Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1869)
- Date
- 1869-11-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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912 Starren Auges, ohne Thränen, Nimmt fie Abschied von den Söhnen Und drückt sie an das Mutterherz: ^Gott, der Herr, für den wir sterben, „.Schütz' sein Völkchen ver Verderben „Und lind're meinen Mutterschmerz." Arme Frau? Von allen sieben Ist der Jüngste nur geblieben, Den preßt sie an die Mutterbrust. Löwen achten Mutterliebe — Mens eben höhnen Menschentriebe, Zu quälen bleibt Tyrannenlust. Wie die Schlange tückisch blicket. Wenn ihr Opfer niedersinkct. Sich weidend noch an deffen Qual: So vermehrt sich sein Ergötzen, Seit der armen Frau Entsetzen Dem Herrn ihr Letztes jetzt empfahl. Ohne Jammern, ohne Klagen, Ohne Beben, ohne Zagen Erhebt der Knabe seinen Blick; Dieser Blick, so kindlich essen, Hat den Wüthrich selbst getroffen, — Er winkt die Henker noch zurück. Freundlich tritt er zu dem K«'nde, Redet sanft und spricht gelinde Mit honigsüßem Schmeichelwort: Deine Brüder, sie erblaßten, Weil sie meine Götter haßten Und höhnten hier am off'nen Ort. Doch die Streng' geübt an ihnen Will durch Milde jetzt ich sühnen: — Ich nehm' dich an als lieben Sohn; lvaterliebe ^oll bezahlen Diese deine Todesqualen, And Königsgnade sei dem Lohn. Was bei dieser Huld und Milde Mag er führen wohl im Schilde? Gewiß, er brütet Unheil aus. Was durch Härte ist nicht gelungen. Soll die Milde in dem Jungen Versuchen zu der Mutter Graus. Schon erscheint das Spiel gewonnen, Als die Frau, gar schnell besonnen. Zum König uuterthänig spricht: „Wolle Herr die Gnade haben — „Daß ich spreche mit dem Knaben, „Bevor sein Tod das Herz mir bricht." Wie der König Beifall winket, Und der Knab' an's Herz ihr sinket, Ersieht fie diesen Augenblick, Nochmals unter Muttersegrn Glaubenstreu an's Herz zu legen, Dem Herrn empfehlend sein Geschick: „Nicht verlock' vom rechten Pfade „Menschenfurcht und Königsgnade „Dein gutes, treues Judenherz — „Leben, ’rurd» Verrath gewann, n. „Wie's deS Wüthrichs List ersonnen, „Erhöhte nur den Mutterschmerz „Jene, die vorausgegangen, „Werden selig dich empfangen „Dort oben vor des Höchsten Thron; „Und die Mutter, ganz verlassen, — „Bei des letzten Kind's Erblassen „Wird danken Gott für solchen Sohn." Froh und selig unter Schmerzen Scheidet er vom Multerherzen Und stellt sich dem Tyrannen dar; Der erhebt den Blick zum Kinde, Freundlich lächelnd und gelinde. Und streichelt sanft das lock'ge Haar: Willst a^so den allen Lehren Immerdar den Rücken kehren. Ein treuer Diener deinem Herrn? „Meinen Gott soll ich verlassen? — „Lieber doch im Tod erblassen — „Verrath bleib' ewig von mir fern!" „Als der Herr sein Volk erkoren „Und ihm heilig zugeschworen, „Zu bleiben immerdar sein Hort; „Gab auch jenes das Versprechen, „Niemals Gottes Bund Zu brechen, „Und treu zu bleiben fort und fort. „Hätte es den Schwur gehalten, „Trotz geboten den Gewalten — „Tu ständest wahrlich nimmer hier! „Was die Väter einst verbrochen, „Wird an Kindern nun gerochen; — „Doch treu ergeben sterben wir!" Sag', wenn Alle sind gestorben, Ist dann ein Gewinn erworben Für euren Glaub-, n, euren Gott? Sollen Todte ihn bekennen? Soll die Gruft ihn einig nennen? So All' ihr gehet in den Tod? Denn ich schwör's bei meiner Krone, Daß nicht einen ich verschone Von düser ganzen Einheitsschaar! Höre d'rum, da gut ich's meine, Bringe, wenn auch nur zum Scheine, Dem Bilde deine Ersurcht dar! Viele haben's wohl erwogen, Priester selbst cs vorg zogen, Und haben mir sich zugewandt; Wen'ge nur, die heut' entkommen. Nennend sich die treuen Frommen — Auch die wird finden meine Hand. „Wollt ich feig zum Schein mich fügen, „Würde denn ich nicht betrügen „Und höhnen meinen einz'gn Gott? „Trieb ich nicht mit seiner Ehre „Und mit seiner heil'gen Lehre „Gar argen Hohn und feigen Spott?" „Besser Tod und tausend Leiden, „Als von Gottes Lehre scheiden — „Geschah' es auch um Königs Huld. „Steh' ich nicht vor Gottes Throne „Hilft mir keine Königskrone, „Zu sühnen diese große Schuld." „Kannst du König mich verderben, „Wird mit mir der Glaub' nicht sterben, „Der ewig ist und nie vergeht. „Was der Herr für ewig gründet, „Und sein Mund als fest verkündet, „Das wechselt nimmer, das besteht. „Sind die Priester und Vertreter „Feile Pfaffen und Verräther — „Mit ihnen stirbt das Volk nicht aus? „Sind die Großen und Gelehrten „Die von Furcht und Wahn Bethörten — „Das Volk, das Volk ist Jakobs Haus." „Dieses wird nicht untergehen, „Sternengleich wird's fortbestehen, „Der Mensch«n Leucht', der Zeiten Licht; „Wollt' es selbst sein Ziel verlassen, „Gott wird stets es wieder fassen — „Und er erfüllt, was er verspricht." „Wenig find es, die entkommen, „Klein die Schaar der treuen Frommen; — „Im Kleinen zeiget Gott sich groß. „Einer lebt noch uns zu rächen, „Wage nicht, ihm Hohn zu sprechen, „Denn rächen wird er unser Loos." „Und das Blut, von dir vergossen, „Und die Thränen, die geflossen, „Befruchten neu den Glaubensgrund. „Neu belebt's den Muth der Männer, „Einig werden die Bekenner „Sich weih'n dem Tod für Gottes Bund." „Wenn nun auch die Kinder sterben, „Werden Männer sie erwerben „Den theu'rsten Schatz, die heil'ge Lehr'. „Diesen läßt es Gott gelingen. „Diese werden's dann vollbringen „Und Gott bekennen hoch und hehr." Strahlend wie im Hinnnelslichte, Engelsglanz im Angesichte, Erscheint ein Engel selbst 'das Kind; Wahrheit aber geht verloren Des Tyrannen tauben Ohren, Deß Herz ein Stein, deß Augen blind. Auch der Kleine mußt' bezahlen Mit dem Tod und Folterqualen Die kühne Red' und Glaubenstreu. Und die Mutter, bei den Flammen Sinkt getroffen auch zusammen Mit Schmerzensruf uud Jammerschrei. Aber, wie's das Kind verkündet. Hat die Flamme neu entzündet Des Volkes Lieb' zum alten Gott. Trauend fest auf feinen Segen, Stellt s dem Feinde sich entgegen. Und Gott errettet's aus der Roth. Auch so sei's in unfern Tagen, Wo so Viele frech es wagen, Zu höhnen Judenglaub und Pflicht — Da erstark' das jüv'sche Leben Durch der Kinder frommes Streben, Bis Gott einst ruft: „Es werde Licht!" Berantwvrtliche Redaction: Vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.