit erklärt, seine Widmung um den nachgewiesenen Mehrbetrag zu erhöhen. Aus Presibrrrg wird mitgetheilt, daß auf Veranlassung des Obmanns des dortigen sozialdemokratischen Arbeiter-Bildungsvereines, Nkemcik, alle Mitglieder des genannten Vereins sich verpflichten mußten, keinen Juden in ihrer Mitte zu dulden, und es wurden in der That sämmtliche Juden aus dem Vereine auögeschlossm. Rreszow. Ihr Blatt brachte jüngst die Nachricht, daß dahier an der Leiche eines lLjährigen Mädchens ein schreckliches Verbrechen begangen worden sei. Genauen Erkundigungen zufolge ist diese Nachricht, die zuerst in der Lemberger jüd. Zeitung gestanden und aus dieser wohl in Ihr Blatt übergegangen, ganz und gar aus der Luft gegriffen. A. S. Weißmann. Feuilleton. Kraf oder Jude? xn. Rettungspläne. Am Nachmittage holte vr. B. den Gefangenen zu einem Spaziergänge cb. Wie that die frische Luft dem armen Gefangenen so wohl! Er hätte die mit Blumen geschmückte Erde küssen, mit seinen Armen zum blauen Himmel hinaufreichen mögen! Da er sich viel mit Botanik beschäftigt hatte, so betrachtete er mit Liebe manche Pflanze, die nur in dieser ihm fremden Gegend wuchs, und das gab den Beiden willkommenen Gesprächsstoff, bis sie in einen entlegenen Theil des Gartens gelangten, wo sie der Beobachtung der Mönche entzogen waren. Hier nahm Dr. B. seine am Vormittage unterbrochene Erzählung wieder auf. „Welche Qualen ich über die Verzweiflung und den gramvollen Tod meiner Eltern empfunden", sagte er, „kann ich Ihnen nicht schildern. Doch waren sie noch gering gegen die andern Schmerzen, gegen da- Gefühl der bittersten Reue, das in mir aufstieg. Ich gab mir alle mögliche Mühe zu glauben und im Glauben Trost und Beruhigung zu finden — ich vermochte es nicht. Eine innere Stimme ruft fortwährend Wehe über mich; ich mußte mich selbst verachten; um schnöder, irdischer Gü.er Willen habe ich die Wahrheit geopfert, den Gott meiner Väter verlasien; ich habe Lüge gesät und Gewiffensbisse geerntet." „„Und warum"", fragte Joseph, „„entfliehen Sie diesem schrecklichen Zustande nicht?"" „Ich kann nicht; in Oesterreich würde ein schrecklicher Kerker mein Loos sein; aber auch außerhalb Oesterreichs — der Arm der Kirche reicht weit. Ich wage es nicht, ich fühle die Kraft nicht in mir, ein Märtyrer zu werden. Und dann — vielleicht ist eS Gottes Wille, daß ich in meiner jetzigen Stellung meinen Brüdern nützen kann. Als vor einigen Jahren jener schmachvolle Wahn auftauchte, der die Juden in DamaScus beschuldigte, den Pater Thomas ermordet zu haben, um sein Blut für das Osterfest zu benützen, als damals auch in diesen Ländern jenes Mahrchen Glauben fand, da habe ich zur Bekämpfung desselben viel be?getragen. Ich, als ehemaliger Jude und nunmehriger Priester, fand Glauben, und ich darf mich rühmen, blutige Judenverfolgungen verhindert zu haben. O, dieses Bewußtsein ist mir ein köstlicher Trost. Doch, reden wir jetzt von Ihnen. Sie sollen bier nicht verkümmern, nicht zu Tode gequält werden! Ich werde dazu beitragen, Ihnen zur Flucht zu verhelfen. Wenn ich nur mit Ihrem Pflegevater verkehren könnte! Allein das darf ich nicht; eS würde Verdacht erregen." „„Vielleicht,"" sagte Joseph nachdenklich, „„würde mein Bruder sich zu meinem Beistände bereit finde« lasten!"" „In diesem Falle dürften Sie auf Ihre Rettung zählen. Ich werde mich mit Graf Benno in Verbindung setzen Aber auch Sie müssen das Ihrige dazu beitragen. Sie müsten vor Allem Sich den Anschein geben, wie wenn Sie von nun an geneigt wären, auf dasjenige einzugehen, was man von Ihnen wünscht; Sie müssen mit Theilnahme dem Religionsunterrichte folgen, den Ihnen der Pater ertheilt, müssen die Tractätlein lesen, die man Ihnen in die Hände gibt und Sich wohlwollend darüber äußern. Sie werden dadurch Zeit gewinnen, werden ferner dadurch erreichen; daß man Sie nicht so ängstlich beaufsichtigt und werden endlich die günstige Gelegenheit zur Flucht ergreifen können."