Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1869)
- Date
- 1869-09-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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75tz •weinet Glaubensgenossen? Ha, Glaubensgenossen! Glaube ich denn, was sie glauben? Bin ich nicht seit frühester Kindheit diesem Glauben entfremdet, habe ich doch nie gelernt zu beten wie sie, zu leben wie sie, kenne ich doch ihre Satzungen und Gebräuche nicht! Und die Christen? Ihnen bin und bleibe ich der Jude, selbst wenn .... Nein, ich bin ein verlorener Mensch, mein Dasein ist ein verfehltes. Was soll ich es noch Länger ertragen, da der Traum des Glückes mir gebogen? Des Glückes! Wie werde ich doch von so Dieben glücklich gepriesen! Reich, jung, gesund, mit mannigfachem Misten ausgerüstet .... aber das Herz ist leer; ich glaubte, die Liebe sollte es erfüllen, und nun hat sich auch die als ein Phantom in Nichts aufgelöst!" Bei diesen Worten hatte der Jüngling ein Terzerol aus der Tasche gezogen. „Komm her, Du Tröster," sagt er, den Hahn spannend, „und befreie mich von des Daseins unerträglicher Last!" In demselben Momente ward ihm die Mordwaffe aus der Hand geschlagen. Erstaunt blickte der Jüngling in ein ehrwürdiges, von weißen Haaren umrahmtes Gesicht. „Herr," fuhr er auf, „wer gibt Ihnen das Recht..." „Ruhig, ruhig," unterbrach ihn der Alte, „„Sie selbst gaben mir das Rechts Ihr Leben zu retten, Sie vor dem größten Verbrechen zu schützen. Armer, junger Mann, wie unglücklich müssen Sie sein und wie — feige!"" „Feige?" „„Ja feig, weil Sie nicht den Muth haben, das Unglück zu ertragen und ihm entfliehen wollen. Der rechte Mann sucht nicht von der ihm beschwerenden Last durch ein Verbrechen sich zu befreien. Er trägt sie mit dem Muthe des Dulders bis ans Ziel. Doch fasten Sie Vertrauen zu mir. Sehen Sie, ich könnte fast ihr Großvater sein; vielleicht kann ich Ihnen Helsen. Gott hat mich mit Glücksgütern gesegnet; sollte es da vielleicht fehlen."" „Auch ich bin reich." „„So sagen Sie mir, was sonst Sie beschwert; nicht aus Neugier frage ich. Da Gott uns unter so sonderbaren Umständen zusammengeführt hat..." „Gott hat uns zusammengesührt? Gibt es einen Gott?" „„Wie die Sonne hier brennt! Kommen Sie mit nach jener Bank, dort ist es schattiger. Sagen Sie, Libt cs eine Sonne?"" „Gewiß, sie brennt und sengt ja eben!" „„Ach, wenn die Sonne einmal ihre Bahn verließe und uns zu nahe käme und die Erde versengte!"" „Dos kann sie nicht." „„Und warum nichts wer hindert sie daran?"" „Sie kann den Gesetzen der Nntur gemäß aus ihrer Bahn nicht weichen." „„Natur? Gibt es eine Natur?"" „Das ganze Walten innerhalb der Welt, das Entstehen und Vergehen und die Gesetzmäßigkeit in dem Allem nennen wir Natur." „„Könnte man diese Gesetzmäßigkeit nicht auch Gott nennen?"" Ich habe nichts dagegen; allein, dann könne: Sie ebensowenig sagen: „Gott hat uns zusammenge führt" wie: „die Natur hat uns zusammengefüM? Ein Zusammenführen setzt ein planvolles Wolle: voraus." „„Richtig. Ich habe vorhin aus Ihrem Selbstgespräche, das ich wider meinen Willen theilweise vernehmen mußte, gemerkt, daß Sie Jude sind. Kennen Sie die wunderbare Geschichte unseres Volkes?"" „Nur so im Allgemeinen! ich weiß nur, daß es ein hartnäckiges Volk ist, welches mit ungeheure: Zähigkeit an veralteten Ideen. festhält und deßwege: verhaßt und verachtet ist überall." ,,„O, wie kennen Sie dieses heilige und erhaben« Volk so wenig! Hartnäckig? ja. Aber die Ideet. für die eS duldet, sind die heiligsten und erhabensten*"' „Und das Schweinefleisch, das es verschmäht?^ „„Junger Mann, das Licht, das uns leuchtet, is. Gottes Licht und das Gebot, das wir erfüllen, isi Gottes Gebot. Ich werde Sie führen in die Paläste und in die Hütten Israels; Sie werden dort ein Gottersülltes Leben kennen lernen. Dieses Volk Zeugniß ab von dem Dasein des allmächtigen Gottes! nicht nur, sondern auch von Seiner allwaltenven Vorsehung; seine Religion trägt das Siegel göttlicher Vollendung; seine Glückswie seine Leidensgeschichte sind eine fortlaufende Kette göttlicher Fügungen,'seine Erhaltung inmitten all der Verfolgungen, sein Festhalten an Gottes Geboten nach Jahrtausenden des Elends und der Schmach, das ist eine ewige, fortlaufende Offenbarung des GotteSgeistes. Suchest Du Gott, mein Sohn, so gehe in Israels Häuser-, und Du wirst Ihn finden im Lallen der Kinder, in der Brust der Jünglinge und Jungfrauen, im Geiste der Männer und Frauen, der Greise und Greisinnen, in den letzten Athemzügen der Sterbenden. — Folgen" Sie mir, mein junger Freund, in meine Behausung, lernen Sie Juden und Iudenthum kennen, und es wird Ihnen nicht mehr leid sein, dem verachteten Stamme Jakobs anzugehören." — (Fortsetzung folgt.) < Hierzu zwei Beilagen. Lerant» örtliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf * Schnellpressend« I. GottSlebe« in Mainz.