Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1869)
- Date
- 1869-10-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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SM fe« Versammlung unterbrochen; am Schlüsse seine- Vortrages dankte ihm der Präsident und rühmte den scharfen Blick, mit dem er die Ursachen des Vothstandes dargethan. Hieraus sprach der Herausgeber dieser Blätter: „Meine Herren! ich erkenne an, daß Herr Kanowski mit scharfem Blicke die Verhältnisse seiner Landsleute erkannt hat; dech fürchte ich, mit nur allzuscharf e m! Ehe ich das näher begründe, möchte ich Sie auf den Entwickelungsgang einer jüdischen Bevölkerung aufmerksam machen, die Ihnen Allen bekannt und mit der in Rede stehenden in engem Zusammenhänge stcht. Fast sämmtliche Juden Rußlands, namentlich diejenigen , welche uns heute beschäftigen, wohnen in Provinzen, die dereinst der polnischen Republik angehörten; durch die Theilunz Polens kam ein Theil jener Provinzen an Oesterreich, ein Theil an Preußen. Welch' eine großartige Entwickelung haben die Juden im preußischen Polen erreicht! In allen Culturländern der Welt finden Sie dem Herzogthume Posen entstammende Juden, welche auf der Höhe der Cultur, der Civilisation, der Kunst und Wissenschaft stehen, die sich einer gediegenen Wohlhabenheit erfreuen! Und diese Juden aus Posen sind die Stammesgenoffen, dereinst die Landsleute der so hart beschuldigten Westrussen, standen noch nicht vor gar zu langer Zeit auf demselben Standpunkte des Lebens und der Anschauungen! Woher nun diese große Cultur bei den Juden des Herzogthums Posen? Daher, weil sie statt unter russische unter preußische Herrschtet gekommen, weil sie nicht von Ausnahmegesetzen niedergedrückt wurden, weil sie sich frei bewegen und ernähren durften! Und für die Roth, in der sich die armen, unglücklichen Westrufsen befinden, will man sie und sie allein verantwortlich machen, will behaupte, daß ihre orthodoxen Rabbineu und ihre streng religiöse Lebensweise an ihrer Armuth die Schuld trage? Hüten wir uns, weine Herren, Eins aus dem Andern zu folgern, hüten wir uns in den Fehler zu fallen, zu sagen: kost hvv, ergo propter hoc! A u fein anderfolgende Erscheinungen bedingen noch nicht, daß eine aus der andern folge. Die Einzelheiten und Anekdoten, die Herr Kanowski uns erzählt hat, geben uns noch nicht das Recht, davon auf das Allgemeine zu schließen. Wir Juden haben lange unter derartiger Verallgemeinerung gelitten; wir haben lange dagegen gekämpft, daß man, was ein Jude grthan, allen Juden anfbürdete. Fallen wir nicht in denselben Fehler, indem wir von Einzelheiten, von einzelnen Vorkommnissen auf 21/2 Millionen Glaubensgenossen schließen. Ueberhaupt, meine Herren, sind wir ja hier beisammen, um unseren bedauernswerthen, unglücklichen Brüdern zu helfen! Lassen wir bei diesem Werke der Hilfe wie das Erbarmen so auch die Liebe vorwalten, und tragen wir deßhalb den Sitten und Eigettthümlichkeiten unserer unglücklichen Brüder derart Rechnung, daß unsere Hilfe eine ersprießliche werde. Versteigen wir uw»: nicht zur Erftrebung so horrender Zwangsmaßregslo, wie Herr K. sic vorgefchlagen hat, wie das Verbot ihrer Muttersprache, wie die vollständige Russificirung unserer unglücklichen Brüder. Lasten Sie uns nur in Liebe und mit Güte, nicht blas mit dem Verstände, sondern auch mit dem Herzen Hilfe bringen!" — Darauf nahm der Herr Präsident Herrn Kanowski in Schutz und verwahrte ihn gegen den. Vorwurf, als habe derselbe etwas gegen die Orthodoxie sagen wollen; lediglich der russisch - polnische Fanatismus sei gemeint gewesen, der jedes. Streben nach Bildung perhorrescrre. Dasselbe wurde uns daun auch von Herrn Kanowski persönlich bestätigt. Hierauf sprach Herr Rabbiner Silber mann aus L y c k; er bestätigte das von den Vorrednern Vorgebrachte, warnte aber die Versammlung vor irgend welchen Eingriffen in das religiöse Leben der russisch-polnischen Juden; denn sonst würden sie sagen, wie man zu der Biene spricht: “jbghd -jspiyt: „wir wollen Deinen Stich und Deinen Honig nicht!" Den Glanzpunkt des Abends bildete die Rede des Herrn Albert Cohn aus Paris; mit großer Energie vertheidigte er die russischen Israeliten gegen die ihnen gemachten Vorwürfe und erzählte aus feinen Erfahrungen in Paris, wie rasch sich die dort hinkommenden armen Polen — eS gibt daselbst gegenwärtig 1500 arme polnische Familien—, acclimaüsiren nnd wie schnell sie civilisirt werden. »Ich weiß nicht", sagte er, ,^vie zu helfen; wir haben keine Mittel, um auf die russische Regierung, welche allein die Schuld des Elends tri.fft, einzuwirken; wir haben keine Diplomatie, keine Armeen, keine Flotten, um sie zu zwingen; aber Eins haben wir, was sie nicht hat und waS uns schließlich zum Ziele führen muß: wir haben Rechet und sie hat Unrecht". ES gebe nur eia Mittel, um den Israeliten in Rußland zu Helsen und das bestehe darin, ihren materiellen Wohlstand zu heben. Die Gründung von Schulen gestatte die russische Regierung nicht; sonst hätte die Alliance ebenso wie im Orient und wie in Astika auch in Rußland Schulen ins Leben gerufm. Redner spricht gegen die Einwanderung nach dem Innern wie gegen die Rnstisieirnng. „Das Letztere bedeutet nichts Anderes als die Taufe, und, meine Herren, das Judenthum ist mir nicht feil nicht um alkr Civilifation, nicht um allen materiellen Wohlstand! der im tief st en Elende schmachtende Jude istimmrr nrrch etwa» Großes, Bedeutendes — er ist Jude!" Herr. Rabbiner Br. Htld e«h eim er au» ®«r - lin sprach hieraus Herrn Wert Cohn seine Auer-