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Der Israelit · 1869-10-20 · Heft 42 (20.10.1869) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 42 (20.10.1869)
Date
1869-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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806 dann die Herren Dr. Rülf, Kanowski und Silbermann aufforderte, die Nrsiähett des NsMandeS darzulegen. Herr vr. Rüls entwickle dünn die Ursachen, in längerer, schöner Rede; doch ist uns seine Darstellung größtentheils schon aus seinen im „JSraelit" veröffentlichten Aufsätzen bekannt. Wir wollen daher nur die etwaigen, neuen uns kundgewordenen Momente hier wiedergebcn. Herr Rülf meint, unsere russischen Glaubensgenoffen leben zwar legal nach dem jüdischen Religionsgesetze, ohne jedoch die höhere Moralität desselben zu begreifen; sie erziehen ihre Söhne zur Thora, vernachlässigen aber die Erziehung der Mädchen vollständig; diese bringen ihre Kindheit größtentheils im Bette zu, sind dann nicht im Stande hei der frühen Eheschließung Gehilfinnen des Mannes zu werden; die Eheschließung geschehe in höchst leichtsinniger Weise; jeine Folge davon sei dann die vollständige Vernachlässigung drs Aeußern, Schmutz und Unredlichkeit; die RabLinen seien wahrhaft ideale, edle Männer, haben aber keinen weltkundigen Blick, keine Einsicht in die Welt- und Cultur-Verhältnisse. Eine andere Ursache der Verarmung sei die Übervölkerung. In Prinsk z. B. leben 10,000 Juden und 2000 Christen; 800 Familienväter seien min hoi^; selbst die Handwer er gehen jeden Nachmittag gurntsm. Es sei durch das Zusammengedrängtsein der isr. Bevölkerung, durch daö Streuben gegen die Gründung von Elementarschulen, durch die große Steuerlast, ferner durch die Folgen der polnischen Revolution im Anfänge des laufenden Jahrzehnts eine furchtbare Verarmung eingetreten, die in den letzten Jahren jene entsetzlichen Zustände hervorgebracht. In der Stadt Georgienburg allein leben gegenwärtig 1000 jüdische Bettler; ein Viertel der gesammten jüdischen Bevölkerung bestehe heute in den Nothstandsdistrrcten aus Wittwen und Waisen. Diese Wittwen, die, solange ihre Ernährer lebten, unthätig waren, entfalten jetzt eine große Regsamkeit, um ihre Kinder zu ernähren; sie holen Nägel und Streichhölzchen in Preußen und bringen sie über die Grenze; ihr Zustand sei so erbarmungswürdig, daß selbst die russischen Grenzsoldaten Mitleid mit ihnen haben und sie frei passiren lassen. — Nichtsdestoweniger fei es jetzt, nachdem die eigentliche Hungersnoth vorüber, nicht gerathen, so ohne Weiteres die Almosen zu vertheilen, sondern man müsse darau denken, etwas für die Dauer Wirkendes für diese Unglücklichen zu thun. Hier wurde Herr Dr. R. vom Prauden eu unterbrechen und ersucht, seine Vorschläge so lange zurückzubehakten, bis auch die anderen Herren über die Ursachen des Nvthstandes gesprochen. Ehe wir dazu übergehen, deren Referate mitzutheilen, wollen wir bemerken, daß in der Rede des Herrn vr. R. zwar Manches ausgesprochen worden, war wir ernstlich mißbilligen und bestreiten müssen, daß aber sein Vortrag im Ganzen seine große Liebe für unsere leidenden Stammesgenossen Md fein gutes, gefühlvolles Herz dargethan bat. Das Letztere nun können wir von dem Vortrage des Herrn Kanowski aus Königsberg nicht sagen. Derselbe legte die Schattenseiten unserer ununglücklichen russischen Glaubensgenossen in einer Weise dar, die ihnen alle Schuld an ihrem Elende allein aufbürdete. Herr K. erzählte, daß er selbst Russe sei, sein halbes Leben in Rußland und teilweise auf Reisen in den in Rede stehenden Provinzen zugebracht habe. Die orthodoxen Rabbiner perhorresciren Alles, was irgend eine Neuerung sei, was Cultur und Civilisation betreffs; daher seien die Juden selbst hinter der Bildung der russischen Christen zurückgeblieben. Nicht Mißwuchs, nicht polnische Revolution, sondern die Verdummung und Verkommenheit der jüdischen Bevölkerung habe deren Verarmung verursacht. Sogar die wohlhabenden Kaufleute seien nicht geschult; die Handwerker seien Pfuscher; die Arbeiter seien die Parias unter ihren Glaubensgenoffen, seien verachtet. Die sogenannten „guten Kinder," d. h. Knaben, die Anlagen zum Lernen haben, seien so gesucht, daß die Leute ihre Verarmung herbeiführen, um solche Schwiegersöhne „einzusetzen;* diese erhalten dann von d?n Schwiegereltern die Kost, gehen ins Beth Hamidrasch, lernen aber selten, sondern lungern dort herum, wenn sie ihren Zweck erreicht haben; er selbst habe es auch so gemacht. Der Einwanderung der Juden nach dem Innern sei sehr zu widerrathen; der Pöbel sei dort fanatisch; bei jedem Brande würden die Inden der Brandstiftung beschuldigt, die sie dann auch, von den Dualen der Tortur dazu veranlaßt, bekennen, wiewohl sie ganz unschuldig seien. Versuche, die Inden als Ackerbauer im Innern des Reiches anzusiedeln, seien vielfach mißlungen; dagegen sei ihnen die Erwerbung von Grundbesitz in den westlichen Provinzen von Seiten der Regierung verboten. Die Schüler, die auS den von der Negierung angelegten Rabbinerschulen bervorgingen, taugen nichts; viele davon ließen sich später sogar taufen. Jene ehemaligen Zöglinge der Rabbinerschulen seien die sogenannten Kronrabbinen, die nicht den geringsten Einfluß in ihren Gemeinden hätten. Herr K. schlägt vor'. 1) Errichtung von Elementar- und Gewerbeschulen, namentlich zur Erlernung der russischen Sprache. 2) Einwirkung des Verbots, den deutsch-polnischen Jargon zu sprechen, 3) Einflußnahme auf die Regierung, damit sie Erwerbung von Grund und Boden im Westen gestatte, 4) Gewährung der Mittel, um zur Auswanderung nach Amerika behiflich zu sein. Herr Kanowski wurde mehrfach vom Beifalle /

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