Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1869)
- Date
- 1869-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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682 es Ihnen 'andererseits Lei ihrem Bildungsgrade und Lei ihrer grfkll'chafttichen Stellung Nicht zugemuthet werden därf, sich in die demüthigende Lage armer Bittsteller zu verhetzen und sich ihre Existenzmittel so zu sagen von Haus zu Haus zusammenzutragcn. Diesen UÄclständen soll eine einheitliche Orgamsirung des UnterstützungswcsenS abhelfen. Zur Motivirung aber der andern Aufgabe des Vereins, die Ausbildung nämlich voN Mischen Religionslehrern betreffend, führt derselbe an, daß es uns hier zur Zeit an eigenen Lehrer-Seminarien mangelt, daß also die Mitte! geschafft werden müssen, einen wackren Lehrerstand heranzubilden, dem man einstens den Unterricht der Zugend und die Leitung des öffentlichen Gottesdienstes anvertrauen könne. Sie sehen alio hier das Project eines Breslauer Seminars im M inen. Schade nür. daß ihm drei Dinge fehlen: fpie Behausung, in welck er, die Lehrer, durch welche, und der Unterstützungsfonds für die Zöglinge, denen der hohe pädagogische Unterricht ertheilt werden soll. Dasselbe schwebt bei uns in der Luft, gleicht einem Schattenbild, das den seligen FrLnkel'schen Geist erhaschen will. Unser Lehrhaus beschränkt sich vor der Hand aus das Universitätsgebäude — die altehrwürdige Albertina, wo der Philosoph Kant, der Astronom Beste! und der Philolog Lobcck lebten und wirkten. Auf der Albertus-Universität studirten bisher von unseren Glaubensgenossen, und zwar größtenteils Medicin, Inländer und Russen, von öffentlichen und Privatbkneficien ihr Leben fristend. Wie ist es aber jetzt seit Entstehung des neuen Studien-BeförderungS-Vereins? Die Zahl der unreifen Jünglinge mehrt sich in erschreckender Weise und die meisten armen Russen müssen fast verhungern. Wer letztern früher an 30 Thlr. jährlich gab, kauft sich jetzt mit 2 Thlr. jährlichem Beitrage los, die sie aber noch lange nicht erhalten. Die Zmmaturität beschränkt sich nicht mehr auf AuSlqnder, sondern auch geborne Preußen, unsre künftigen Theologen und Religionslehrer machen davon sieißig Gebrauch — um einst als Reformatoren des Zudenthurns aufzutreten. Wehe den Gemeinden, wo solche Halbwisser einmal selbstständig schaltet! und walten werden! Noch sonderbarer ist es, daß sich der VereinS- Porstand als CxaminationS - Behörde gegenüber den ÜniversitätS-Autoritäten gerirt und ordentlich Befähigungs-Zeugnisse ausstellt, nach denen die zu bewilligenden Unterstützungen bemessen werden. Doch genug dieser Misere. — Ich muß heute schlechterdings noch ein Wort über den oft preußischen Nothstand hinzpfügen, dessen Bezeichnung so viele unselige Mißverständnisse erzeugte. Was soll z. B. die Welt davon denken, wenn unsere edlen Glaubensgenossen in St. Francisco direct an den frommen gotteSfürchtigen Hrn. Salomon Pleffner nach Pose» die Summe von 800 Thlrn. und zwar ausdrücklich zur Vertheilung *tt die Rothleidenden Ostpreußens senden, und Sie einerseits, Hr. Redarteur, in eMr Anmerkung zu dem betreffenden Briefe (Nr. 31) .sagen: „soll wöhl heißen „Westrußland", anderseits äotr, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, die Hälfte jener überschickten Gelder — durch ein leidiges Mißverständniß wieder — gegen die Bestimmung über Berlin für das Waisenhaus in Schippenbeil verwendet werben ist? Ostpreußen ist zwar noch nicht verhungert, aber fast im Verhungern begriffen. Wöchentlich zählen unsere Localblätter, trotz der diesjährigen bessern Ernte, Hunderte von Subhastations - Patenten auf, was wohl ein" schlagender Beweis von der noch immer zunehmenden Verarmung der Einwohner unserer Provinz ist und wogegen jede Beschuldigung der Schwarzsärberei unserer Verhältnisse verstummen muß. Erst in diesen Tagen ist unweit des SeebadorteS Cranz eine arme christliche Frau buchstäblich verhungert und von einer andern melden hiesige Zeitungen, daß sie täglich sammt einem Töchterchen von 4 Pfennigen Brod lebt, so daß der sie behandelnde Arzt ihr das lakonisch-tragische Attest ausstellen konnte: „Der Hungertyphus sei ihr näher alS das Hemd". Und was soll ich hier noch die vielen armen honetten jüdischen Familien compromittiren, die seit zwei Jahren bei unS au den Bettelstab gekommen sind und für deren Elend unsere reformsüchtigen Vorstände weder Augen noch Herzen haben? Wie viele dahingehörige Briefe aus der Provinz erhalte ich mit dem ewigen Refrain: „Es ist zum Verhungern!" Kann ich mit meinen beschränkten Mitteln Allen helfen, der ich mein ganzes Vermögen von mehreren Tausend Thalern — mit Stolz kann ich es laut sagen — bereitzu guten Zwecken verwendet habe? Leidet nicht Schreibe dieses — warum soll man nicht einmal von sich selbst (wsi ma yiv reden dürfen? — selbst unter der erwähnten SubhastationS- Calamität insofern, als die studirenden Söhne unserer Grundbesitzer, welche für die hebräische Examina von ihm bisher vorbereitet wurden, größtentheils nun zahlungsunfähig sind? Kurz also: es gab und gibt außer der immensen Roth in Westrußland auch eine nicht kleine in Ostpreußen, die nimmermehr abzuleugnen ist. Quod erat demonstrandum. Pieschen im El ul. Verflossene Woche wurde unsre Stadt auf einige Tage mit dem Besuche des Herrn KommifsionSratheS Johann Hoff, welcher hier geboren und erzogen wurde, beehrt. Nachdem er das Grab seines auf unsrem Friedhofe ruhenden VaterS besucht hatte, reiste er eigens nach dem vier 'Meilen entfernten Kalifch, um auch an dem Grabhügel dep«on Din Abraham Gumbinner s>'Zk'l Verfassers bes d.td« pio zu beten. Seine auch in diesen geschätzten Blättern schon oft rühmlich anerkannte Wohltyatigkeit bewährte sich auch hier auf da- Glänzendste, da er namhafte Summen zur Vertheilung an hiesige Atme zürückließ. Unsrer Synagoge, welche schon früher von