Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1869)
- Date
- 1869-10-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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X. Jahrgang. Beilage z« Nr. 42 des Zsraelit. J. - .. ' W-'I'-'M» . I!. .! i -.MMim ..I ■ — ~ ~ -- Leitender Artikel Die jüdische Ehe nach biblischen und talmudischen Grundsätzen. Von Dr. Aron Hirschfeld. (Schluß.) Wie groß scheint dagegen das Zudenthum zu sein, wenn es in grauester Vorzeit, zuvorderst um ein edles, in jeder Beziehung über das Thier sich erhebendes , in seiner ursprünglichen Reinheit und seinem Seelenadel angemessenen Göttlichkeit sich erhaltendes Menschengeschlecht zu erzielen, schon in dem Dekalog, die Ehe als ein unantastbares Heiligthum hinstellend, den Ehebruch als eines der gröbsten Laster streng verboten und den Kindern die höchste Liebe, Scheu und Ehrfurcht vor den Eltern zur strengsten Pflicht gemacht hat. Als hätte der aller Gedanken kundige und alle Zeiten überflügelnde Gott schon im Voraus jener Entartung und Verwirrung des menschlichen Geistes entgegenarbeiten wollen, hat Er weislich in jenem Gebote der Elternverehrung zugleich die Verheißung, wie sonst in keinem andern Geböte in den Worten hinzuqefügt: „damit du lange lebest auf dem Lande, welches der Ewige dein Gott dir gibt", (2 Mos. 20, 12) gleichsam als wolle er damit sagen, daß schon der politische Bestand eines Staates es nothwendig erheischt, daß, indem jeder Staat nur eine einzige große Familienkette bildet, alle Glieder einer jeden Familie, deren Oberhäupter, die Eltern, wie Sonne und Mond betrachten müssen, von denen allein alles irdische Leben und Heil ausgeht. Denn diese seien die Gründer, die Hüter (im (pvXaxeg) des Staates. Doch verlassen wir das sogenannte klassische Alterthum und schauen uns bei einigen, in der Bibel namhaft gemachten Völkern um, uns nach deren Eheleben umzusehen. Allein auch hier erblickn wir, daß bei vielen Völkern die Frau nicht auf der Stufe der socialen Anerkennung und der ihr gebührenden Würde, wie bei den Israeliten steht. Abgesehen davon, daß die meisten Völker im blutschänderischen Umgänge lebten und sich nicht scheuten, die nächsten Familienglieder, wie Bruder und Schwester, durch gegenseitige Verheiratbung zu vermischen, haben auch diese kein eigentliches Eheweib gekannt,, das dem Manne vollkommen gleichgestellt sein sollte So hat ein persischer Despot wegen eines unsinnigen, im trunkenen Zustande gegebenen, und von der Frau unbeachtet gelassenen Machtgebotes nicht nur die Ehefrau verstoßen, sondern sogar allen Männern den strengen Befeh lgegebenriwro nznoi wvm tw ip’n nivfr idj; „daß jeder Mann Herrscher in seinem Hause sei und rede nach der Sprache seines Volkes." (Esther 1, Ende.) Aber auch bei den babylonischen und macedonisä en Königen war die Frau nicht als hip« Männin, als ganz dem IP'N, dem Manne gleichberechtigt genannt, sondern sie hat dort den frivolsten und obscönsten Ausdruck bsw angenommen, das nur beschönigt mit KebSweib übersetzt wird, oder Koncubion, wie aus Daniel (5, 2, 3, 23) und Nehemia (2, fi) zu ersehen ist *). Wenn auch der Ausdruck biv in den Psalmen (45, 10) vorkommt, so ist ja gerade dieser Psalm dem Anscheine nach auf Salomo gesungen worden, der in Folge seines großen Harems viele solcher Favoritinenn gehabt hat und wird hier der Ausdruck auf eine Ausländerin zu beziehen sein. Obgleich aber das Judenthum auch von dieser Seite her der strengsten, aber voruriheilsfteien Kritik sich unterzuwerfen nicht zu scheuen braucht, so hat man doch theils aus Unkenntniß und nur oberflächlicher Bcurtbkilung, theils aber auch aus Gehässigkeit ihm den Schimpf der Intoleranz und des JlliberalismuL gern anthun wollen, um nur die Tochter höher als die Mutter zu stellen. Man hat in Betreff der Gleich-- stellung der Frauen denselben Weg, wie mit dem Gebote der Nächstenliebe eingeschlagen, die dem Chnsientbume, als ihm ausschließlich angehörend, zugeschrieben wird, ohne zu bedenken, daß sie nichts als usurpirt und dem Judenlhume (3 Mos. 19, 18) entnommen worden ist. ES ist daher zu verwundern, wenn sogar erlauchte Geister, die eine Zierde ihres Jahrhunderts genannt zu werden verdienen, wie selbst ein Schleiermacher **) von diesem Wahn und Jrrthum befangen gewesen waren, daß sie die Behauptung ausstellten, „als habe das Christenthum den Zustand deS weiblichen Geschlechts der Gleichheit mit dem männlichen *) Vergleichen wir hier einen jüdischen König selbst in der Entartung und Sündhaftigkeit des Volkes, wie es Jerem. 13, 18, heißt: v2mt>vo mm> D2’tfnv 71' '2 »3C ib’Dt? m'iubi fbttb 7>vf> „Sprich zum König und der Königin, setzet euch niedrig, denn genommen ist von euren Häuptern die Krone eurer Pracht." Hier steht eine Königin ganz adaequat dem König an die Seit4 gesetzt, beide mit ihren königliche» Kronen gleichmäßig geschmückt. Dabei darf nicht übersehen werden, daß hier absichtlich die Königin nicht rnbv sondern rn'ia genannt wird. Denn orbn würde weiter nichts heißen als Gemaylin des Königs, wie (Jer. 8, 3) nichts als Prophetenfrau ohne selbst Prophetin zu sein,. herßt^ Aber der Ausdruck oi>33 Herrscherin gibt zugleich ihren Einflußauch auf die Staatsgeschäfte zu erkennen, wie oi'Lw?i's>, „er entsende sie, daß sie keine Herrscherin mehr sei." (1 Kön. 15, 13.) **) Schleiermachers Einleitung in Pkatos Repubkik S. 33:.