Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1869)
- Date
- 1869-11-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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847 anerkennenSwerth ist und sie die aufrichtigen Freunde, Berather und Tröster der Gemeindegliedcr sind —, so erwirbt dasjenige, was sie in den beiden Nothjahren geleistet, den vollsten Dank der ganzen Menschheit! Sie haben sich nicht nur als Seelsorger, sondern als wahrhafte Väter und Versorger ihrer Gemeinden bewiesen. Cs sind uns Beispiele von Hingebung, von Aufopferung, von Selbstverleugnung Seitens der Rabbinneu bekannt, die an die j antike Größe eines Myrial (in den Miserables) hinj anreichen! Sie haben auf ibre Besoldungen zu Gunsten der Nothleidenden verzichtet, sie haben sich mtt uner- : müdlicker Thätigkeit dem Unterstützungswerke gewidmet, und gewiß wäre ohne den Beistand dev Rabbinen so manche Gemeinde untergegangen. Und nun dieser Undank! Nock eines Jrrlhnms müssen wir berichtigend erwähnen. dessen sich Herr Di*. Rülf — dessen Wirksamkeit sonst alle Anerkennung verdient schuldig gemacht hat. Es betrifft dasjenige, was er über die Erziehung und Stellung des weiblichen Geschlechtes ' sagt. Darnach sollen die jüdischen Mädchen ihre Jugendzeit zunächst in Trägheit und Faulheit — Herr R. sagt mit einem kühnen Bilde: ,,im Bette" — verbringen, und seien dann bei den frühen Eheschließungen nicht im Staude Gehilfinnen des Mannes zu werden! — Aber wer hat daö Herrn R. gesagt? denn selbst ist er, so viel uns bekannt — außer dem kleinen Ausflug nach Kowno — niemals in Rußland gewesen. Gerade das Gegentheil ist ja der Fall! Die Mädchen werden von früher Jugend — allerdings nicht zum Romanlesen, oder zu unfruchtbarer Gelehrsamkeit — aber zur Arbeit und Thätigkeit angehalten. Die Aermeren gehen dienen, vie wohlhaben- deren sind in Geschäft und Wirtschaft thätig. Sie , werden dann auch nicht nur tüchtige Gehilfinnen des Mannes, sondern oftmals die alleinigen Erj nährerinnen ihrer Familien. Sie sind brave Mütter, ' treue Gattinnen und können den „gebildeten"! christlichen Schwestern als Muster in Sitte und Tu-! gend vorleuchten. Sie vernachlässigen auch gar nicht > io ihr Acußeres, und verkommen nicht in Schmutz und j Unreinlichkeit. — Eine kleine Abschweifung von der j Aesthetik und Sauberkeit kann man ihnen aber wohl i zu gute halten — das ist eine sarmatische Eigenthüm-! lichkeit, womit ihnen die „gebildeten" christlichen! Schwestern Vorgehen.! Daß der Herr Redacteur Silbermann aus Lyck! die Anklagen so pur« bestätigte, und kein Wort der! Rechtfertigung fand, wundert uns, und wir bedauern es aufrichtig. Desto erhebender ist dasjenige, was Herr Dr. Lehmann aus Mainz und der allem was Herr Albert Lohn aus Paris gesprochen. Der Letztere hat denn auch den einzigen Schuldigen richrig bezeichnet: das ist die russische Regierung! Durch die Zurncksetznngen und Beschränkungen, denen die Juden überall auogesetzt, vor Allem aber durch daS Einpferchen in die alten polnischen Provinzen, und die Versagung deS Aufenthaltes im übrigen Rußland — dadurch sind die dortigen Inden unglücklich geworden. Während Handel und Verkehr sich ausdehnten, der Ing der neueren Zest überhaupt „hinaus" und „ in' S Weite" geht — bannte man die Inden an die heimische Scholle, und zwang sie, in ihren armen Heimstätten nstt zu verarmen! Es zeugt von einer Lebeaslras:. von einer Energie des Geistes, von einer Widerstandsfähigkeit ohne Gleichen in der Weltgeschichte, die in diesem Volke ruhen, daß eö Jahrhunderte lang diesen Zustand ertragen, daß es m diesem Augenblick noch ungebrochen! Erkennen wir dieses, so gibt es auch nur ein Mittel, nachhaltige Hilfe zu bringen; es heißt: Hinwegräumung der Schranken! Nicht Organisation von Auswanderung, gleichviel ob nach Amerika ooer nach dem Innern Rußlands, nicht die Altlage von Fabriken oder die Gewährung sonstiger augenblicklichen Palliativmittel, nichts von allemdem? Volle unbeschränkte Freizügigkeit im ganzen russische n Reiche und für alle ohne A usnahme — dieses ist es, was allein Hilfe bringen kann. Man östne den Juden das ganze weite Rußland, man gebe ihnen volle Gewerbefreiheit, man reiße alle sonstigen Schranken nieder — und sie werden sich vollständig regeneriren! Eö liegt in diesem Stamm eine so wunderbare Energie und instiuctive Urtheilskraft, daß jeder Einzelne von selbst den Weg finden wird, welchen er zu wandeln hat. Deßhalb ist auch jedwede Reglementirerei vom Uebel. Im Besitze der Freiheit, wird ihnen auch bald klar werden, was ihnen an moderner Bildung fehlt. Sie werden von selbst schulen aller Art anlegen, sie werden russisch lernen und sich des polnischjüdischen Jargons enthalten, ohne daß ihnen dieses, wie Herr Karnowsky — echt kosakisch — vorschlägt, von oben her geboten werden müßte; mit einem Worte, ne werden ein freies selbstbewußtes Volk werden. Will die Alliance isr. un. Etwas rhun, so erwirke sie bei der russischen Regierung die volle Freizügigkeit im großen Czarenreiche, und den Juden ist geholfen.