Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1869)
- Date
- 1869-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447430--07545-2463151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
684 „Unterbrechen Cie mich nicht, mein Freund. Ich weiß, man sagt, ich hohe 500,000 FrS. in der Bank depynirt; es ist das auch wahr, aber das Geld gehört nicht mir. Diese Annonce ist der Schlüstel zu dem Räihsel. Lie werden von dem großen Eisenbahnunglück zwischen hier und Versailler im Jahr Id45 vernommen haben. Auch ich war in dem verunglückten Auge; ober der allmächtige Gott hatte schützend seine Hand über mich gehalten; ich blieb unversehrt. Ich lief am Zuge hin, um den Verwundeten und Sterbenden, es waren deren 1500, zu helfen, wenn möglich. Da erblickte ich einen Schwerverwundeten, der einen Tephillinbeutcl emporhielt. Wahrscheinlich wollte der Unglückliche damit einem Glaubensgenossen rin Zeichen geben; ich eilte zu ihm und fragte, ob ich ihm helfen könnte. Da zog der Unglückliche eine Brieftasche hervor und überreichte sie mir; er konnte schon nicht mehr sprechen. Ich nahm die Brieftasche und öffnete ste; sie war leer; alle Papiere waren herausgefallen und vom Winde verweht; ich gab die leere Brieftasche dem Verwundeten zurück; erdrückte an einem geheimen Verschluß, dieser sprang auf, und stehe, das geheime Fach war mit großen Banknoten gefüllt. Der Kranke flüsterte: .jjk ma famille," und ich versprach ihm, das Geld den Seinen zu verabfolgen, nur solle er mir die Adreffe angeben. Der Kranke «achte vergebliche Anstrengungen, zu sprechen; da quoll ein Blutstrom aus seinem Munde hervor; ich rief 'toK” ym, und der Unglücklicke hatte vollendet. Ich sorgte dafür, daß er ein jüdisches Begräbniß erhielt. In der ledernen Brieftasche stehen die Worte .in Goldschrist: „A mon frere Charles Boucherat Francois Boucherat.“ Die Brieftasche enthielt 500,000 Franken, die ich bei der Bank deponirte; die Summe ist seitdem auf fast 600,000 FrS. angewachsen, da ich die Zinsen nach Abzug der VerwaltungSkosten stets zum Capital schlug. Ich habe nun diese Annonce seit 20 Jahren in die gelefensten Zeitungm einrücken lassen; eS haben sich auch wohl Einige des Namens Boucherat gemeldet; allein Niemand, der Nachweisen konnte, daß jener Charles Boucherat mit ihm verwandt war. Sie sehen nun, lieber junger Freund, welch' eine Bewandtniß es mit dem von mir in der Bank deponirten Gelde hat. Hoffentlich wird eS bald von seinem wahren Eigentümer in Empfang genommen werden. Sie werden jedoch einsehen, daß meine.Tochter keine Ansprüche auf dieses Geld hat." „Herr Rofsignol,' entgegnete Alfred, „Sie sind «in Ehrenmann. Es ist wahr, ich liebe Ihre Tochter. Wenn Gott mir so viel gibt, daß ich ihr ein glückliches LooS bieten kann, dann werde ich zu Ihnen kommen und am sie werben." „„Dann werden Sie mir willkommen fein."" Gedankenvoll ging Alfred nach Hause. Zn derselben Nacht hatte er eil en sonderbaren Traum; sein Vater erschien ihm im Traume und überreichte ihm eine Brieftasche mit 800,000 Franken. Als er am Morgen erwachte, lachte er des Traumes. Was hatte sein Vater, Benjamin Cerf, mit CbarleS Boucherat gemein? Im Geschäfte feines Principals erfuhr Alfted eine traurige Nachricht. Der alte Herr Richefort, Herrn BernaudS Schwiegervater, war gestorben. Alfred ward von dieser Nachrickt schmerzlicher berührt als Herr Bernaud, den die Aussicht auf die schöne Erbschaft zu erfreuen schien. Kaum war die Trauerwoche um Herrn Richefort beendet als Herr Bernaud seinen Leuten ankündigte, daß sie von nun an auch Samstags ins Geschäft zu kommen hätten, daß dagegen am Sonntage geschloffen sein würde. „Herr Bernaud", sagte Alfred, „ich bitte Sie, mich nach wie vor den Sabbat feiern in lassen Sie kennen meine Grundsätze." „„ES thut mir leid,"" mtgeguete sein Principal, „„ich kann keine Ausnahme gestatten."" „Herr Bernaud, Sie wissen, wie treu und redlich ich Ihnen seit fünf Jahren gedient habet" „„ES ist wahr, Sie sind ein fixer Arbeiter, ein intelligenter Kaufmann; ich war stets zuftieden mit Ihnen."" „So gestatten Sie mir, am Samstag aus dem Geschäfte zu bleiben!" „ „Seien Ste kein Thor, Br. Cerf, ich gebe Ihnen von heute an 500 FrS. Zulage per annum; aber an Samstag müffen Sie kommen."" „So werde ich nach drei Monaten, wenn mein Contract abgelaufen, aus Ihrem Geschäfte scheiden." „„Wie Sie wollen; doch fürchte ich, Sie werden mit Ihren altmodischen Grillen keine andere Stelle finden." " „DaS ist meine Sorge, Br. Bernaud!" Abends suchte Alfred die Familie Rofsignol auf und erzählte ihr das Ereigniß des Tages. „Sie haben recht gethan, mein Freund", sagte Herr Rofsignol, als Alfred feine Erzählung beendet hatte. „Gott wird Sie nicht verlaffen; Er wird Ihnen in anderer Weife Ihr Auskommen geben. Vielleicht ist das gerade eine glückliche Fügung für Sie. Sie kennen jetzt Paris genug, um Sich selbstständig Ihr Brod zu schaffen." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei BeitOge». llrrantworUiche Ardaction: Dr. Lehmann. - Bttlm der £c Aouz'schen H»sbuchh«nvl»m,. — Dampf.GchnellprefsendruL m» 3* «sttAIelen in «amz.