Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 37-38 (16.9.1869)
- Date
- 1869-09-16
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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743 tooranträgt, die seine Augen und die der Schwachsichtigen blendet, die ihm folgen! S. 73 f. will denn der Verf. darzuthun suchen, daß eine Annahme der Ueberarbeitung des Pentateuch gar nicht so viel Ungeheuerliches habe. „Eine unbefangene Geschichtsauffassung, welche sich in die Verhältnisse und Anschauungen der damaligen Zeit zu versetzen, die Energie des damaligen Schöpfungstriebes, die Macht des, wenn auch abnehmenden, Geistes der Offenbarung (enpn nn) zu würdigen weiß, wird an einer solchen Ueberarbeitung nicht nur keinen Anstoß nehmen, sie wird vielmehr nothwendig und schon durch Analogie bezeugt finden." Diese unbefangene Geschichtsauffassung gebe ja auch zu, daß spätere Werke den Namen älterer Verfasser tragen, daß Koheleth und das hohe Lied, wie auch ein Theil der Sprüche nicht dem Salomo angehören, daß das Buch Daniel ein Werk der spätesten Zeit, daß die lchten Kapitel Zejaja'S und Zacharias jüngern Ursprungs seien, daß die Bücher der Chronik die gänzliche Ueberarbeitung und Umarbeitung „mit geänderter Sprache und Auffassung" der Bücher Samuels und der Könige enthalten (?). „Sie kann das historische Zeugniß nicht abweisen, daß man damals, ja noch die ganze Zeit des zweiten Tempels hindurch und noch ein Jahrhundert darüber hinaus, sich vollkommen frei bewegte in seinem Urtheile über die Anerkennung der einen oder der andern Schrift als einer heiligen, daß das Urtheil über mehrere Bücher, welche gegenwärtig dem Kanon angehören, wie Ezechiel, Koheleth, Hoheslied, Esther, lange zweifelhaft blieb, bis es sich endlich zu ihren Gunsten entschied", während auch umgekehrt Bücher als kanonisch gelten, die jetzt zu den Apokryphen gezählt werden (?). „Wie sollte sie (die Geschichtsauffassung) nun an andern Ueberarbeitungen Anstoß nehmen können? DaS religiösnationale Bewußtsein hatte sich vollständig in den überlieferten heiligen Schatz eingelebt, es asstmilirte ihn daher auch mit seinen Empfindungen und gestaltete ihn nach denselben um." Man merke genau! „DaS religiös-nationale Bewußtsein" hat dem heiligen Schatze, welcher derselben überliefert war, eine neue Gestalt gegeben! d. h. deutlich gesprochen: sie hat die Thora nach Willkür gefälscht! Wie konnte aber hier der Verf. von dem „religiös-nationalen Bewußtsein" sprechen? Waren doch alle diese Fälschungen, die er in die h. Schrift hineinlegt, nach seinem eigenen Dafürhalten von den Zadokiten ausgegangen, die das Wahre verdreht und das Heilige entweiht haben, und ihre unsauberen Handlungen nennt er „das Werk der Nation und ihrer Selbfterkenntniß"? Doch diese Redewendung paßt ihm für den Augenblick und ist recht geeignet, dm Leser irrezuführen; er scheint ein guter Schüler einer bekannten Gesellschaft zu sein. Doch sein letzter Beweis schlägt alle seine früheren Beweise. Es ist wahr, daß unsere Weisen da« Buch JecheSkel von der Liste der h. Schriften streichen wollten, weil dessen Worte den Worten der Thora an manchen Stellen zu widersprechen scheinen (Menachoth 45 ».), weil es aber dem eiftigen Nachdenken gelungm, die anscheinenden Widersprüche zu lösen, ließ man daS Buch in seiner früheren Geltung bestehen. Ebenso wollte man die Bücher Mischle und Koheleth aus demselben Grunde streichen (Sabbath 37 b.), man that eS aber ebenfalls nicht, weil nach reiferem Nachdenken auch hier jede Besorgniß schwand. Hieraus sehen wir gerade, daß da, wo die geringste Verletzung der Thora zu besorgen war, man nicht die geringste Rücksicht auf einen Propheten oder Weisen nahm, wer er auch sein mochte. Auch steht die Thora noch in der Beziehung über den Büchern der Propheten, daß schon von alter Zeit her die Weisen und Gelehrten eines jeden Geschlechts ein besonderes Augenmerk auf sie richteten, so daß schon bei den Tanaim die Ueberlieferung feststand, welches Wort mit der mutor lectionis («vv), und welches ohne dieselbe (non) geschrieben würde, wenn auch die Weisen in ihren Erklärungen oft auf die recipirte Aussprache («->pvh dk «?') auch Rücksicht nahmen. Hat man ja sogar die Worte der Thora gezählt, um jeder Fälschung vorzubeugen (Vgl. Liääusobin 30 a.). Die Uebersetzung der LXX. bezeugt ja endlich noch, daß doch wenigstens in jener Zeit der Uebersetzer die Thora ein abgeschlossenes Ganze war, wie sie jetzt vor uns ist, da die Abweichungen zwischen Text und Uebersetzung nur ganz unbedeutend sind, wie andere LcSart eines Wortes, wo aber unsere Lesart die bessere und die richtige, während die der Uebersetzung die mangelhafte und daher die unrichtige ist. Wenn nun Kritiker sich auch erlaubt haben, einige Verse oder Abschnitte auS den Propheten in eine spätere Zeit zu setzen, waS gibt nun aber, so muß man fragen, Herrn G. dir Erlaubniß, ein solches Verfahren auch bei der Thora einzuschlagen, und auch nur einen VerS als einen später» zu erklärm? Sollen ja aber auch diese Fälschungen von den von Herrn G. selbst verachteten Zadokktm ausgegangen sein, um mit Absicht erdachte Erzählungen und Gebote unterzuschieben, — und von solch absichtlicher Fälschung sagt er, daß sie absichtslos und unbefangen, ohne Hintergedanken und ohne dem Ganzm zu schaden, vorgenommen worden sei? Der Verf. fährt aber fort, daß er jetzt ein Gebiet betrete, „das Vorsicht und heilige Scheu erheischt, und bei dessen Durchforschung die Hindernisse so mannichfacher Art sind, daß man sich der glücklichen Lösung seiner Aufgabe, einen festen und unbesiritienen Boden zu gewinnen, kaum erfreuen darf." Loch da ein tieferer Einblick in die Zeitlage der zadokilischen Periode, in die scharfausgepragte Jndividualitär, welche dieselbe