Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1869)
- Date
- 1869-10-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447437--07702-2463315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
830 zug durch die Straßen der allen Stadt Münster. Es war ein alter braver Mann, der zu Grabe geleitet wurde, der Ober-Rabbiner Abraham Sutro, welcher am Sonntag, den 10. d. M., das Zeitliche gesegnet hatte. Geboren im Jahre 1784 zu Bruck bei Erlangen in Bayern, hat der Verblichene ein Alter von 85 Jahren 3 Monaten und 5 Tagen erreicht, von denen er 53 Jahre in Münster verlebte. Er war der älteste von sieben Geschwistern, die er sämmtlich überlebt hat. Seinen Vater hatte er in frühester Jugend verloren. — Schon früh hat er sich den Wissenschaften gewidmet und bis an sein Ende stets anhaltend und viel studirt. — Noch jung an Jahren besuchte er die damals unter den Auspicien des Rabi Wolf Hamburg blühende jüdische Hochschule (Jeschiba) in Fürth, und demnächst die in Prag. Erst 15 Jahre alt, 1799, erhielt er schon vom Rabbiner in Fürth den Ehrentitel eines Rabbi (Chober); dann wiederholt 1805 und 806 von den Rabbin-'rn in Prag und Aschaffenburg, während ihm die eigentlichen Rabbiner-Diplome (Morenu) die Rabbiner in Kassel 1808 und in Paderborn 1810 ertheilten. Im Jahre 1810 wurde der Verewigte vom „Königlich westfälischen Conststorium der Israeliten" in Kassel als Lehrer in Reichensachsen angestellt. Durch Dekret des königlich westfälischen Ministers des Innern vom 13. December 1810 wurde „Herr Abraham Sutro, bisher provisorisch angeftellter Lehrer in Reichensachsen, zum israelitischen Religionslehrer zu Beverungen und zum Rabbiner-Adjunkten des Sprengels Marburg ernannt und bestätigt, und das Conststorium der Israeliten mit Vollziehung dieses Beschlusses beauftragt." Am 7. Februar 1815 wurde er dann durch den damaligen Civil-Gouverneur von Vincke in Münster für den Verwaltungs-Bezirk der damaligen Regierungs- Commission in Münster und des Landes-Direktors von Romberg in Dortmund (d. i. den jetzigen Regierungsbezirk Münster, die Stadt Dortmund und die früheren Grafschaften Mark, Limburg und Rheda) als Landrabbiner angestellt; im Jahre 1828 wurde er dann noch als Oberrabbiner des Corporations-Bezirks des ehemaligen Fürstenthums Paderborn gewählt und als solcher von der Regierung bestätigt. Diese seine Aemter hat der Oberrabbiner Sutro stets mit Treue und Aufopferung verwaltet. — Sein öffentliches Leben und Wirken im Judenthum und für dasselbe sind bekannt; seine Kämpfe für das orthodoxe Judenthum hat er bis an das Ende seiner Tage fortgesetzt, unbekümmert um die vielen öffentlichen, in dm jüdischen Reform-Zeitschriften niedergelegten Anfeindungen seiner Gegner. Von ihm kann man mit Fug und Recht sagen: „Biel Feind, viel Ehr", womit indeß nicht gesagt sein soll, daß er nicht auch viele Freunde, Anhänger und Verehrer gehabt hätte. Im Gegentheil, deren Zahl war groß. Mit den gelehrtesten und angesehensten Rabbinen stand er in den freundschaftlichsten Beziehungen und im lebhaften Briefverkehr. Er hatte einen großen Schatz von Wissen in sich gesammelt, mit dem er indeß niemals prunkte. Seine hebräische Schreibweise ist eine mustergiltige; Französisch, Englisch und Italienisch sprach und las er geläufig; auch die lateinische Sprache war ihm nicht fremd; in der Geschichte und Geographie war er zu Hause, wie selten ein Nichtfachmann; die Naturwissenschaften studirte er mit Vorliebe. Alles erforsckte er aus dem Grunde; das llurare in verba magistri lag ihm fern. — Im Jahre 1823 (Münster und Hamm, Wundermann'sche Buchhandlung) verfaßte er eine polemische Schrift in deutscher Sprache gegen die eines Konvertiten, der eine Broschüre unter dem Titel geschrieben hatte: „Der Geist des Rabbinismus, oder mein Uebertritt vom Judenthum zum Christenthum". — Außerdem hat er für das Literaturblatt des „Treuen Zions-Wächters" (Altona) und andere hebräische Zeitschriften manche Abhandlung talmudischer Forschung in hebräischer Sprache geliefert, und auch noch in seinen späteren Jahren mehrere Werkchen unter dem Titel: Mlodamotb Adonai — die Kriege des Herrn — herausgegeben. Auch hat er eine Masse Manuskript talmudischer Forschungen hinterlassen. Im Januar 1861 feierte er sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum — worüber damals in diesen Blättern ausführlich berichtet worden, — und erhielt von Sr. Majestät dem Könige den Rothen Adler-Orden vierter Klasse. Trotzdein seine körperlichen Kräfte in seinen beiden letzten Jahren allmählich abnahmen, blieb fein Geist stets jugendlich und frisch. Eine Jvee, die er einmal aufgegriffen und als richtig erkannt hatte, gab er nicht auf, verfolgte sie vielmehr mit der größten Ausdauer und der unerbittlichsten Consequenz. Davon gibt Zeugniß seine unwandelbare Gesinnung, mit der er seinen religiösen Standpunkt sein ganzes Leben hindurch behauptete; davon gibt ferner Zeugniß die oft wiederholte Petition um Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen, die unter dem Namen: „Die Sutro'sche Petition" bekannt ist. Er hat ja auch noch das Glück erlebt, durch das norddeutsche Bundesgesetz — welches diese Gleichberechtigung ausdrücklich ausspricht — seine Bemühungen gekrönt zu sehen. Um ihn trauern, neben den vielen Gemeinden seines Rabbinats, seine Hinterbliebenen Kinder, Enkel und Urenkel, denen allen er stets ein sorgsamer, liebevoller, milder Vater war. Er hat 41 Jahre in der glücklichsten Ehe gelebt; seine Frau ist ihm schon vor siebzehn Jahren vorausgegangen. Wer in Münster, im Münsterlande, man könnte fast sagen in Westfalen, kannte nicht den ehrwürdigen