Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 37-38 (16.9.1869)
- Date
- 1869-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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724 mit Eßwaaren mitgenommen, den man in einem der GLrlen am Bahnhof zu Versailles zum Aufbewahren gab. Dann ging man in dar wundervolle Schloß, eineder herrlichsten Gebäude der Welt. Ludwig XIII. ließ hier ein Jagdschloß erbauen, das Ludwig XIV. in den gegenwärtigen Prachtbau umwandelte, für die noch heute ungeheure, aber zu jener Zeit ganz fabelhaste Summe von 400 Millionen Franken. DaS Schönste und Lehrreichste in diesem Prachtbau ist gegenwärtig da« Ltukäs historique, das historische Museum — die ganze Geschichte Frankreichs in Bildern, von Chlodwig an bis zu Napoleon 111. Die ganze Welt hat wohl kaum etwas Aehnlicheö aufzuweisen: die ganze Geschichte eines Volkes in Meisterwerken der Malerei von den größten Künstlern dargestellt! Unsere Freunde bewundenen das Alles. Als sie in die ehemaligen Empfangszimmer der Könige von Frankreich kamen, wußte Herr Rossignol eine anmuthige Geschichte von Rabbi Herz Bischheim, dem Hofagenten Ludwigs XVI., zu erzählen. Derselbe war nach Versailles zur Audienz befohlen. Aber er mußte lange im Vorzimmer warten; da kam die Zeit des Mnichah-Gebetes heran, und Rabbi Herz wollte diese nicht vorübergehen lassen. Kaum hatte er aber das Gebet der achtzehn Segenssprüche zu sprechen begonnen, als er zum Könige gerufen wurde. Allein der fromme Mann ließ sich nicht stören. Der Kammerdiener meldete lem Könige, daß d'r Hofagent seinem Rufe nicht Folge reiste. Die zahlreichen Neider des so hoch in Gunst stehenden Juden triumphirten, und der König zürnte. Er schickte noch einmal: aber Rabbi Herz kam nicht eher, bis er sein Gebet vollendet hatte. „Wie hast du es wagen können, Jude," schrie ihn der König an, „zu zögern, wenn ich dich rufen lasse!" „Sire," sprach da der Jude, „ich sprach gerade mit einem Höheren." „Mit einem Höheren? Gibt es in Frankreich einen Höheren als den König?" „Nur einen, Sire, das ist der allmächtige Gott. ES war die Zeit des Vespergeketes gekommen, als Eure Majestät mir zu erscheinen befahlen. Durste ich mein Gebet zum Könige des Himmels und der Erde unterbrechen, im dem Könige von Frankreich zu gehorchen?" Dem Könige gefiel die sreimüthige und dcch so bescheidene Antwort; er wandte seine Gunst deni Juden in erhöhtem Maaße zu. Unter diesen Gesprächen hatte man das Schloß verlassen, um im Garten zu lustwandeln; freilich sprudelten die großen Fontainen nicht, aber die Lust war Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hotbuchhandlung. von I. Gottsleben in Mainz. köstlich, der Tag nicht zu heiß. So kam man binach Trianon, da« einst der schwelgerische Ludwig XV. für die üppige Gräfin Dubary hatte bauen lassen. Dann nahm unsere Gesellschaft einen Wagen und fuhr nach dem Garten in der Nähe des Bahnhofs zurück, wo Melanie ihren Korb gelassen hatte. Hier nun wurde der Tisch gedeckt, Brod und Bier bestellt und Melanie packle ihre Vorräthe aus. Daimprovisirte Mal schmeckte der kleinen Gesellschaft ganz köstlich. „Lieber Freund Rossignol," sagte Wolf Petit plötzlich, „Sie müssen mich für sehr undankbar halten, daß ich Ihnen von dem vielen Gelde nicht einmal ein kleines Douceur habe zukommen lassen." „„Ich habe nichts dergleichen zu beanspruchen,"" entgegnete Herr Rosstgnvl. „„ich habe nur meine Pflicht gethan."" ,,Eie haben durchaus Ihre Pflicht nicht gethan," rief Wolf im höchsten Discant, „denn Cie haben das Geld nicht dein rechten Eigenthümer zurückgegeben." „„Sie scherzen, Herr- Boucherat!"" „Ich scherze durchaus nicht; ich heiße auch nicht Boucherat; ich heiße Wolf Petit. Mein Freund Benjamin Cers und ich, wir waren wie Brüder und nannten uns Charles und Francois Boucherat. Alfred, du bist der rechte Erbe; hier, nimm dein Geld und umarme den Freund deines Bakers!" Bei diesen Worten warf der kleine, bewegliche Manu die mit Banknoten gefüllte Brieftasche seines verstorbenen Freundes auf den Tisch. Die drei Anderen saßen wie versteinert da. „Nun," rief Wolf, „hörst du nicht, Alfred, mein Junge, mich gelüstet nach deiner Umarmung! Hier, nimm dein Geld und hier nimm deine Braut, wenn anders Vater Rossignol nichts dagegen hat!" Vier glückliche Menschen kehrten nach Paris zurück. Wels Petit hatte wirklich das Glück gezwungen; er hatte mit dem Gelde, das er sich angeeignet, an der Börse speculirt und eine Million gewonnen; nurmehr hatte er sich entschlossen, das unwiderrechtlich von ihm in Besitz genommene Vermögen dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückzugcben. Ans dem Rückwege nach Paris sagte er zu I Alfred: „Wie froh bin ich, das; ich dein Geld tt?teber j los bin. Es hat mich nicht wenig gedrückt!" — „„Und wenn Cie an der Börse verloren hätten?"" I „O sei still, mein Schn? ich weiß, daß ich Un-! recht gerhan habe; ich kann deßhalb Euren Anblick,! der mir ein immerwährender Vorwurf wäre, | ertragen. Ich kehre morgen nach Amerika zurück." (Der Schluß folgt in der ersten Beilage.) Hierzu vier Beilagen.; Tarnpf«Schnellpressendruck