Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1869)
- Date
- 1869-10-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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812 arauf legen; meine Frau wird viel Last mit dem Kleinen haben." „„Gern würde ich Euch mehr geben,"" sagte Marinka, „„allein ich habe nicht mehr; aber die schönen, feinen Kleider des Kindes sind auch Etwas Werth, und dann dieses goldene Medaillon an seinem Halse — das lasse ich Euch auch!"" Der Bettler nahm das Medaillon, das ein Portrait des Grafen von Dornbach enthielt; er hatte sich in seiner Uniform malen lassen. „Ein feiner Herr," sagte Kalmann, — „und er ist todt?" „„Er ist im Duell gefallen, das er meiner Schwester wegen mit einem Kameraden hatte,"" entgegnete Marinka. „So gebt das Geld?" Marinka übergab das Kind der Frau und dem Manne das Geld. Dann entfernte sie sich eilig. Bald aber blieb sie stehen und schaute auf die langsam daherziehende Bettlerfamilie zurück. „Ich bin gerächt!" rief sie. „Dein hochadliger Sproß, Graf Arthur, der Deine großen Güter erben sollte, wird zum Betteljuden erzogen!" — Dann zog sie ihres Weges weiter. Als Kalmann mit den Seinen nach Pilsen kam, that er so, wie seine Frau ihm gerathen hatte. Ein reicher Glaubensgenosse aus Prag ward zu Gevatter gebeten, ein anderer vollzog die Beschneidung an dem erstgebornen Sohne des Grafen Arthur, von Dornbach und der Gräfin Agnes, geborenen Freiin von Hohenstein. Don den beiden Pragern, die natürlich keine Ahnung von der Herkunft des Knäbleins hatten, erhielt Kalmann reiche Geschenke. Für diese und für die von Marinka erhaltenen fünfzig Gulden kaufte er sich Waaren und trieb Handel bamtt zwei Jahre lang. Während dieser Zeit entwickelte sich das von ihm angenommene Kind, dem man nach seinem Gevatter den Namen Joseph gegeben, auss Kräftigste. Da zog die Cholera durch das Land und richtete schreckliche Verheerungen an. Kalmann. der sich mit seiner Familie in Prag befand, wurde davon ergriffen; auch sein Weib und seine drei Kinder. Sie wurden ins Hospital gebracht, wo sie sämmtlich der fürchterlichen Krankheit erlagen; nur der kleine Joseph war gesund geblieben. Während dieser furchtbaren Zeit hatte sich Raphael del Monte vor allen Andern durch Werke der Liebe und Barmherzigkeit ausgezeichnet; er besuchte die armen Kranken in ihren H äusern sowohl als auch im Hospitale, und half, wo er helfen konnte. Das Unglück der Familie Kalmann erschüttterte ihn sehr. Mitleidsvoll nahm er den kleinen allein übriggebliekenen Joseph bei der Hand und führte ihn seiner Gattin zu. „Wilhelmine," sagte er, „hier bringe ich Dir ein armes, verlassenes Kind. Sein Vater und seine Mutter, sein Bruder und seine Schwestern sind von der schrecklichen Seuche hinweggerafft worden. Das unglückliche Kind hat Niemanden auf der Welt als seinen Gott, der Mitleid gepflanzt hat in die Herzen der Menschen. Laß uns in diesem Falle Gottes Boten sein bei dem verlassenen Kinde. Wenn Du einwilligsi, so wollen wir es zu uns nehmen und es erziehen." „Dein Wille, geliebter Mann," entgegnete Frau del Monte, „ist, wie immer, auch diesmal der meinige. Welch ein schöner Knabe! Ich werde ihn gewiß liebgewinnen." Von der Hospitalcommission wurde Herrn del Monte die Verlassenschaft des verstorbenen Kalmann zugewiesen, damit er sie für seinen Pflegesohn verwerthc. Sie bestand aus geringem, alten Trödel, unter dem sich jedoch das Medaillon befand, welches Joseph einst am Halse getragen. Del Monte bewahrte es sorgfältig auf, damit der Knabe dereinst doch ein Andenken an die Seinen besitze. Als der kleine Joseph gewaschen, gekämmt und anständig gekleidet worden, erregte er förmliches Aufsehen durch seine Schönheit. „Ich weiß nicht," sagte del Monte zu seiner Gattin, „der Knabe ist zwar sehr schön; aber ich vermisse das eigenstich jüdische Gepräge in seinem Gefickte; auch hat er keinen Zug von seinen Eltern und Geschwistern, die ich vor ibrem Tode gesehen habe." „„Es darf Dir das nicht auffallen,"" entgegnete Frau del Monte, „die Einflüsse des Klimas, in dem wir schon länger als ein Jahrtausend leben, bleiben selbst bei unserm unvermischt und rein erhaltenem Volke nicht aus. Blaue Augen und blondes Haar finden sich ja nicht selten auch unter Juden."" „„Wohl wahr,"" sagte del Monte sinnend, „„allein der urgermanische Typus des kleinen Joseph ist doch zu auffallend. Auch blickt mich ein gewisses Etwas ganz ungemein bekannt an ans seinem hübschen Gesichtchen. Doch, dem sei wie ihm wolle. Wir wollen ihn in Tugend und Gottesfurcht erziehen."" Das geschah auch. Raphael und seine Gattin erzogen den Knaben in Liebe und Sorgfalt; auch als ihnen später eine Tochter geboren wurde, die sie nach Raphaels Mutter Sperauza nannten, blieb ihre Liebe für den Pflegesohn dieselbe. Joseph erfuhr gar nicht, daß er ein armes, verlassenes Kind gewesen, das die Mildherzigkeit ausgenommen hatte. Er hielt Raphael und dessen Gattin für seine leiblichen Eltern. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. «ieranlworttiche Redattion: Dr. Lehmann. Verlag der Le Ro urschen Hofbuchhandlung I. Got'.tileben in Mainz. DamPf'SchnellPrefjendruck von