Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1869)
- Date
- 1869-12-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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942 Joseph blickte erstaunt den berühmten Geistlichen an. „Wie doch der Schein trügt", dachte er, „wie wird dieser Mann bewundert und beneidet und wie unglücklich ist er!" „Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen, mein junger Freund", fuhr Dr. B. zu reden fort, „die Geschichte meiner Bekehrung; vielleicht dient sie dazu, Cie in dem Entschlüsse Ihres Martyriums zu kl ästigen. Ich bin von armen jüdischen Eltern in einem kleinen böhmischen Orte geboren. Da ich frühzeitig gute Anlagen zeigte, so ließ mein Vater mich im Talmud unterrichten und sandte mich später nach Prag. Meine Mutier sah mit Stolz in mir den künftigen Rabbiner und sparte den Bissen vom Munde, um ihn m'r zukemmen zu lassen. Aber sie waren arm, die guten Ellern, sehr arm. In Prag war ich auf mich selbst angewiesen, mußte um Kosttische betteln und durch mühsames Stundengeben mir das Wenige verdienen, was ich sonst noch zu meinem Unterhalte brauchte; aber trotzdem konnte ich dieses Wenige nicht immer erschwingen; an manchem Abend mußte ich mich hungrig niederlegen, meine Kleider waren abgetragen, meine Stiefel oftmals zerrissen. Dabei lebte ein unbändiger Ehrgeiz, gepaart mit quälender Sehnsucht nach Lebensgenuß in meiner Brust. Ich mühte mich und studirte im Talmud. Da sah ich aber Heroen der talmudiscben Wissenschaft mit ihren Familien ein Leben der Entbehrung leben. Wirst du, fragte ich mich, es jemals so weit im Talmud bringen wie Rabbi A. oder Rabbi B., und wenn, was wird dann dein Loos sein? Hunger und Kummer und Entbehrung. Und dann sah ich die Geistlichen der herrschenden Religion in Wohlstand und Wohlleben, sah die Würdenträger der Kirche in prachtvollen Equipagm einherfahren und das Volk vor ihnen in die Knie sinken, dasselbe Volk, das dem gelehrtesten Rabbinen ein verächtliches . Zid"*) nachrief. Mein Herz schwoll vor Sehnsucht nach Ebre und Genuß, während der Hunger mein Genosse war. Da geschah eö an einem Freitag - Abende, daß ich bei einem reichen Manne zu Tische war; ich hatte feit mehreren Tagen nichts als trockenes Brod gegessen. H^r kam ein soft'ger Gänsebraten auf den Tisch, nach dem ich lüstern schielte. Beim Austheilen fand die Hausfrau, daß ein Knochen zerbrochen war, und ich wurde mit dem Reste des Bratens zu m-inem Lehrer geschickt, um zu fragen, ob die Gans zum Genüsse erlaubt sei. Ich aber, beinahe von Heißhunger ergriffen, trug die Ueberreste der gebratenen Gans auf mein einsames Kämmerlein und verzehrte sie. Daun kehrte ich zu meinem Kostgeber zurück und sagte, die GanS fei zum Genüsse verbeten und gab auch an, wie <s mit dem Geschirre zu halten sei. Aber mein Betrug wurde entdeckt, und nun war es um mich geschehen. Von allen Seiten wurde ich v rstoßen, mein Lehrer trieb mich von seinen Vorlesungen hinweg, die Kosttische wurden mir entzogen, die Lectionen, die ick gab, gekündigt. Waö sollte ich beginnen? Sollte ich mit Schande bedeckt zu meinen Eltern zurückkehren? Nimmermehr! der Gedanke an den Zorn meines Vaters und an die Thranen meiner Mutter war mir fürchterlich. Ich ku schloß, meinem Leben ein Ende zu machen. Ich ging auf die Moldaubrücke, um mich in den Flmhen des Stromes zu begraben. Schon im Begriffe, mick hinabzustürzen. hielt mich ein vornehmer Geistlicher, der gerade vorüberging zurück. Er nahm mich mit in sein Kloster, tröstete den weinenden Jüngling, gab ihm Kleider und Unterricht, und nach wenigen Wochen war der Mann, den Sie vor sich sehen, getauft. Wohl wollte der Gedanken an meine Eltern mich zurückhalten, allein man sagte mir, sie hätten mich verstoßen und wollten nickts von mir wissen. Ach, viel später erst habe ich erfahren, daß sie Tag und Nacht vergeblick an die Klosterpforte klopften, daß mein Vater im bittersten Schmerze sich auf den Steinen gewälzt, die meine Mutter mit ih,en Thränen gebadet hotte! Ich lebte ganz abgeschlossen und erfuhr nichts, gar nichts von der Außenwelt. Nun besaß ich, was ich ersehnt hatte, war geschützt vor Hunger und Sorge. Ich wurde auf's Collegium *germanicum nach Rem geschickt, wo ich meine Studien vollendere. Als ich, mit Ehre und Ruhm bedeckt, zurückkehrte, erfuhr ich, daß meine Eltern vor Gram gestorben seien. Ich, ich habe sie getödtet!" — Dr. B. konnte vor Rührung nicht weiter sprechen; Thrämn erstickten seine Stimme, und Joseph, tief erschüttert, weinte mit ihm. Als Beide eine Zeit lang schwiegen, trat der Prior ein, um Or. B. zur gemeinschaftlichen Tafel abzuholen. „Ehrwürdiger Herr Rath", sagte er im Fortgehen zu seinem Gaste, „ich habe immer gehört, Sie seien ein großer Mann, ein Licht unserer Kirche; jetzt sehe ich, daß das Gerücht nicht gelogen, da Sie diese verstockte Judenseele zum Weinen gebracht haben; aber, Sie selbst sind angegriffen. Kommen Sie, Sie sollen Sich erholen, ich habe von dem besten Weine unseres Kellers für heute Mittag he, beiholen lasten." (Forts, folgt) Hierzu zwei Beilagen. *) Sprich: „Dfchid", soviel wie „Jude" in böhmischer Sprache. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.