Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1869)
- Date
- 1869-11-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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844 Gräfin Agnes von Dornbach befand sich in der furchtbarsten Aufregung. Die wunderbare Ähnlichkeit Josephs mit ihrem Sohne nicht nur, sondern in noch höherem Grade mit dem verstorbenen Grafen, mußte sie auf den Gedanken bringen, daß der junge Mann, den sie vor sich sah, das ihr geraubte Kind sei. Dazu kam noch, daß er de! Monte, den sie einst verschmäht und beleidigt hatte, seinen Vater nannte. „Wie", sagte sie sich, „wenn dieser Jude aus Rache, daß ich ihn verschmäht, mir mein Kind gestohlen, um es zum Juden zu erziehen? Konnte er sich in empfindlicherer Weife an mir rächen? Herr Gott, schaffe mir Licht in dieser Sache und laß mich mein Kind wiederfinden!" Bei der Abendtafel fehlte Joseph del Monte. „Wo ist Dein Freund?" fragte die Gräfin ihren Sohn. „„Du mußt ihn entschuldigen, liebe Mutter. Er ist ein solcher Stockjude, daß er von unfern Speisen nichts genießt. Ich habe daher den alten Samson im Dorfe beauftragt, ihn mit Speise und Trank zu versehen. Nur unter dieser Bedingung hat er meine Einladung angenommen." Als Joseph nach aufgehobener Tafel in den Salon trat, sagte die Gräfin zu ihm: „Ich habe Sie beim Abendessen vermißt." „„Hat mich"", fragte Joseph, „„Graf Benno nicht entschuldigt?"" „Wohl hat er das! Allein das selbst setzt mich in Erstaunen. Ich kannte einst Ihren Vater. Der aß ohne Bedenken mit uns von denselben Speisen." „„Mein Vater?"" „Wenn anders Raphael del Monte, der sich vor 22 Jahren längere Zeit in Wien aufhielt und der damals für einen italienischen Edelmann galt, der aber, wie ich nachher erfuhr, ein Jude aus Hamburg war, Ihr Vater ist." „„Ich kenne die Jugendgeschichte meines Vaters nicht; so lange ich mich jedoch erinnere, ist er ein strenggläubiger Jude, und in diesem Sinne hat er auch mich erzogen."" „Der Del Monte, den ich kannte, war ein schöner, schlanker Mann mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Sie sehen ihm nicht im Entferntesten ähnlich." „„Ihre Schilderung trifft noch heute zu, gnädige Frau. Mein Vater sieht noch heute jugendlich aus."" „Gleichen Sie vielleicht Ihrer Frau Mutter?" „„Ich sehe auch meiner Mutter nicht ähnlich, auch meiner Schwester nicht. Oftmals haben, als ich noch ein Kind war, fremde Besucher die Bemerkung gemacht,!daß ich so ganz anders aussehe, als alle meine Verwandten; dann aber lächelten die Eltern nur und schwiegen dazu."" „ES ist so, es ist nicht anders!" sprach die Gräfin leise. Die Unterhaltung wollte nicht mehr in den Gang kommen. Die jungen Leute zogen sich bald in ihre Zimmer zurück. Als die Gräfin allein war, ging sie mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. „ES kann nicht anders sein", sprach sie, „dieser del Monte hat mein Kind geraubt oder rauben lassen, um es zum Juden zu erziehen. Ich habe ihn mit Abscheu zurückgewiesen, als ich damals hörte, daß er ein Jude sei. Nun ist er, der damals Christ werden wollte, selbst ein Stockjude geworden, j.um mein Kind zu einem Stockjuden zu machen. Es ist entsetzlich, entsetzlich!" Die Gräfin verbrachte eine schlaflose. Nacht. Am andern Morgen ließ sie den Pfarrer rufen und theilte ihm ihre Vermuthungen mit. »Hat Ihr Sohn", ftagte der Geistliche, „kein Merkmal an seinem Leibe gehabt, an welchem man ihn mit Bestimmtheit wiedererkennen könnte?" „Wohl", entgegnete die Gräfin „als mein erstgeborener, der später mir geraubte Bruno geboren war, da sagte die Hebamme: „Wenn das zweite Kind auch ein Sohn ist, so können wir die jungen Grafen doch von einander unterscheiden; dieser hier hat einen sternförmigen Leberflecken an der linken Brust." Als gleich darauf mein Benno das Licht der Welt erblickte, brachte er kein solches Zeichen mit. Es war später das einzige Merkmal, an welchem wir die Kinder unterscheiden konnten." Eben trat Graf Benno ins Zimmer, um seiner Mutter einen guten Morgen zu wünschen. Nachdem er den Geistlichen begrüßt und seiner Mutter die Hand geküßt hatte, fragte ihn die Gräfin: „Hast Du auch in Heidelberg im Neckar gebadet?" „„Gewiß, liebe Mutter!"" „Und war Dein Freund manchmal zugegen?" „„Sehr häufig; vor und nach dem Bade, da uns die Kleidung nicht unterschied, da war die Aehnlichkeit zwischen uns erst recht auffallend; doch konnte man uns dadurch leicht von einander unterscheiden, daß del Monte an der linken Brust einen sternförmigen Leberflecken hat!" „Er ist es!" rief die Gräfin aus und sank ohnmächtig in den Lehnstuhl zurück, von dem sie sich erhoben hatte. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dt. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf * Schnellprefsmdruck. von I. ÄottSleben in Mainz.