Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1869)
- Date
- 1869-10-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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792 boldt — bietet den Bewobnern des Abendlandes bei ihrer inneren, erhobenen Größe noch den besonderen Reiz, daß sie mit den lokalen Glaubenserinnerungen der Anhänger von drei weitverbreiteten Religionen, der mosaischen, christlichen und mubamedanischen, vielfach verwebt ist. Durch Missionen, welche der Handelsgeist und die Eroberungssucht schiffahrender Nationen begünstigen, sind geographische Namen und Naturschilderungen des Morgenlandes, wie sie die Schriften der Bibel uns aufbewahren, tief in die Wälder der neuen Welt und in die Inseln der Südsee eingedrungen. Es ist ein charakteristisches Zeichen der Naturpoesie der Hebräer — fährt Humboldt fort, — daß als Reflex deö Monotheismus, sie stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfaßt, sowohl das Erdenleben als die Himmelsräume. Sie weilt seltener beim Einzelnen, sondern erfreut durch Anschauung großer Massen. Die Natur wird nicht geschildert als ein für sib Bestehendes, durch eigene Schönheit Verherrlichtes; dem hebräischen Sä-igrr erscheint sie immer in Beziehung auf eine höher waltende geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffenes, Angeordnetes, der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der Sinnenwelt, deshalb ist die lyrische Dichtung der Hebräer schon ihrem Inhalte nach großartig und von feierlichem Ernst, sie ist trübe und sehnsuchtsvoll, wenn sie die irdischen Zustände der Menschheit berührt. B^merkenöwerth ist doch, daß diese Poesie trotz ihrer Größe selbst im Schwünge der höchsten, durch den Zauber der Musik hervorgerufenen Begeisterung, fast nie maßlos wie die indische Dichtung wird. Der reinen Anschauung deö Göttlichen hing-geben, sinnbildlich in der Sprache, aber klar und einfach in den Gedanken, gefällt sie sich in den Gleichnissen, die fast rhythmisch, immer dieselben wieder kehren. Als Naturbeschreibungen sind die Schriften der Bibel eine treue Abspiegelung der Beschaffenheit deö Landes, in welchem das Volk sich bewegte, von Oede, Fruchtbarkeit und libanotischer Waldbedeckung, die der Boden von Palästina darbietet. Sie schildern die Verhältnisse des Klimas in geregelter Zeilfolge, die Sitten der Hirtenvölker und deren angestammte Abneigung gegen den Feldbau. Die epischen und historischen Darstellungen sind von naiver Einfachbeit, fast noch schmuckloser als Herodot. naturwahr, wie bei so geringer Umwandlung der Sitten und aller Verhältnisse des Nomadenlebens, die neueren Reis nden es einst'mmig bezeugen. Geschmückter aber und ein reiches Naturleben entfaltend ist die Lyrik der Hebräer. Man mö'te sagen, daß in dem einzigen 104. Psalm das Bild des ganzen Kosmos dargelegt ist. „Der Herr mit L'cht umhüllet, hat den Himmel wie ein Teppich ausgespannt. Er hat den Erdball auf sich selbst gegründet, damit er nicht wanke. Die Gewässer quellen von den Bergen herab, in die Thäler, zu den Orten, die ihu.n beschieden; daß sie nie überschreiten die ihnen gesetzten Grenzen, aber tränken alles Wild des Feldes. Der Lüite Vögel stngn unter dem Laube hervor. Saftvoll stehen des Ewigen Bäume, Libanons Zedern, die 1er Herr selbst gepflanzt, daß daS Federwild dort niste, und auf Tannen sein Gehaus der Habicht baue." Es w'rd beschrieben „das Weltmeer, in dem es wimmelt von Leben ohne Zahl. Da wandeln die Schiffe und es regt sich das Ungeheuer, das du schufst, damit zu scherzen." Es wird die Saat der Felder, durch Menschenarbeit bestellt, der fröhliche Weinbau und die Pflege der Oelgärten geschildert Die Himmelskörper geben diesem Naturbilde seine Vollendung. Der Herr schuf den Mond, die Zeiten einmtheilen, die Sonne, die das Ziel kennt ihrer Bahn. Es wird Nacht, da schwärmt Gewild umher. Nach Raub brüllen junge Löwen und verlangen Speise von Gott. Erscheint die Sonne, so Heden sie sich davon und lagern in ihren Höhlen: dann, geht der Mensch zu seiner Arbeit, zu seinem Tagewerk bis A> end " Mm erstaunt, in einer lyrischen Dichtung von so geringem Umfange, mit wenigen Uoßen Zügen, das Universum, Himmel und Erde geschildert zu sehen Dem bewegten Elementarleben, der Natur ist hier des Mensiben stilles und mühevolles Treiben vom Anfänge der Sonne bis zum Slstußedes Tagewerks am Avend entgegengestellt. Dieser Contrast, diese Allgemeinheit der Auffassung in der Wechselwirkung der Ersche nungen, dieser Rückblick auf die allgegenwärtige, u.»sichtbare Macht, welche die Erde verjüngen oder in Staub zertrümmern kann, begründen daS Feierliche einer minder lebeuswarmen und gemächlichen als erhaben poetischen Dichtung. Aehnljche Ansichten des Kosmos, führt H u mb o l d t aus, kehren mehrmals wieder, (Psalm <>5, 7—14 und 74, 15—17), am vollendetsten vielleicht in dem 37. Capitel des alten, wenn auch nicht (?) vormojaischen BucheS Hiob. Die meteorologischen Prozesse, welche in der Wölkend cke Vorgehen, die Formbildung und Auflösung der Dü >ste bei verschiedener Windrichtung, ihr Farbenspiel, die Erzeugung des Hagels und des rollenden Donners w rden mit industriellem Anschaulichkeit beschrieben; auch viele Fragen vorgelegt, die unsere heutige Phy ik in wiffenschaftl cheren Ausdrücken zu formulwen, aber nicht befriedigend zu lösen vermag. Das Buch Hiob w'rd allgemein für die vollendetste Dichtung gehalten, welche die hebräische Poesie h.rvorgebracht bat. ES ist malerisch in der Darstellung einzelner Erscheinungen als kunstreich tu der Anlage der ganzen didaktischen Composttion. Ja allen modernen Sprachen, in welche das Buch Hiob übertragen worden ist, lassen s"ine Naturbilder des Orients einen tiefen Eindruck. „Der Herr wandelt aus des MeereS