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Der Israelit · 1869-09-16 · Heft 37-38 (16.9.1869) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 37-38 (16.9.1869)
Date
1869-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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X. Jahrgang. Erste Beilage z« Nr. 37 & 38 des Israelit. Leitender Artikel. Offener Brief an S. Dr. Philippso» In Bonn. Berlin, 26. August. Im Leitartikel Nr. 33 der allgem. Zeit. b. Judentums richten Sie an alle Glaubensgenossen die Aufforderung jenes S chreien und Toben, jenes Schimpfen und Verdächtigen, jenes Hetzen und Befeinden doch endlich verschwinden zu lassen, daS fo häßlich und erniedrigend feit 2 Jahrzehnden durch die Hallen des Judenthums ertönt. Sie sind sich bewußt, es niemals gefördert zu haben *) u. s. w. Wenige Zeilen vorher erzählten Sie Ihren Lesern, daß man in Berlin eine vierte Synagoge baut (seitens der Gemeinde, nur die dritte, beiläufig bemerkt) so daß für jede Schattirung der jüdisch-rel'giösen Ueberzeugung eine gottesdienstliche Befriedigung vorhanden sein wird, und Sie H. Dr. Ph., der Sie mit so beredten Worten gegen Schimpfen und Toben kämpfen, nennen es nur eine Faselei, wenn die Glaubenstreuen hier über Unterdrückung klagen. Sollten Sie, H. Dr. Ph., als ehemaliger Rabbiner es nicht wissen, daß das Judenthum von seinen Bekennern noch mehr fordert als nur Synagogenbesuch? Sie selbst theilen in demselben Artikel die Juden in 3 Klassen und unterscheiden zwischen denen, die den Schulchanaruch also das ganze Ceremonialgesetz für verbindlich Hellen und solchen, die nach ihren Begriffn das Judenthum weiter entwickeln, mit andern Worten, sich über die Gebote und Verbote desseljen hinwegsetzen. Ist es nun etwa kein Gewissenszwang, wenn die hiesigen GlaubenStreuen, die sich noch nicht so weit entwickelt haben, wie die großen Geister der Leipziger Synode, sich den ritualen Entscheidungen eines Rabbiners unterwerfen sollen, welcher eben diese Ritualien für unverbindlich hält? Aber nach Ihrer Ansicht, nach welcher der Gottesdienst in der Synagoge der ganze äußere Ausdruck des Judenthums ist, wollen Sie es etwa nicht als Gewissenszwang erklären, wenn die Besucher der dem alten Ritus dienenden Synagogen dort die Predigt eines Rabbinen hören sollen, welcher eben diesen Ri-! *) Anm. b. Red Das ist von Seiten des Herrn Dt, Ph . eine so unversü ämte Lüge, wie sie kaum unverschämttr gedacht j weiden kann; oder hat den viclle.cht bereits allersschwachen Mann das Gedächtniß verlassen? | tus lächerlich macht und die Gebete, welche er in der einen Synagoge mit Salbung vorträgt, in der andern als schädlich verwirft? Ist es kein Gewisienszwang, wenn die Glaubenstreuen sich zur Eheschließung eines Rabbiners bedienen sollen, welcher die alten in ganz Israel rccipirte Form verwirft und eine neue an deren Stelle setzen will? Sie mahnen so beredt zum Frieden! Wer hat hier den Frieden gestört? Lesen Sie die Eingaben der GlaubenStreuen an den Vorstand, Sie finden solche im „Israelit" und erklären S^e osten, wenn Sie anders nicht die Devise Ihrer Zeitung, als ein unparteiisches Organ, künftig streichen wollen, 6b man gemäßigter, friedliebender für sein Recht auftreten kann? Der Vorstand hat aus Kosten der Gesammtgemeinde eine Synagoge gebaut und den Gottesdienst darin nach dem Geschmacke derer eingerichtet, die eine Synagoge höchstens 2mal ansehen und dann auch nur auf Stunden gebrauchen. Er hat einen Rabbiner angestellt, wiederum im Geiste derjenigen, die keines Rabbiners bedürfen; diejenigen Männer aber, welchen die Religion heilig, welchen die uralten Gebete lieb geworden und die sie nicht vertauschen wollen gegen flüchtige Machwerke von Gebetfabrikanten, sie sind ohne Synagoge, ohne Rabbiner. Ist das kein Gewisienszwang? ich sage ohne Synagoge, denn kommen Sie doch einmal Sonnabends in die Synagoge der Heidenreutergaste, sehen Sie wie Kops an Kopf, die Besucher zusammengedrängt stehen, wie viele nmkehren müssen, und dann urtheilen Sie. Gewiß wir wollen den Frieden, wir wissen, daß unsere heiligen Lehrer den Frieden über Alles stellen, wir haben es deßhalb bis jetzt vermieden den Schutz der Behörden anzurufen. Sollen wir aber das uns Heilige preis geben? Würden Sie Herr Philipps»»^ sich den Entscheidungen eines orthodoxen Rabbinen unterwerfen? und doch brauchte sich Ihr Gewissen dabei nicht zu beunruhigen. Wir aber sollen von der Scheckita genießen, die von einem neologen Rabbiner beaufsichtigt wird? Nun, Herr Pbilippson, ist das kein Gewisienszwang? Merken Sie wohl auf, Hr. Dr. Ph., wir kämpfen nicht gegen Ihre Partei, wir lassen Jbnen Ihre Orgel, Synagogen, Ihre deutschen Lieder, ja wir stören Sie nicht einmal, wenn Sie Concerte in Ihren Tempeln geben; wir fordern nur gleiches Recht für uns. Wir verlangen nicht blos eine Synagoge, in welcher (nach der witzigen Bemerkung Ihres Correspondenteu die Mitzwoth verkauft werden, waö übrigens nicht schlimmer als Concerte geben) nach alter Weise gebetet wird, sondern auch einen Rabbiner, dem wir volles Vertrauen entgegentragen können. Sie werden

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