Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1869)
- Date
- 1869-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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878 Anerkennung auch dem abnöthigen muß, der nicht Zaus unserem Standpunkte steht. Herr Rabb. Dr. H. hat schon vor drei Wochen eine Religionsschule eröffnet, die sich einer recht zahlreichen Frequenz zu erfreuen hat. Mit Recht wird der geehrte Leser fragen, wie war es denn möglich, daß vr. H., der kaum 6 Wochen in Berlin, ein solches Unternehmen zu Stande brachte? In Berlin, wo Alles so weitläufig, Alles so gerne dem „Laissez aller“ huldigt! Aber Herr Rabb. Dr. H. hat nicht nur sofort erkannt, daß in Berlin eine Religionsichule nothwendig, sondern hat mit ganz geringen Mitteln rasch die Hand ans Werk gelegt, und es ist ihm gelungen, mit circa 60 Schülern und Schülerinnen die Schule eröffnen zu können. Freilich wäre es unter gewissen Umständen möglich gewesen, mir ca. 200 Kindern beginnen zu können, allein — glücklicherweise ist es eben nicht gegangen. Zwei Vereine, nämlich der d"v und nvn min =' Verein, hatten durch ihre Vertreter mit Herrn Rabb. Dr. H. verhandelt, ob er, da ihre Schulen einer regenenrenden Hand bedürftig, dieselben nicht in die zu begründende Schule wolle aufgehen lassen; einem Gesuche, dem Hr. Rabb. Dr. H. keine Hindernisse in den Weg setzen zu dürfen glaubte, und demgemäß seinen Organisationsplan für 10 Klassen mit Hinzuziehung der Lehrer der '2n d"&? machte. Zwei Tage vor Eröffnung der Schule stellte sich aber heraus, daß er weder auf die 'zsn duw, noch deren Lehrer rechnen konnte. Die v"L?-L>chule und auch der min L"n Verein blieb, was sie sind; die Sckule des Hrn- Rabb. Dr. H. aber erstand trotzdem ganz ebenso vollständig und kann sich der allgemeinsten Theilnahme rühmen. Ueber die behufs Fusion mit der D"li min auberaumte Generalversammlung des Letzteren erwähnen wir nur, daß Dr. H., der vom Vorstande eingeladen war, mit klaren Worten die Bedingungen darlegte unter denen er dem Ansinnen entsprechen könne. Er betonte besonders den Unterschied, der zwischen der Schule der '*n£" my und der des o”n nun obwalte; letztere sei eine Armenschule, erstere aber durchaus nicht und dürfe es nie werden. Daß er dies hervorhebe, gebiete ihm durchaus die Rücksicht auf die vorhandenen Zustände. Dennoch sei es möglich, daß die min-Schule in die der my aufgehe; denn ihm sei es ja gleichgiltig, ob ein Privatmann, oder ein Verein das Schulgeld entrichte; nur dürfe seine Schule unter keinen Umständen eine Armenschule werden, weßhalb die betreffenden Eltern Sorge tragen müßten, daß das äußere Erscheinen der Kinder das Ansehen der Schule nicht alterire. Herr Rabb. Dr. H., verließ alsdann die Versammlung. Schließlich blieb Alles beim Alten. Nun wußte Herr Nabb. Dr. H. woran er sei, und zu seinem eigenen Vortheile. Er hielt alsdann am na 'd püip (9. Oft.) einen Vortrag in der my ^"iw'-Synagoge, der die Tendenz und die Ziele der Schule darlegen sollte. Er erwies vor einem sehr zahlreichen Publikum die Nothwendigkeit einer Schule, die das von den Ahnen ererbte geistige Gut der Jugend in gewissenhafter, gründlicher und inhaltsvoller Weise übermittele, sie befähige, selbst zu schöpfen aus dem Borne heiligen Wissens; sie wappne, den Kämpfen des Lebens gerüstet entgegenzutreten; sie belehre, daß es zwischen Religion und Wissenschaft keinen Widerspruch geben könne. Ja, heute muß ein Unterricht gegeben werden, der sich nicht auf die Entwickelung einiger Wahrheiten der Moral beschränkt, die das Judenthum mit anderen Religionen und gewissen philosophischen Systemen gemein hat, sondern der sich auf die besonderen Principien des Judenthums erstreckt; ein Unterricht, der nicht in dem Umfang einiger speculativen Wahrheiten der Religion begrenzt ist, sondern der auch die Thätigkeit des jüdischen Lebens zum Gegenstände hat. ES muß dann aber auch dieser Unterricht durch das Beispiel aller derer getragen werden, die mit der Erziehung und dem Unterrichte betraut sind; dann wird die Jugend, durch einen solchen Unterricht genährt, gestärkt durch die religiösen Grundsätze, durch das Beispiel derjenigen, die sie zu lieben und zu achten gewöhnt sind, die Wichtigkeit und Nothwendigkeit des wahren Religionsunterrichtes begreifen. Der Religionsunterricht ist leider in sehr, sehr vielen Schulen zum leeren Formelwesen herabgedrückt worden; man hat die Jugend dressirt, um mit einem gedankenlosen Frag'- und Antwortspiel für die — Consirmatiou vorzubereiten; das wahe Wesen der Religion ist dabei nicht nur verkannt, sondern sogar entstellt worden. Die wahre jüdische Schule muß darum die Verinnerlichung der geoffenbarten Religion sich zur Hauptaufgabe stellen, so daß wir keine gedankenlosen Werkzeuge, sondern selbftdenkende, selbstbewußte Juden erziehen. Um dieses erreichen zu können, müssen die Eltern vor Allem dazu beitragen, daß das Kind keinen Gegensatz i:n Hanse finde mit dem, was in der Schule gelehrt wird, müssen die Vorurtheile beseitigen helfen, die man einer orthodoxen Schule fast durchweg entgegenträgt. „Man m -ge nur so viel Vertrauen zu dieser Schule haben, als man sonst einer Schule zollt", und die Ueberzeugung wird sich aufdrängen, wie vortrefflich sie sich bewährt. Es ist Herrn Rabb. Dr. H. gelungen, für seine Schule fast nur akademisch gebildete Lehrer zu erhalten,