Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1869)
- Date
- 1869-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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937 halten, baß er kaum zur Kritik des Inhaltes gelangen konnte. Ich wäre nicht abgeneigt — müßte ich nicht fürchten, in den Irrthum j nes Kritikers zu verfallen — heute ebenfalls derartig vorzugehen! — Doch Bietet mir gerade der Inhalt dieses Buches soviel des Bemerkenöwertben, daß ich mich nicht bei diesen Aeußerlichkeiten aushalten kann, und daher auch nur den einzigen Umstand erwähne, daß Herr Friedlieber es nicht für gut befunden hat, diesem Opus seinen wahren Namen vorzusetzen, sondern unter der Flagge Dr. Friedr. Liebig sein Geisteskind in die stürmische See geleitet hat, zu dessen Autorschaft er sich jedoch wiederholt öffentlich bekannt hat. Indem ich nun auf den Inhalt des Buches übergehe, muß ich, so leid es mir auch thut, das offene Geständniß oblegen, daß die moderne jüdische Literatur, die doch wahrhaftig die seltsamsten Produkte menschlichen Sinnens zu Tage gefördert hat, ein derartiges Buch bis jetzt kaum aufzuweisen hat, quod erit demonstrandum! — Die große Umwälzung aller religiösen und socialen Verhältnisse hat in unserem Jahrhundert eine Literatur geschaffen, die eben die Mannigfaltigkeit des Veränderten und Neugeschaffenen treu zu zeichnen versucht hat. Und nun im Iudenthum! Welche eine Literatur des Unsinns hat nicht da die Reformfrage zu Tage gefördert, oder die Emancipationssrage u. dgl. m. Indessen scheint mir trotzdem, daß gerade in dieser sogenannten modern-jüdischen Literatur noch immer ein praktischer Geist waltete, der auf das augenblickliche Bedürfniß speculirend, stets solche Produkte schuf, die der durch und durch praktischen und wenig idealen Lebensanschauung, sowie dem gesunden realen Sinn der Juden nützlich scheinen sollten, mit einem Worte: Daß in der jüdischen Literatur das das Nichtige, das leere Geschwätz, der eitle Streit über unwesentliche und unnützliche Dinge bis jetzt mit kaum nennenöwerthen Ausnahmen, nicht vorherrschend ist. — In diesem Buche aber finde ich zuerst jene Nichtigkeit und Flüchtigkeit der modernen Tagesproduction, der literarischen Eintagsfliegen, der gegenwärtigen Buchmacherei! So viele Bücher und Broschüren verderblichen und verwerflichen Inhalts der jüdischen Literatur ich bis jetzt zur Hand genommen, ich habe noch keines aus der Hand gelegt, aus dem ich nicht wenigstens etwas, wenn auch nur einen Gedanken, nur eine Idee, nur einen schön geschriebenen Satz, geschöpft hätte. Dieses Buch ist — so wehe mir dies Geständniß auch thut, — das erste, in dem ich vergeblich jenen jüdischen Geist, dem alles llev^el verhaßt ist, gesucht habe. Mit Mühe zuerst, dann aber mit entschiedenem Unwillen windet sich der Leser desselben durch ein Gebräu von Klatschgeschichten, Kalauern, schlechten Pscheilach, urd als Ragout darüber gegossen des Verfassers Schimpfreden gegen die Orthodoxie, die jedenfalls — das einzige in diesem Buche — originell sind. Ist schon die Idee, eine Versammlung zu schildern, die der Majorität nach aus unbekam ten Männern ohne alle Bedeutung und von einer ganz ephemeren, etwa vierwöchentlichen Wirksamkeit gewesen, die gar keine positiven erfreulichen Resultate zu Tage gefördert, und die eher dazu bei'g« tragen hat, das Iudenthum vor der Mitwelt zu entwürdigen, eine — gelinde gesagt — absurde, so ist die Ausführung dieser Idee — wie sie Herr Friedlieber unternommen, eine, um mich nicht schärfer auözudrücken, gänzlich mißlungene. Wir erfahren aus diesem Buche, daß Herr I. Bajern ein Hauptspiktakelmacker war, daß Herr L'r. (Sone, „der Speichellecker der Nation", daß Herr Diener, der leider noch verkannte Demosthenes der ungarischen Nation sei, daß Herr Hirsckler königlicher Rath zu werden — hoffe, und dergleichen wichtige Mitrheilungen mehr, die mit einer solchen Wichtigkeit und einem so merkwürdigen Fleiße zusammengetragen sind, als ob der Bestand des Judenthums davon abhänge, ob Herr Zipfer eine „schwere Zunge" und Herr Kadelburg kein Orthodoxer sei und dergleichen Allotria mehr." — Wir erfahren aber auch zugleich — und das verdient die ernsteste Rüge — daß Herr Dr. Hildesheimer ein poseacli al sollte hasifim ist, ein Vorwurf, der ihm gewiß von Herrn Friedlieber zuerst gemacht wurde, und daß der fel. Pappcnheim v"ur nur aus Opportunitätsgründen orthodox war u. s. w. Wahrlich, die Zeichen der nahen Ankunft des Nesolliaoll mehren sich, wenn ein Friedlieber es wagt, einen Hildesheimer zu bekritteln und zu bespötteln. Und hier ist der eigentliche Punkt, wo meine Recension ihr Ende erreicht hat. Herr Friedlieber war lange Zeit mein Freund; ich bin es ihm heute noch trotz alledem und alledem, und darum möchte ich ihm ganz eindringlich ans Herz legen, doch ja fernerhin solche kindische Tändeleien zu unterlassen, und sich lieber ernsten Studien hinzugeben, deren eistiger Betrieb ihn auch gewiß befähigen wird, dem Iudenthum zum Nutzen zu werden. Vielleicht wird er dann auch die Intentionen eines Dr. Hildesheimer verstehen und würdigen lernen, von denen er bis jetzt — auch keine blasse Ahnung hat! Beschäftigt sich Herr Friedlieber auch außerdem fleißig mit Logik und namentlich mit deutscher Grammatik, mit der er in diesem Buche auf äußerst gesparmtem