Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1869)
- Date
- 1869-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447395-2447429--07524-2463129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Straßen, Männer und Frauen aus allen Ländern -der Welt, alle möglichen Sprachen sprechend, Viele in ihren Nationaltrachten, Griechen, Türken, Arnienier, Landlente aus der Umgegend, Arbeiters Grafen und Fürsten — dabei das ewige Rollen der Wagen von Morgens früh vier Uhr bis Nackts ein Uhr, und was für Wagen! Die schönsten Equipagen und die einfachsten Karren, die schönsten Rosse und abgetriebene Gäule. Und dieser betäübende Lärm, ein immerwährendes Schreien und Rusen! Alle die verschiedenen Verkäufer wollen die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich ziehen und suchen Einer den Andern zu übertönen. Wo man steht und geht, erhält man Zettelchen in die Hand gestellt, durch welche alle die Verkäufer ihre Waare empfehlen. Jedes öffentliche Plätzchen ist mit Ankündigungen übersät. Am ersten Samstag war ich Nachmittags im sardin des plantes. Der Weg dahin führt über den Bastille-Platz. Hier stand einst die berüchtigte Bastille, in welcher so viele Unschuldige eingekerkerr waren. Jetzt steht dort eine Freiheilssäule zum Andenken an die im Jahre 1830 bei der Julirevolution Gefallenen. Auf diesem Platze sind jene Märtyrer der Freiheit begraben, und ihre Namen stehen aus der Säule; es sind auch einige Juden darunter. Im saräin des plantes ist der Aufenthalt vieler wilden Thiere, mächtiger Löwen, Löwinnen, Tiger, Leoparden, Panther, Hyänen, Bären, Kameele, Elephanten, Affen, Papageien, Strauße, Adler, Geier, Schlangen u. s. w. Erschrick nicht liebe Mutter. Alle diese wilden Thiere laufen hier nickt wild umher, sondern sie sind wohl verwahrt in starken eisernen Käfigen. Auch Mammuthsknochen gibt es hier, das heißt Knochengerüste von Thieren, die vor der Sündfluth, also vor mehr als viertausend Jahren gelebt haben. So große Thiere existiren jetzt gar nicht mehr. Vorigen Samstag war ich im Garten des Palais royal. In einem Theil des Palais wohnt der Prinz Napoleon, der Cousin des Kaisers; aber der größte Theil desielben besteht aus Läden. Mutter, da solltest Du Läden sehen? Da sind Juweliere, deren Maaren im rnontre Millionen werth sind. Da kann man Diamanten, Brillanten und Perlen sehen , wie sie sonst nur im Märchen Vorkommen. Da liegt z. B. eine Halskette; der Preis steht dabei: 35,000 Frc; da steckt eine Breche für 50,000 Frc; ein Diadem für 76,000 sFr. und solche kostbare Spielereien mehr. Nebenan ist wieder ein Laden, wo Du ganz dieselben schönen Sacken für 50, 20, oder 10 Franken kaufen kannst, eben solch eine Halskette, eben solch eine Brache, eben solch ein Diadem. Das nennt man imitiation (Nachahmung.) Da sind die Steine und die Perlen, oft auch das Gold nicht echt; aber Du und ich, liebe Mutter, wir könnten die echten und unechten Maaren nicht von einander unterscheiden, so schön sind die letzteren gemacht. Als ich das wahrnahm, bin ich ganz traurig geworden. „Ach," habe ich gedacht, „es geht leider bei den Menschen auch so; da kann man auch die echten von den unechten nicht unterscheiden; da sehen oft die unechten, falschen Menschen noch schöner aus als die echten " Das Palais royal ist um einen großen, großen Garten gebaut, in welchem sick ein großes Wafserbassin, eine Fontaine, viele schöne Bäume und Blumen befinden. Da kann man nach Herzenslust spaziren gehen und ftische Luft schöpfen. In der Mitte ist ein großer Rasenplatz, und auf diesem gibt die Militärmusik ein sehr schönes Concert. Es kostet gar nichts; man meint ordentlich, der Kaiser habe das so für die guten Jehudim angeordnet, .damit sie am Sabbat-Nachmittag ein Vergnügen haben. Und in der That, die Meisten kommen auch hierher, genießen die gute Luft und die schöne Musik. Herr und Fräulein Rossignol waren auch da und haben mich freundlich begrüßt. Fräulein Rossignol hat mir Alles erklärt, was ich Dir oben geschrieben habe. Den Kaiser habe ich noch nicht gesehen; er ist gegenwärtig in 8t. Cloud; er hat hier in Paris viele Feinde; ich glaube aber, sie thun ihm Unrecht; ich für meinen Theil, ich liebe ihn sehr. Wenn Du doch einmal, geliebte Mutter, nach Paris kommen könntest! Wenn Du aber von dem alten Paris Etwas sehen willst, so mußt Du bald kommen; denn der Präfect, Baron Hausmann, läßt all die engen Straßen einreißen und neue, scköne, breite dafür bauen, damit ftische Luft in die Stadt kömmt. Ich finde das sehr löblich; allein die Leute räsonniren doch gewaltig darüllkr. Freilich kostet es viel Geld. Ich hoffe zu Gott, daß ich bald soviel erübrigt haben werde, daß ich mein Mütterchen hierherkommen lassen und Dir die ganze, schöne Stadt zeigen kann; anbei empfängst Du fünfzig Franken in Papier, die mir Herr Bernaud zu meiner ersten Einrichtung gegeben; ick brauche sie aber nicht. Hoffentlich werde ich Dir bald mehr schicken können. Fräulein Rossignol läßt Dich unbekannter Weise grüßen: ich muß ihr immer von Dir erzählen. Das arme Kind hat seine Mutter gar nicht gekannt, und da hört sie mir so gern zu, wenn ich die Liebe der besten, zärtlichsten Mutter schildere. Und nun lebe wohl, geliebte Mutter, grüße alle Freunde und Bekannte und schreibe bald Deinem Dick innigliebenden Sohne Alfred. Paris, den 8. Tamus 5520. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwe» Beilage«. Bcranttvortkch« Redaction: In. Lehmann. — Verlag der Le 3ioux'schen Heiöuchhündlnng. - Danrpk-Schnelkprefsendruck von I. Gottsleben in Main-.