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Der Israelit · 1869-10-06 · Heft 40 (6.10.1869) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 40 (6.10.1869)
Date
1869-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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771 oder wie so ein Milliönchen iw Staatssäckel verschwinden. Die directen Unterstützungen haben jedoch nun schon zwei Jahre angedauert, wir können den Nothstand nicht in Permanenz erklären; diese anhaltenden Unterstützungen wirken allzu demoralisirend auf die Bevölkerung. Ich kenne sehr ehrbare Männer, welche man vordem nicht hätte schwerer beleidigen können, als durch das Anerbieten.einer Unterstützung; heute nehmen sie nicht nur, nein sie fordern, obschon sie es vielleicht jetzt nicht mehr so nothwendig hätten. Die diesjährige gute Ernte hat die eigentliche Hungersnoth zum mindesten beseitigt. Aber wie bei Verheerungen von Naturgewalten erst poot eveutum der eigentliche Schade richtig zu schätzen und zu beurtheilen, so sieht man erst jetzt die wahre Zerrüttung unter den west-russischen Glaubensgenossen. So gibt sich unter denselben jetzt kund: Erstlich, eine Verarmung zum Entsetzen. Einzelne Vermögende gibt es nur noch in. den größeren Städten, in den kleineren, und deren gibt es eine unzählige Menge — sind die Vermögenderen nach und nach entweder ganz verarmt oder fortgezogen. Aber was Hilsts, man muß sie zunächst der eigenen Kraft überlassen, die Lebensmittel sind billig, sie müssen zusehen wie sie fertig werden "iy "ihn oipoo anb loy» r6arn nn» — das Allswanderungsproject! — Ferner gibt sich kund, eine Zerrüttung ihres ganzen Wesens, eine Verkommenheit, eine Zerfahrenheit; es ist ein wahrer Jammer, diese abgerissenen zerlumpten Menschen zu sehen, die nicht wissen, was zunächst zu beginnen. Und drittens — wohl das schlimmste von Allem — der vierte Theil der Bevölkerung besteht aus Wittwen und Waisen. Auch in normalen Zeiten gab und gibt eS hier unter den westrussischen Israeliten verhältnißmäßig wohl die meisten Wittwen und Waisen. Das weibl. Geschleckt zeigt im Allgemeinen viel mehr Widerstandskraft der Noth und den Entbehrungen des Lebens gegenüber als das männliche; nimmt auch und insbesondere hier — an den aufreibenden Beschäftigungen der Männer wenig oder keinen Antheil. Dazu kömmt, daß in diesen Gegenden sich die Männer allesammt und zwar sehr früh, meist noch vor dem 20. Lebensjahre verheirathen, sehr früh altern und sterben, ganz besonders aber die eine sehr zahlreich vertretene Elaste der Thorabeflissenen, welche außerdem noch das stete Sitzen bei kärglichster Nahrung in verdorbener Luft ohne die geringste Lebensabwechselung, aufreibt: Und so ist es gekommen, daß der Typhus, welche in den beiden verflossenen Jahren so viele Opfer gefordert, sich besonders die Männer und Familienernährer ausgesucht. So erzählt mir ein hier ansässiger Mann, der die beiden verflossenen Neujahrstage in seiner Heimath, einem dieser russischen Städtchen, zugebracht, die ganze Gemeinde sage Kadisch. Ein Jeder hat irgend ein Familienglied verloren; aber waS herzzerreißend sei, er habe in der Hauptsynagoge etwa sechszig Waisenknaben getroffen, die den noch nicht ein Jahr verstorbenen Eltern, meistens aber ihren Vätern Kaddisch nachsagen. Dem können wir uns nicht entziehen, für diese müßte nothwendig etwas geschehen; welcher Art diese Unterstützung sein müsse, darüber bin ich noch nicht im Klaren, und daß Sie hierfür die vorhandenen Fonds reserviren möchten, das zu rathen war mein Wille noch bevor ich Ihren Brief erhielt. Auch die bereits erhaltenen 5000 Fr. werden wir noch eine zeitlang zurückhalten, bis Sie hierüber anderweitig disponirt haben werden; denn direkte Unterstützungen in der bisherigen Weise halten wir geradezu für verderblich. Im Allgemeinen genommen ist der Zustand dieser unserer Glaubensgenossen ein ungemein elender; jeder Kopf muß denken, jede Hand muß arbeiten, jeder Säckel sich öffnen, um da eine Abhilfe herbeizuführen. Hier aber muß ich schließen. Ich habe so viele Briefe und alle in dieser Weise und Ausdehnung z« beantworten, daß es» mir im Kopfe schwindelt und schwirret. Empfehlen Sie mich bestens dem Centralcomits der Alliance, besonders dem liebenswürdigen Präsidenten, dem alten Manne mit dem jungen Herzen und feurigen Geiste. Mit bekannter und vollster Werthschätzung ergebenst vr. Rülf. Aeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterreichischer Kckiferstaat. Wien, 26. Sept. H. S., mosaischen Religions- Bekenntnisses , hat das von seiner Ehegattin am 22. Februar d. I. geborne Kind nicht der Beschneidung unterziehen lasten. In Folge dessen verweigerte der israelitische Matrikelführer die Eintragung des Kindes in die Geburtsmatrikel. In der bei der Behörde gegen die Weigerung des Matrikelführers eingebrachten Beschwerde führte S. an, er habe die Beschneidung seines Kindes nicht vornehmen lasten, weil erülich die Operation nicht ganz gefahrlos und die Be.chneidung lediglich eine kirchliche Handlung sei, zu welcher nach Artikel XIV des Staatsgrundgefetzes vom 21. Dezember 1867 Niemand gezwungen werden könne. Sodann sei die Beschneidung auch keineswegs eine wesentliche Voraussetzung des Eintrittes in den Verband der mosaischen Religion, und da das Kind nach Artikel I des Gesetzes vom 25. Mai 1868 in de

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