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Der Israelit · 1869-10-13 · Heft 41 (13.10.1869) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 41 (13.10.1869)
Date
1869-10-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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796 suchen mögen in den Fluchen der Donau; aber der Wunsch, fick zu rächen an dem Mörder ihres Glückes und ihrer Ehre, vermochte sie, die Last ihres kummerersüllten Lebens noch länger zu ertragen. Eie war eine geschickte Stickerin; sie beschloß in Wien zu bleiben und hier Arbeit zu suchen. Bald fand sie ein Unterkommen in einem renommirten Geschäfte. Hier verdiente sie reichlich ihren Unterhalt; allein sie lebte obne Freude am Dasein. Das einzige Gefühl der Rache erfüllte ihr Herz; doch wie sollte die arme Stickerin sich rächen können an dem vornehmen, mächtigen Grafen? Eines Tages fuhr die Baronin von Hobenstein vor dem Gewölbe vor, in welchem Marinka beschäffligt war. Die Baronin machte bedeutende Einkäufe und gab noch größere Aufträge; mit Wonne erzählte sie den lauschenden Ladenmädchen, daß ihre einzige Tochter, die Gräfin Dörnbach, auf Schloß Dornbach ihrer Niedcrlunft emgegensehe, und daß für dieses frohe Ereigniß all die zierlichen und feinen Waaren bestimmt seien, die sie hier kaifle und bestelle. Auch Marinka war zugegen; tiefe Bitterkeit erfüllte ihr Herz, als sie die Baronin so sprechen hörte. Da fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf, der sie in wilder Freude beinahe hätte laut ausschreien lassen. Um des erwarteten Sprößlings willen hatte Graf Dornbach sie verlassen; diesen wollte, diesen mußte sie in ihre Gewalt bringen; dir hochadlige Spioß deö alten Geschlechts sollte auswachsen als ein namenloses Kind der Schande in Roth und Elend! Ja, dann war sie gerächt, die arme Tochter des Volkes, die der gräsiiche Verführer um ihr Glück betrogen hatte! Ha, wie würde der Vater dann jammern um das verlorene Kind, die hochgetorcne Gräfin dann trauern und das Gefühl deS Elends kennen lernen, das sonst nur die Armen erdulden müssen! Tieser Gedanke verließ Marinka nicht mehr; sie gab ihre Stelle in Wien auf und wauderte nach Böhmen, dem Schlosse Dornbach zu. Vier Wochen waren die gräflichen Zwillinge alt, als Marinka nach einer langen und beschwerlichen Reise im Dorfe Dörnbach ankam, an dessen äußersten Ende, auf einem sanstansteigenden Hügel das prächtige Grafenschloß lag. Als Marinka sich dem Schlosse näberte, herrschte dort eine furchtbare Aufregung. Der Graf war. an demselben Morgen auf die Jagd gegangen und eben war die Nachricht eingetroffen, daß ein angeschoffener Eber ihn lebensgefährlich verwundet hatte. Die Gräfin war mit ihren Dien rn in den Wald geeilt, um dem Verwundeten Hilfe zu bringen; die wenigen Zurückgebliebenen liefen wie kopflos bald hierhin, bald dorthin. Niemand achtete aus das fremde, anständig gekleidete Frauenzimmer, das in das Schloß eintrat, ein Zimmer nach dem andern öffnete, bis es ein Gemach auffand, in welchem in der Wiege ein Säugling schlummerte. Zwei Ammen, die zwei nebeneinanderliegende Schlafzimmer inne hatten, versorgten die gräflichen Zwillinge. An die Wiege des Einen trat Marinka, die keine Ahnung davon hatte, daß die Gräfin Zwillinge geboren. Die Amme hatte das schlafende Kind allein gelassen, um sich mit den andern Mägden von dem geschehenen Unglücke zu unterhalten. Rasch riß Marinka den schlummernden Knaben an sich, barg ihn in ihren weiten Mantel und schritt eilig davon. Unterdeß hatte man im Walde eine Tragbahre hergestellt, auf die man den verwundeten Grafen legte; der Eber hatte mit seinen Hauern die Brust aufgerissen. Der rasch herb.'igeholte Arzt erklärte die Wunde für gefährlich. Sanft wurde der Kranke nach Hause g^brackt; an seinem Bette saß jammernd sein trostloses Weib. Doch sollte dieser Tag ihr noch furchtbarere Erlebnisse bringen. Als die eine Amme durch des Geschrei des erwachenden Säuglings herbeigerufen wurde, wollte auch die andere nach dem ihr anvertrauten Kinde sehen — die Wiege war leer. Auf den Jammerruf der Unglücklichst: stürzte Alles herbei; auch die Gräfin kam, um nach der Ursache des auch von ihr vernommenen Weherufs der Amme zu forschen; als sie vernahm, ihr Bruno, so hieß das geraubte Kind, sei verschwunden, stürzte sie ohnmächtig nieder. „Cie stirbt, sie stirbt!" rufen die aufs Neue erschreckten Diener und Dienerinnen. Da erscheint der Gras an der Schwelle des Zimmers; er hat die Jammerrufe vernommen, hat sich mühsam von seinem Lager erhoben und sich hierhergeschleppt. „WaS ist geschehen?" fragt er mit Anstrengung. „DaS Kind ist gestohlen," antwortet man ihm, „die Gräfin stirbt!" — Da erhebt er seine Hände und milden Worten: „Marinka, dein Fluch ist erfüllt!" fällt er der Lange nach zu Boden. Als die Gräfin aus ihrer Ohnmacht ins Leben zurückkehrte, befand sie sich an der Leiche ihres Gatten. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Herrn —r in —g: Sie machen uns, hochgeehrter Freund, darauf aufmerksam, daß die in diesen Blättern erschienene Anzeige, in welcher für eine Synagoge ein Capital gegen Zinsen gesucht wird, zu Mißverständnissen Anlaß geb n könne Wir hatten jene Anzeige so aufgesaßt, daß durch Vermittlung von Lesern des „JSraelit" das betreffende Capital von Nichtjuden hergeliehen werden soll Daß Juden an Juden keine Zinsen zahlen dürfen, ist ja selbstverständlich und auch unlängst erst in diesen Blättern ausführlich besprochen worden. — Uebrigens wird der „Israelit" auch von vielen Nichtjuden regelmäßig gelesen. Hierzu eine Beilage. L-ranttvortliche Nedactio«: l>r. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Lampf-Schnellpreffendruck von I. Gotlkleben in Mainz.

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