Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1869)
- Date
- 1869-11-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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867 wenn selbst der isr. zuständigen Behörde keine Beaufsichtigung und kein Einblick möglich ist. Noch ein Institut müssen wir erwähnen, das ein trefflick es Schlaglicht auf die hiesigen isr. Zustände wirft. Wir meinen nämlich die Schule. Es existirt zur Zeit hier eine einzige jüdische Schule bei einer isr. Einwohnerzahl von nahe an 3000 Seelen. Der größte Theil der jüdischen Kinder besucht christliche Anstalten, in denen sie statt der hebr. Gebete das xator uoister lernen. Uebrigens sind diese Kinder nicht viel schlimmer daran als diejenigen, welche in der jüdischen Schule mit entblößtem Haupte lernen. Den Frommen bleibt da keine andere Wahl als ihre Kinder entweder in die Fremde fortzuschicken, oder sie in christliche Schulen zu thun. Das sind die Segnungen des Friedens. Ich will keinen Commentar zu diesen Thatsachen liefern, denn das braucht's nickt; nur das will ich noch hinzusügen, daß der Kamps nicht ausbleibt. Gar bald werden sich hier ' die Verhältnisse ändern. Man ist im Begriffe, eine neue Synagoge zu bauen, die, ohne Zweifel, bei dem vorwiegend nevlogen Element, ganz nach neuestem Stiel eingerichtet wird. Werden die Frommen auch dann noch um des lieben Friedens halber eine Synagoge besuchen, in die Orgel und Frauenchor eingeführt? Und wenn sie gezwungen werden sich zu separiren, wie geht's dann mit der ,-npv und der nö’nsp, die ihrer Aufsicht entzogen? Warum nimmt man sich der Sache nicht an, so lange man noch das Recht hat dreinzureden? Warum läßt man sich einschüchtern und abschrecken von einem Vorstande, dem unsere ganze Religion gleichgiltig? Bei solchen religiösen Institutionen, welche jeden Einzelnen noch berühren, da hat auch jeder Einzelne das Recht darüber zu wachen, daß er in seinem Rechte nicht verkürzt werde, besonders wenn, wie cs hier der Fall ist, Niemand sich seiner Sache annimmt. Und nun Ihr Männer, Ihr, denen es. noch Ernst ist um das Iudenthum, brechet diesen Frieden, leget ab diesen Indifferentismus, der Euch hat Vieles verschulden lassen, und denket, daß jeder Einzelne verantwortlich ist; wer weiß, wie lange Euch noch ein Recht zugestanden wird. Darum 'Lvr-ri und lasset diese Worte nicht unbeachtet' Berlin, den 27. October. Die Fülle des für die geehrten Leser des „Israelit" interessanten Materials, das sich seit einigen Monaten im Schooße des jüdischen Gemeindelebens Breslaues, das ich vor Kurzem verließ, und Berlins, der „Stadt der Intelligenz", angehäuft hat, ist eine so reichhaltige und überwältigende, daß ich mich für heute darauf beschränken muß, ans der Masse der Ereignisse die bedeutsamsten und allerwichtigsten Momente herauszugreifen und dieselben den lieben Lesern Ihres geschätzten Blattes mitzutheilen. Die Eingabe um Einführung des jüdischen Neligionsunterrichts als eines für die betreffen den Schüler obligatorischen Lehrgegenstandes in den höheren Lehranstalten, die Sie, Verehrtester Herr Redakteur, seiner Zeit in Nr. 36 des „Israelit" dem Wortlaute nach mittheilten, ist ein Werk des jüdischtheologischen Vereins und erregte in fast allen Journalen von jeder Parteirichtung einen überaus heftigen Angriff. Sowohl die ultramontan-feudale Partei, an ihrer Spitze des „Kreuzzeitung" und die „N. Allg. Z.", als auch die Organe der Demokratie und Fortschrittspartei, wie z. B. die „Breslauer Z.", „Zukunft", „Volkszeitung", „Nationalzeitung" u. a. m. sprachen fast einstimmig, wenn auch jedes Blatt aus verschiedenen Gesichtspunkten, ihr Verdammungsurtheil über eine Petition aus, die von den Doktoren Frankel und Gr ätz in Breslau ausging. Viele Gemeinden erließen Proteste gegen diese Petition; wir wollrn bloß den der Gemeinde Hirschberg (in Schlesien) hier mittheilen; derselbe lautet: „Der Vorstand und die Repräsentanten der hiesigen Synagogengemeinde erlauben sich auf das gesandte Circular nebst „Petition" dem jüdisch-theologischen Verein in Breslau Folgendes zu erwidern: „Es ist ein großer und rühmenswerther, gar nicht hoch genug zu schätzender Vorzug, daß die jüdischen Schüler höherer Lehranstalten, besonders in den oberen Klaffen nicht durch die Autorität des Staats gezwungen sind, öffentlichen Religionsunterricht zu genießen, wie dieses noch bei den christlichen Confessionen der Fall ist. Während die Katholiken und Protestanten ihren Kindern bis in die höchsten Klassen der Gymnasien und Realschulen hinauf trotz der Bestrebungen aller freisinnigen Männer und dem Ankämpsen der Communen, besonders Breslaus dagegen, durch das herrschende Kirchenregiment unter dem Schutze der Autorität des Staates gezwungen, den Religionsunterricht, der streng obligatorisch ist, ertheilen lassen müssen, stehen die Juden in Folge der Freiheit ihrer Gemeinden nicht unter dem Drucke dieses Zwanges. Es ist zweifellos, daß die Religionskenntniß unter der bisherigen Freiheit der Gemeinden durchaus nicht abgenommen hat. Wenn der jüdische Knabe in den Gemeindeschulen oft dem Religionsunterrichte nicht mit dem gewünschten Ernste und Eifer folgt und Fleiß und Aufmerksamkeit mehr den Lehrgegenständen und Arbeiten in den höhern Lehranstalten zuwendet, so liegt dies in sehr vielen Fällen an den Lehrkräften. „Diesem sehr fühlbaren Mangel in den jüdischen Gemeindeschulen abzuhelfen, wäre sehr wünschenswerth und eine sehr schöne Aufgabe der jüdisch-theologischen Seminare. Die Statistik, zwar nur eine Wissenschaft der Neuzeit, hat erst kürzlich mit Zahlen schlagend nachgewiesen, daß die Juden in sittlicher, moralischer