Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1869-08-25 · Heft 34 (25.8.1869) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 34 (25.8.1869)
Date
1869-08-25
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447395-2447429--07534-2463139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mr scheint's, es wäre natürlicher, der Rabbi hätte sich feinem Stande gemäß gegen die religiösen Fragen des Entwurfs gewendet — oder sollte er damit einverstanden sein! — Er würde die materiellen Angelegenheiten den hierin gewandteren, einsichtsvolleren Delegirten überlassen, denen er sich dann anschließen mag. Freilich ist die Steuer der nervus rerum — aber die §§. 5, 27—29 und 30—48 sind für einen Rabbiner doch wichtiger als die §§. 8 und 11. Kö»Lgsberg. Briefe von M. Almoni (M- Freyftadt 1)r.) Dritter Brief vom 15. August 1869. Beim Rückblick auf das verflossene Jahr haust sich das Material so sehr unter meinen Händen, daß ick es kaum vollständig zu überwältigen vermag. Heben wir indeß das Wichtigste daraus hervor. Was soll ich Ihnen von den hiesigen Gemeinde- Verhältnissen zuerst mittheilen? Etwa die stattgefundene Confirmation unbeschnittener Knaben? oder die Verbannung polnischer Judenfrauen aus der sonst wenig benutzten Gemeinde- Mikwah? Mich ekeln alle diese Dinge an; übergehen wir sie daher vorläufig mit Stillschweigen. Erwähnen wir vielmehr heute scheinbar erfreulicherer Thatsachen. Da hat sich hier im vergangenen Frühjahre ein „Armen-Unterstützungsverein" für kranke russische Israeliten zur Verhütung der Bettelei" gebildet, welcher die zu gewährenden einzelnen Gaben sammelt, in zweckmäßiger Weise an wahrhaft hilfsbedürftige Kranke vertheilt, die gesunden Bettler aber — soweit seine Mittel reichen — durch Gewährung einer kleinen Reise-Unterstützung so schleunig als möglich zu entfernen sich bemüht. Denn, sagt der deßhalb erlassene öffentliche Aufruf, zu den Kalamitäten Königsbergs und zu den gerechten Beschwerden eines ansehnlichen Theils seiner Bewohner gehört die große Zahl der alljährlich und namentlich in den Sommermonaten sich hier aufhaltenden armen und kranken Israeliten russischer Nationalität, welche ihr körperliches Elend in oft abschreckender Weist zur Schau tragen und die Mildthätigkeit der Einwohner zudringlich in Anspruch nehmen. Der steigende Handelsverkehr — heißt es in jenem Ausruf weiter, - welcher wohlhabende russisch-jüdische Kaufleute veranlaßt hat, hier ihren Wohnsitz zu nehmen, die Grenznachbarschaft und die durch Eisenbahnen erleichterten Verbindungswege werden beständig eine beträchtliche Zahl Arbeit und Hilfe suchender armer und kranker russischer Juden hierher ziehen, deren vollständige Austreibung nicht nur inhuman und den Handklinteressen nachtheilig, sondern factisch unmöglich wäre. Es kommt also darauf au, fährt der Vereinsvorstaud fort, die wahrhaft bedürftigen und hier ärztliche Hilfe suchenden Kranken von den lediglich Bettelns halber sich hier aufhaltenben Armen zu fordern, den Ersteren eine geordnete Unterstützung in humaner Weise zu gewähren, den Letzteren dm Aufenthalt hier unmözüch zn machen, resp. soweit die MittA reichen, für ihre Weiterbeförderung Sorge zn tragen. Zrm Vorstande gehören sowohl angesehene deutsche und polnische Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinbe als auch zwei christliche Vertrauensärzte: die Herren Geheimerath vr. Burow und Prof. vr. Hildebrandt. Aber einmal scheint uns dieser ganze Verein eine Art Nachahmung des jüngst hier ins Leben getretenen Königsberger Vereins zur Abschaffung der Straßenbettelei und gleich seinem Zwillingsinstitut unausführbar zu sein. Die Sucht den Pauperismus gewaltsam zu beseitigen, verstößt gegen die Natur des Menschen wie gegen das Gebot der heiligen Schrift. Nie wird die Armuth aufhören in deinem Volke (pox Prn ui pxn :np3), darum öffne stets Deinem dürftigen Bruder die hilfreiche Hand — so tönt laut die Stimme der göttlichen Offenbarung für alle ewigen Zeiten. Und wer will die armen von den kranken russischen Juden so genau unterscheiden, diese bleichen Jammergestalten, welche auch bei scheinbar gesundem Leibe den Keim ves Todes bereits in sich tragen? Warum hat man hier überhaupt, fragen wir weiter, im Jahre 1848 das schöne aus alter frommer Zeit her bestanden, für Einheimische und Fremde (mtabi ui) ein* gerichtete jüdische Krankenhaus plötzlich eingehen lassen? Auch klingt es weder human noch israelitisch, wenn der neue Unterstützungverein öffentlich an die Polizeibehörde appellirt, der seinem Unternehmen jeden möglichen Vorschub leisten und durch Kenntnisnahme der von dem Verein unterstützten Kranken in den Stand gesetzt sein soll, die zudringlichen Bettler von der Stadt und dem Lande fern zu halten. Wahrlich das alte Judenthum kannte nicht die Phrasen von der Zudringlichkeit und der Belästigung Seitens fremder hilfesuchender Glaubensgenossen; sie sind eine traurige Errungenschaft moderner Cultur, blasirter Reform und übertragener Hartherzigkeit. Daß große Städte immer mehr Reiche und Arme an sich ziehen, ist ein Naturgesetz; der Anblick dieser ist jenen gewiß nicht unangenehmer als es umgekehrt der Fall ist. Mich wundert nur, daß man noch nicht die Gründung eines Vereins zur Abschaffung — des Todes angestrebt hat. — Ganz was anders bezweckt das endlich um dieselbe Zeit auch hier entstandene Unterstützungs-Comiä für die Nothleidenden jenseits der benachbarten Grenze, für welche die Comitös zu Lyck und Memel fast allein bisher so segensreich gewirkt haben. Dieser KönigSberger Unterstützungsverein wurde endlich von unserm Synagogenvorftande gestiftet, als dieser — so sagt man die traurigen Schilderungen von der großen Noch unserer westrussischen. Glaubensgenoffen aus dem Munde des von der Grenze zurückgekehrten hiesigen christlichen Landraths vernommen hatte. Früher hatte man — sich nicht dazu entschlossen, wie man denn im ostpreußischen Nochstandsjahre ganz müffig die Hände

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.