Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-09-08 · Heft 36 (8.9.1869) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 36 (8.9.1869)
Date
1869-09-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447431--07570-2463177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

708 stück schenkte, für daer sich daeinfache Abmdbrod Hatte kaufen können. Alle diese Gedanken zogen durch seinen Kopf. Was nun beginnen? Aber mit der Sättigung war neuer Muth in seiner Brust eingezogen. „Ich werde mir schon helfen!" sprach er vor sich hin, das Stückchen Zeitung-Papier zerknitternd, in dadie Wurst eingewickelt war. „Wenn ich Glück haben soll", fuhr Wolf in seinem Selbstgespr che fort, „so kann dies Stückchen Papier mir dazu verhelfen!" Dabei strich er dazerknitterte Papier glatt und blickte darauf. Plötzlich sprang er in die Höhe. „Ha", rief er, „was ist das für eine Annonce?" „Die Angehörigen von Charles Boucherat" las er halblaut. Es war die Anzeige des Mr. Rossignol „Charles Boucherat,“ fuhr Wolf vor sich hin zu reden fort, „war das nicht der Name, den Freund Benjamin in Neu-Orleans führte, galten wir dort nicht als Brüder,, nannte er sich nicht Charles und ich mich Francois Boucherat? Also auf der Eisenbahn bist Du verunglückt, armer Freund? Und sollte vielleicht ein ehrlicher Mann Dein Geld gerettet haben? Ich will doch nachhören in dem Büreau der Zeitung! WaS für einer Zeitung mag dies Stückchen angehört haben? Ha, da steht es, es ist das Journal des Debats. Hören wir morgen dort nach." In der darauf folgenden Nacht schloß Wolf Petit kein Auge; es stand ihm ftst, daß es sich hier um das Vermögen feines Freundes handele; aber durfte er es sich aneignen? HEe er nicht kurz zuvor den Sohn des Verschollenen, den rechtmäßigen Erben kennen gelernt, durfte er diesem sein Eigenthum entziehen? Doch der Leichtsinn in Wolfs Charakter überwog. „Habe ich erst das Geld", sagte er sich, „dann werde ich ungeheuere Summen damit verdienen und dem Sohne des Freundes das Seinige zurückgeben können; ohne mich wäre es ihm ja doch unerreichbar gewesen! Er weiß ja nicht, daß sich sein Vater Charles Boucherat genannt hat und hätte es nie erfahren! O, dieser köstliche Einfall! Er kam von mir her. „Warum", hatte ich zu Benjamin gesagt, „soll Jeder schon an unfern Namen: Benjamin Cerf (Hirsch) und Wolf Petit (Klein) gleich merken, daß wir Juden sind? Geben wir uns echt französische Namen! Hier in der Colonie herrscht solche Animosität gegen unS Juden! — „Aber", hatte Benjamin entgegnet, „melden wir es nicht noch Hause; eS würde mir leid sein, wenn man glauben könnte, ich schäme mich meine-Namens. So nannten wir uns Charles und Francois Boucherat ehne daß die Unfrigen Etwadavon erfuhren. Morgen werde ich die Früchte jeneköstlichen Einfalls ernten. Und gehört da- Geld nicht mir, habe ich eS nicht verdienen helfen?"! Mit solchen Scheingründen. beschwichtigte Wolf fein Gewissen. Am andern Tage eilte er aus das Büreau des Journal des Debats und wurde von dort r» Mi. Rofsignol gefchictt. „Erlauben Sie mir", sagte er zu diesem, „daß ich mich Ihnen vorstelle. Ich bin der Mann, den Sie seit 20 Jahren in den Zeitungen suchen lasten; ich heiße Francois Boucherat." „Ah", sagte Herr Rossignol, den Fremden erstaunt anblickend, „und warum kommen Sie erst heute zu mir?" „„Ich bin erst von America zurückgekehrt. Ach, mein unglücklicher Bruder — er ist also auf der Eisenbahn verunglückt?" „Ich habe ihm beigestanden in seinen letzten Augenblicken." ' „„Und haben seine Brieftasche in Empfang genommen?"" „Verzeihen Sie, mein Herr, ehe ich Ihnen toeh; tere Auskunft gebe, muß ich die Beweise dafür veM langen, daß Sie wirklich Francois Boucherat und der Bruder des Verstorbenen sind." „„Sie haben Recht; dock sehen Sie hier." Bei diesen Worten zog Wolf eine alte, schmutzige, lederne Brieftasche hervor, warf eine Maste Papiere heraus, schlug die Brieftasche aus und zeigte auf einige verblichene Worte; dieselben lauteten: A mon frere Francois Boucherat. Charles Boucherat. „Diese Tasche", fuhr Wolf zu reden fort, „hat mir mein unglücklicher Bruder geschenkt und gerade so eine mit ähnlicher Inschrift habe ich ihm geschenkt. Zweifeln Sie noch?" Herr Rossignol holte die Brieftasche des Verun- 1 glückten herbei und verglich sie mit der vorliegenden; eS war so, wie der Greis behauptet hatte. „Ich zweifle nicht mehr", sagte er, „aber vielleicht hat Ihr Bruder Kinder hinterlasten?" „„Und warum haben diese sich nicht gemeldet seit 20 Jahren? Nein, mein Bruder war verunehelicht wie ich es bin; wir haben und hatten keine andere Verwandten."" „Ich glaube Ihnen. ES waren 500,000 Franken in der Brieftasche. Ich habe Sie der Bank von Frankreich übergeben; die Summe ist seitdem zu beinahe 600,000 Franken angewachsen; ich werde da- Geld ans Sie übertragen lasten." „„Sie sind ein ehrlicher Mann!"" (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Stellage. Verantwortliche Aedaction: Dr. Lehmann Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Tampf-SchnellprefserrdruS von I. Gott-leben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.