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Der Israelit · 1869-12-08 · Heft 49 (8.12.1869) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 49 (8.12.1869)
Date
1869-12-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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945 Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien In der Leopoldstadt lebt eine 80jährige Wittwe, Leah Sommer, schon einige Jahre angewiesen aus mildthätige Unterstützung ihrer Glaubensgenossen. Ihr Sohn war einige Zeit Rabbiner in einer kleinen ung. Gemeinde, verschwand Plötzlich aus seinem Wirkungskreise und blieb dann ganz verschollen. Vor Kurzem telegraphirte man aus London an ein hiesiges Großhandlungshaus, man möge sich erkundigen nach einer gew. Leah Sommer. Es wurde zurück berichtet, daß dieselbe hier existire u. z. in sehr ärmlichen Verhältnissen. Das Haus erhielt die Weisung, der alten Frau eine hübsche Summe Geldes zu übermitteln. Die elende Wohnung wurde nun verlassen und die Sommer richtete es sich bequem ein, bald besuchten sie Freunde, Verwandte, Bekannte, von denen sie bisher nichts wußte. Nicht lange darauf lam auch ihr Sohn hier an, den sie kaum mehr erkannte. — Es stellte sich nun heraus, daß er getauft war und als engl. Missionär Indien bereiste, wo er. viel Geld erwarb. Als ie greise Mutier dies erfuhr, ließ sie Alles im Stiche und kehrte in ihre verlassene Hütte zurück, indem sie lieber arm bleiben wollte, als sich unterst ^en lassen von einem Sohne, der seiner Mutter- Religion untren wurde. (Aus der „Allg. Volks-Zeitung.) Wien, im Dezember. Vor Kurzem konstituirte sich hier ein Verein zur Förderung des talwudischhalachischcn Studiums unter dem Namen B''n durch Anregung S. Ehrw, Rabbi Sat. Spitzer, der in einer gediegenen, begeisterten Ansprache an nznttf'ff in der Schiff-Synagoge dazu dringend aufforderte, einen Verein zu gründen, der die löbliche Tendenz hat, hiesige rrnn noi!? zu unterstützen, damit sie von Nahrungssorgen befreit, um so eifriger und fleißiger dem Forschen in nfi7npn m?n obliegen könnten. Die in jeder Beziehung gelungene Rede verfehlte auch nicht, auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck zu machen. Es erklärten sich sofort Viele bereit, zu diesem edlen Zwecke ihr Scherflein beizutragen, und so bildete sich bald dieser Verein, durch dessen wohlthäliges Wirken mehrere gewiegte min ’ja täglich 2 Stunden ''pD?£ lernen. Schon jetzt zählt der Verein 400 Mitglieder und man konnte bereits 5 zu unterstützende Mitgliedern je 12 fl. und 3 anderen je 6 fl. monatlich zukommen lassen; zudem ist Hoffnung vorhanden, daß mit der Zeit die Zahl der unterstützenden und zu unterstützenden Mitglieder zunehmen werde, und daß dann auch der Beitrag für die mir, "ja vermehrt wird. Es liefert dies einen sprechenden Beweis, daß auch in einer großen Stadt, trotz der allgemein herrschenden materialistischen Rich- , ) tung, on ‘'wnp Inen und der rege Sinn für echte Religiosität und die warme Theilnahme für jüdisches Wissen nicht erkaltet sei. Und so möge dieses schöne Streben auch ferner durch gesteigerte Betheiligung immer mehr wachsen, damit dieser Verein zur Ehre seiner Mitglieder und zur Verherrlichung des Judenthums blühe, und gedeihe, gottgefällige Früchte tragen na "'p'MvP kvj auf daß die Thora ein Lebensbaum bleibe denen, die sich mit ihr beschäftigen, als auch denen, die zu ihrer Verbreitung das Mögliche anwenden, .rnnNm*. min Rußland und Polen. St. Petersburg, 23. November. Aus Bessarabien wird eine Iudenbetze ganz neuer Art berichtet. Noch aus alter Zeit besteht ein Gesetz, wonach Juden in Städten, welche weniger als 50 Werst (7^7 Meilen) von der Grenze entfernt liegen, nickt wohnen dürfen. Wie so viele andere Gesetze, wurde auch dieses nur ausgeführt, wenn gerade irgend ein spezieller Fall vorlag oder irgend ein Interesse im Spiele war. Jedenfalls wurde dasselbe unter der Regierung des jetzigen Monarchen als verfallen betrachtet. Die Stadt Kischenew hat eine Bevölkerung von etwa 20,000 jüdischen Familien. Zur Zeit als jenes Gesetz erlassen wurde, lag sie von der Grenze mehr als 50 W. entfernt; durch den Krimkricz jedoch, in Folge dessen Rußland einen Strich Landes an die! Moldau abtrat, ift Kischenew nun in den unglücklichen Antijuden-Rayon gerathen. Hätte jenes Gesetz noch Giltigkeit gehabt und hätte man dasselbe sirenger ausgesührt, so konnte man im Jahre 4856 vielleicht behaupten, sämmtliche Juden müßten aus Kischenew und den anderen im Rayon gelegenen Ortschaften auswandern; selbst das ist indeß fraglich, da Gesetze nie rückwirkende Kraft haben sollen und da aller Wahrscheinlichkeit nach die beffarabischen Juden nichts dazu beigetragen hatten, den Krimkrieg zu provoziren und dadurch die Landesgrenze zu verrücken. Allenfalls hätte die Maßregel damals den Schein einer Gesetzlichkeit gehabt; aber dreizehn Jahre lang ließ man die Juden ungestört in Kischenew und Umgegend und jetzt plötzlich wird das erwähnte Gesetz angerufen, die Judenfamilien aus der Stadt und Umgegend (wie mau versichert an 30,000 Familien) auf Wagen geladen und ins Innere des Landes bis an einen Punkt geführt, der die vorschriftsmäßige Entfernung von der Grenze hat; dort werden sie abgeladun und mögen nun sehen, wie sie weiter kommen. So viel aus lokalen Berichten ersichtlich, haben die seit dem 1656er Frieden eingewanderten Bulgaren eS verstanden, sich aus diese Weise die Konkurrenz der Juden vom Halse zu schaffen; ste wollen wahrscheinlich selber daS einträgliche Schmuggelgeschäst treiben.

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