Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1869)
- Date
- 1869-10-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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776 Fügung der Vorsehung das Mordinstrument aus seiner Hand geschleudert wurde, als er im Begriffe stand seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen. Jsak Kalmberg, so hieß der Greis, welcher Raphael von seinem übereilten Entschlüsse zurückgehalten hatte, war ein angesehener Kaufmann; er wie seine ganze Familie hingen treu und fest der Religion der Väter an. Jsack Kalmberg gehörte zu den wenigen Prager Israeliten, denen ausnahmsweise gestattet war, außerhalb der Prager Judenstadt zu wohnen. Er führte den jungen del Monte in sein Haus und bestand darauf, daß der Jüngling, den er nicht aus dem Auge verlieren wollte, bei ihm Wohnung nehme. Der edle Greis wollte sein Rettungswerk ganz vollbringen. Raphael ließ sich von seinem väterlichen Freunde leiten wie ein Kind; sein Muth war gebrochen, sein Herz war krank. Bald unterlag auch der Körper den geistigen Aufregungen; ein hitziges Fieber brach aus und führte den Jüngling an den Rand des Todes; es war sicherlich nur der sorgfältigen Pflege zn verdanken, die Raphael in Kolmbergs Hause genoß, daß der Tod hier nicht eine frühe Ernte hielt. Wie dankbar war Raphael seinen neuen Freunden, als die Genesung wieder sein Herz mit freudiger Hoffnung erfüllte! Hier hatte der Jüngling zum ersten Male ein wahrhaft jüdisches Familienleben kennen gelernt. Die unaussprechliche Liebe und Achtung, mit welcher sich die alten Ehegatten begegneten, die hohe Verehrung, welche die Kinder und Enkel dem greisen Ehepaare stets entgegenbrachten, die geschwisterliche Zärtlichkeit, die neidlose Freundschaft und Fürsorge, womit in diesem Hause Brüder und Schwestern verkehrten, die Poesie der Sabbatte und Feste, von denen Raphael bisher keine Ahnung gehabt hatte — das Alles machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Noch mehr aber flößte ihm Muth und Vertrauen ein die Liebe und Sorgfalt, die man in uneigennützigster Weise für ihn, den Fremden hatte. Sowohl Kaimberg wie seine Gattin, die Söhne wie die Töchter, widmeten ihm einen Theil ihrer Zeit, hatten abwechselnd an seinem Krankenlager gewacht und suchten nunmehr den Genesenden zu unterhalten und zu zerstreuen. Es waren namentlich religiöse Fragen, über die sich Raphael gern unterhielt. Er ftagte nach dem Sinn der Satzungen und Gebräuche, nach der Bedeutung der Gebote. Auch als er ganz hergestellt war, erbat er sich die Erlaubnis, noch länger in dieser liebenswürdigen Familie leben zu dürfen. Er ließ sich einen Lehrer empfehlen, bei dem er die hebräische Sprache erlernte, um in ihr beten zu könne»; bald ward die Bibel seine liebste Lectüre; von ihr ging er zu den Commentaren über; dann wandte sich sein Wiffensdurst der mündlichen Lehre, Mischnah und Talmud zu; er lernte die hervorragenden Gelehrten kennen, an denen in jener Zeit Prag so reich war. Wunderbar ergriff den jungen Mann dieses Leben und Weben des jüdischen Volkes innerhalb der Gotteslehre; er klagte nicht mehr über Leere des Herzens; seine Brust wurde erfüllt mit heiliger Begeisterung für Gott, für die Thora, für Israel. Und wenn die Zweifel wieder erwachten, die eine verkehrte Erziehung in sein Herz gepflanzt hatte, so nahm er seine Zuflucht zu den jüdischen Religionsphilosophen, zu den Choboth Halebaboth des Backaja, zu den Jckarim des Joseph Albo, namentlich aber zu dem Kusari des Jehudah Hallewi. Durch sie lernte er den Feind in der eigenen Brust bekämpfen und endlich besiegen. Ein Jahr schon weilte Raphael in dem Hause seines väterlichen Freundes, dem er nicht nur sein Leben, dem er Alles verdankte, was jetzt ihn mit hoher Freude erfüllte und wahrhaft glücklich machte; das Fräulein von Hohenstein war längst vergessen; er hatte sie nie geliebt; sein Gefühl für sie war nur Sinnestäuschung gewesen und seine Verzweiflung nichts als verletzte Eitelkeit. Raphael, bis dahin ein Schooßkind des Glückes, im Besitze all der Güter, welche die Menschen preisen, war mit Abscheu zurückgewiesen worden, weil er dem jüdischen Volke entsprossen. Das hatte sein Herz mit Bitterkeit erfüllt, und als er nirgendwo eine Stütze fand, an die er sich hätte lehnen können in seinem Schmerze, so hatte er das Dasein von sich werfen wollen, das für ihn keinen Werth mehr zu haben schien. Jetzt aber war er ein anderer Mensch geworden; er fühlte sich eins mit seinem Volke, mit seinem Gotte; er lebte für das Höchste und Größte, das zu erfassen er gelernt hatte. Die Söhne und Töchter Jsak Kalmbergs waren sämmtlich vcrheirathet bis auf die Jüngstgeborene, ein Mädchen von achtzehn Jahren. Wilhelmine war nicht besonders schön, aber sanft und liebevoll, eine echte Tochter Juda's; ihr Gemüth war fromm und gottergeben; auch halte ihr Vater dafür gesorgt, daß alle seine Kinder gediegene Kenntnisse in religiöser wie in anderer Beziehung erlangt hatten. Am Jahrestage seines Zusammentreffens mit Kalmberg verlobte sich Raphael mit der jüngsten Tochter seines Lebensretters. Mit seinen reichen Mitteln trat er in das Geschäft seines Schwiegervaters als Theilhaber um so lieber ein, als es ihm vergönnt > war, den größten Theil seiner Zeit den geliebten Studien, der Ausübung von Wohlthätigkeit und anderen Liebespflichten zu widmen, während die Schwäger dem j Geschäfte vorstanden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Lchjv^rovrUuhe Atedaciion: I>r. Lehmann. — Verlag der Le Rorix'stden Hofbvchhandümg. — Dampf - S chnellPresjendrn A von S. GottSlebe» in Mainz.