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Der Israelit · 1869-09-01 · Heft 35 (1.9.1869) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 35 (1.9.1869)
Date
1869-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Jüdische ffitrrntatürifft. Von Dr. Gnstar Karpelea. V. Zn Momenten der Enttäuschung und Ernüchterung, des Schmerzes und der Trauer über die gegenwärtigen religiösen Zustände, wirkt nichts erhebender, nichts trostreicher als ein Bericht über kräftige, jüdische Leistungen auf dem Gebiete des Schulunterrichtes! Diese Talmud-Thoraschulen, die still und ohne Reklame allenthalben entstehen und gedeihen, erobern iu raschem Fluge eine ganze Zugend dem echten und wahren Indenthume. „Der Partei, der die Schule gehört, gehört die Zukunft." Nur der Mangel an Kenntniß ist die Hauptursache des heutigen Verfalles unserer religiösen Zustände. Selten aber, werthester Freund, hat ein derartiger Schulbericht so herzerhebend, so seelencrquickend auf mich gewirkt alö der dritte Bericht über die öffentliche Rabbinatsschule zu Eisenstadt (Halberstadt 1869). Natürlich hört dieser Broschüre gegenüber mein Critikeramt auf, wenn ich Ihnen, bester Freund, bemerke, daß der Name Dr. Israel Hild esheimer als Herausgeber auf dem Titelblatte prangt, und bloß als Referent will ich die interessantesten Daten und Facta Ihnen und den geschätzten Lesern des „Israelit" mittheilen. Die Musterschule zu Eisenstadt zählte im Jahre 1869 1 6üj Schüler, nach etwa 10jährigem Bestehen. Das Rabbinerseminar zu Breslau mit seiner hochtönenden religionsphilosophischen Phrasendrescherei und seiner historischen Kritik zählt nach 19jährigem Bestehen — 56 Schüler. Facta loquuntur! Dem Berichte der Anstalt geht eine treffliche eingehende und schön geschriebene Abhandlung eines wackeren Mitstrebenden voran: Die Institutionen des R Gamaliel fprn von Dr. Z. Holländer und ein ebenso trefflicher und kritisch gelehrter Exkurs des vr. Hildesheimer in hebräischer Sprache über die Abhandlung ahy maru. Zur Geschickte der Anstalt war im vergangen Jahre nichts Besonderes zu bemerken. Die Stürme des Congresses erschütterten das feste Gebäude nicht. Lehrer und Lernenden blieben g'eich treu und eifrig in'der Verfolgung ihrer angestrebten Ziele mns*rDi min ^nr6 und das — ist die Geschirrte der Anstalt. In dem höchst interessanten Lehrplan werden als obligate Gegenstände aufgezählt: Talmud, talmudisch rituelle Uebungen, hebräische Grammatik, Propheten und Hagiographen, deutsche Sprache, ungarische, lateinische und griechische Sprache, Geometrie und Arithmetik, Geographie, Geschichte und Naturwissenschaft. Und nun denken Sie, Derehrtester, 6 dieser UntcrrichtSgegenstände lehrt vr. Hildesheimer selbst! - Auch mehrere echt humane, auf dem grvßarWftt Principe der Selbsthilfe bastrte Vereine zähK die Anstalt, nämlich eine O’^n mpa man, einen Redeverein, eine ")Din man und einen wissenschaftlichen Verein O'iina m*tsn, endlich eine Bibliothek. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß dieser schönen, echt heilsamen Anstalt der Sympathien unserer Glaubensbrüder, die noch fefthalten am wahren Iudenthume, nicht fehlen. Es sei fern von mir die Namen der ansehnlichsten Spender hier zu wiederholen. Gewiß hat Jeder nach seinen Kräften und seinem Vermögen zum Gedeihen der Anstalt beigetragen. Daß sich bei dieser Gelegenbeit das HauS Rothschild in Frankfurt a. M. und Paris, wie immer hervorgethan und ausgezeichnet hat, bedarf wohl nicht erst der Erwähnung. Ich habe Ihnen so, werther Freund, wohlwissend, daß auch Sie, wie jeder wahre Jehudi an dem Gedeihen dieser Anstalt, innigen Antheil nehmen, die einzelnen interessantesten Daten des Jahresberichtes an der Hand bes Herausgebers mitgetheilt. Und nun — der Schluß! ES ist ein Gefühl von Wehmutb und Freude zugleich, das mich beschleicht, indem ich dieses „Schlußwort" lese. Diese schöne, mit jahrelangen Mühen und Aufopferungen Ins Leben gerufene Anstalt soll jetzt auf einmal aufgelöst, ihre treuesten Zöglinge zerstreut werden! Ist das nicht traurig? — Und doch wieder wird, dem Vogel Phönix gleich, eine neue Anstalt unter der Aegide des wackeren Mannes, in der Metropole der Intelligenz in herrlichem Glanze erstehen, durch ihre Leistungen und ihre Thätigkeit weit hinansragend über die Länder, und allen orthodoxen Juden die köstliche und erhebendeWahrheit zurufend, daß Gottes Gnade nicht aufhört, sondern neu mit jedem Morgen über Israel wacht, und daß Seine Verheißung nicht unerfüllt bleiben wird: Es wird nicht vergessen werden das Wort meiner Lehre von Euren Kindern und Kindeskindern in alle Ewigkeit. So ziehe hin, wackerer Kämpe für Wahrheit und Recht, zu dem herrlichen Ziele, das Du Dir vorgesteckt, ziehe hin zu den Schaaren treuer Juden, die Deiner karren in Sehnsucht, daß Du Sie lehrest den Weg des Lebens und der Thora. Ja wohl! Dein achtzehnjähriges B rufsleben liegt abgeschlossen da und gehört der Geschichte an, die sicherlich einer so merkwürdigen Thätigkeit im Dienste des Judeuthums gerecht werden wird.

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