Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 37-38 (16.9.1869)
- Date
- 1869-09-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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729 von Paris, eine Fabrik angelegt, die seitdem einen großen Aufschwung genommen. Er hat Melanie Rosstgnol geheirathet, die ihm schon 3 Kinder geboren. Diese lieben Kleinen sind die größte Freude der alten Frau Cers. Alfred hat nämlich seine Mutter zu sich kommen lassen und that ihr all die Schönheiten der französischen Hauptstadt gezeigt, die er ihr einst in seinen Briefen schilderte. Freilich hat Frau Cers von dem alten Paris wenig mehr zu sehen bekommen, denn Baron Haußmann hat unterdessen sein Zerstörungswerk fortgesetzt und eine neue, wunderherrliche Stadt geschaffen, und diese gewaltige Stadt dehnt sich nach allen Seiten hin aus und verbindet sich mit den umliegenden Orten, die bald alle von der großen Stadt umschlossen sein werden. Auch Herr Rossignol ist zu seinen Kindern nach Neuilly gezogen und ist dort in dem Geschäfte seines Schwiegersohnes thätig. Es war an einem schönen Sommernachmittage des laufenden Jahres, als Alfred frühzeitig sein Comptoir schloß und die Seinigen zu einer Spazierfahrt nach dem benachbarten bols deBoulogne aufforderte. Bald saß die ganze Familie in einem bequemen Wagen, Alfreds Eigenthum, und fuhr nach dem berühmten Spaziergange der vornehmen Pariser Welt. Das bois de Boulogne ist ein allerliebstes Gehölz mit schönen, schattigen Wegen und prachtvollen Anlagen. Die ganze elegante Welt der großen Hauptstadt fährt hier spazieren, und aller Prunk wird hier entwickelt. Inmitten des Gehölzes liegt der suräin Zoologie d’acclimatation. Dieser zoologische Garten, der sich durch Größe, Schönheit und prachtvolle Anlagen auszeichnet, ist vor einigen Jahren von einer Actiengesellschaft zu dem Zwecke gegründet, um ausländische Thiere und Pflanzen in Frankreich einzubürgern. Hierher ließ Alfred feine Gesellschaft fahren. Vor der Pforte stieg man aus und ging in den Garten, dessen Anlage eine weit geschmackvollere als die des jardin des plantes ist. Die umzäunten Rasenplätze für die seltenen Thiere, die köstlichen Gewächshäuser , die kleinen, anmuthigen Seen für die Wasserthiere, die vielen Statuen aus Marmor, die großen Häuser für Vögel und Affen und das Treiben dieser lebhaften Thiere gewährte vielfache Unterhaltung. Am Meisten wurde das Aquarium bewundert; dasselbe ist nach dem Muster von in Herculanum auSgezrabenen Einrichtungen erbaut und gewährt einen Einblick in das Treiben der Bewohner deS Meeres, die hier in großen, künstlichen Wasserbehältern aus Glas die salzige Meeresfluth wiederfinden. Als unsere Gesellschaft sich dem Hause näherte , welches dem Elephanten zur Wohnung angewiesen ist, zeigte sich dort ein großes Gedränge. Man erfuhr, daß die Kaiserin mit ihrem Hofstaate sich dort befinde und eigenhändig die großen Thiere füttere. Die neugierigen Pariser drängten sich herzu, um dieses seltene Schauspiel zu sehen. Bald aber wälzte sich die Menschenmenge dem AuSganqe zu, denn die Kaiserin verließ den Garten, um ihren Wagen zu besteigen; auch die Familie Cerf folgte dem allgeme^ -. nen Strome. Am Auszange des Gartens erblickte Alfred unter den Gaffern einen kleinen alten Mann, der ihm bekannt vorkam; er machte seinen Schwiegervater auf ihn aufmerksam. „Ha," sagte dieser, „auch ich sollte diese durchfurchten Züge kennen." Als der alte Mann sich beobachtet sah, zog er sich zurück und war bald im Menschengewühl verschwunden. Auch Alfred und die Seinen kehrten nach Hause zurück; Alfred war schweigsam; der alte Mann wollte ihm nicht aus den Gedanken, und doch konnte er sich nicht besinnen, wo und wie er ihm begegnet war. Wir aber wollen dem alten Manne, der kein Anderer als Wolf Petit war, folgen in fein ärmliche- Manfardenstübchm. Ja, der Unglückliche, der so rasch eine Million gewonnen, hatte sich in Amerika an den gewagtesten Spekulationen betheilizt und Alles wieder verloren. Es schien ein Fluch an seinem Gelde zu haften; jedes Unternehmen, an dem er sich brtheiligte, mißlang. Run war er wieder arm nach Europa zurückgekehrt, arm und schwach; seine Kraft war gebrochen und durch den Gram um den Verlust seines Geldes war auch seine Gesundheit geschädigt. Heute hatte er sich hinausgeschleppt nach dem bois de Boulogne, um frische Luft zu atbmen; er hatte seine Freunde erkannt; aber er schämte sich, ihnen unter die Augen zu treten. Daß er sich widerrechtlich das Vermögen Alfred's angeeignet und dasselbe zu seinen Speculationen verwandt hatte, dies Bewußtsein drückte ihn sehr. Noch immer tönte ihm Alfred's Frage in die. Ohren: „Und wenn Sie an der Börse verloren hätten?" Noch in derselben Nacht erkrankte Wolf Petit nicht unbedenklich; er wurde nach dem jüdischen Hospitale in der rue Picpus transportirt. Hier lag er schwach und abgezehrt in seinem Bette er fühlte, daß es mit ihm zu Ende gehe. Eines Tages stand ein fteundlicher Herr vor ihm und ftagte ihn: „Wie geht es Ihnen, mein alter Freund?" Wolf blickte erstaunt auf und fragte: „Kannten Sie mich etwa früher?" „„Nicht doch."" entgegnete der Herr. „Warum nennen Sie mich denn Ihren alten Freund.?" „„Weil ich der Freund aller armen und kranken Glaubensgenossen bin?" " „Oh, da sind Sie Herr A. C., der Präsident der hiesigen Wohlibätigkeitövereine? „„Derselbe.""