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Der Israelit · 1869-11-10 · Heft 45 (10.11.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 45 (10.11.1869)
Date
1869-11-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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864 „Und wie urtheilen Sie über die Stellen, in welchen deutlich das Christenthum prophezeit wird?" „„Mmr lieber Herr Pfarrer, lenken wir das Gespräch nicht auf solche Babnen. Ich will weder Proselyten machen, noch mich bekehren lasten."" „Nein, Herr del Monte, bleiben wir bei diesem Thema; es macht mir Freude, die Wahrheit zu lehren oder auch zu lernen." „„Nun denn, so muß ich Ihnen sagen, daß die christlichen Interpreten jene Stellen im Jesaias entweder mißverstanden oder doch falsch ausgelegt baden. Jene Stellen beziehen sich entweder auf den König Ehwkijabu oder auf das gefammte Israel oder auf den noch zu erwartenden Messias; ke ne einzige aber kann auf den Stifter der christlichen Religion auch nur im Entferntesten gedeutet werden."" „Aber Sie sehen doch, daß so viel Hundert Millionen Menschen das Christenthum angenommen habm, während das Judenthum gering und veracht t ist. während auf dem jüdischen Volke sichtlich ein Fluch rubt! " „„Und was beweist bas, Herr Pfarrer? Gibt eS nicht auch ebensoviel Muhamedaner und noch mehr Heiden auf Erden? Und was den Fluch betrifft, so ist der uns schon von unserm Lehrer Moses prophezeit worden, sobald wir von Gott lasten und Seine Gebote nicht halten. Aber der Fluch wird sich in Segen umwandeln, und Gott wird nicht ewig zürnen. Gr wird sich Seines Volkes wieder erbarmen, und olle Nationen werden erkennen, daß der Name Gottes über uns genannt wird."" „Aber, mein Herr, der Messias ist schon gekommen und hat die Erlösung gebracht, denen so an ihn glauben." „„Und wo ist sie, diese Erlösung? Noch waltet das Laster, die Lüge und die Niedertracht ans Erden; Rand, Mord, Unzucht sind an der Tagesordnung. d<r Stärkere mißhandelt den Schwächer«, Betrug und Hinterlist verkürzt die Einfältigen, und die Liede, von der so viel gesprochen wird, findet sich nur in den Lehrbüchern und Reden; aber im Verkehr der Menschen miteinander herrschen der Haß, di- Habsucht, der Eigennutz, die Selbstsucht.""' „Und im Iudenthum?" „„Sie vergessen, Herr Pfarrer, das Iudenthum hofft erst ans Erlösung; dlnuech darf ich behaupten, daß das Iudenthum einen wunderbar veredelnden Einfluß auf seine Bekenner übt. Wie hätte es sich sonst e> halten können in den Iahrtaustnden, in denen man es geknechtet und gedrückt und erniedrigt, in denen man es mit Schmach überhäuft hat? Alle Nationen hab-n, seitdem Israel epistirt, einen Veruichtungskampf gegen dasselbe geführt, die Aegyprer, die Astyrer, die Babitvuier, die Meder, die Perser, die Griechen, die Römer. Niemand aber bat uuS weher gethan als die christlichen Nationen. Sie haben uns zu Knechten erniedrigt, mit Schmach überhäuft, in Ghettos gesperrt, mit Stenern erdrückt, mit Raub und Mord verfolgt! Und dennoch blieb der verachtete Cclave einem Königssohne gleich, der zwar die Schu.ach der Verbannung trägt, den aber das Bewußtsein seiner hohen Würde, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft vor Selbsterniedrigung schützt. Dieses große Wunder hat die Lehre und das Gksex unseres Gottes vollbracht!'" „Sie find ein Schwärmer, junger Freund; wenn dem so ist, wie Sie sagen, warum ist denn das Iudenthum nicht eine Weltreligiou geworden?" „„Weil die erhabene Lehre und das schwer zu erfüllende Gesetz bei dem jetzigen, noch wenig <t.iwickelten Zustande der Menschen und Völker für die große Menge nicht passen."" „Sie meinen also, daß das Iudenthum nur ftn Diejenigen ist, welche innerhalb desselben geboren sind?" „„Und auch für Diejenigen, die aus freiem Antriebe und edler, reiner Ueberzeugnng sich ihm anschließen."" „Gesetzt aber, es ist ein Kind, ein unmündiges Kind, durch List oder Gewalt dem Christenthume entfremdet und im Iudenthum? erzogen worden, wäre es da nicht die Pflicht des Hcrangewachftnen zu der Religion feiner Väter zurückzukehren?" „„Nicht doch, Herr Pfarrer, auch in diesem kaum denkbaren Falle, denn wir Juden wollen und dürfen keine Proselyten machen, also auch in diesem Falle müßte der im Iudenthume Erzogene Gott, dem AUgütigen, danken, daß er ihn die Wahrheit hat erkennen lasten und muß treu bei ihr beharren."" „Herr", fuhr da der Pfarrer auf, „Sie sind ein verstockter. „B tte Herr Pfarrer", fiel Graf Benno ein, der bis dabin ruhig zngehört hatte, „ereifern Sie Sich nicht, vergessen Cie nicht, daß Sie dieses Gespräch prevocirt haben, daß mein Freund del Monte gar nicht auf dasselbe hat eingehen wollen." Der Pfarrer sah Benno erstaunt an; dann faßte er sich schnell und bot del Monte die Hand. „Verzeihen Sie meine Heftigkeit, junger Freund", sagte er; „wir werden unter andern und günstigeren Verhältnissen dieses Thema wieder aufnehmen." (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. tderanrworilnhe Redacuon: Jbr. Lehmann. — Sterla« der Le & o u x'tchen Hofouchhanviuny. von I. GottLIeben in Main-. D amrl - SchnellVrefiendruc'

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