Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1869)
- Date
- 1869-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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6Ö4 „Du mußt sterben!" „„Du willst mich tödten?"" „Ich werde nicht Hand an Dich legen; aber De- Horah und ich, wir werden den Thurm verlassen; Du Wirst Zurückbleiben und des Todes sterben, den Deine ^ücke mir zugedacht hatte." Da warf sich das unglückliche Weib auf die Erde und umschlang die Knie ihres Gatten. .Habe Erbarmen," rief sie, „habe Erbarmen; ich bin unschuldig!" „Wie, das wagst Du noch immer zu behaupten? Hat doch der Eunuch Johann mir selbst im Gerichte gesagt, daß sein Neffe das Geheimniß von meinem Weibe erfahren." Melitta erhob sich. „Und hast Du nicht der Frauen zwei?" sprach sie rasch, „muß ich es aewesen sein, die Dich verrathen hat?" „Schlange," rief empört der Rabbi, „willst Du | die edle Deborah, meine Lebensretterin, verdächtigen? O, diese Schlechtigkeit übertrifft noch Deine früheren Schandthaten. Deborah konnte nicht verrathen, was sie selber nicht wußte, was ich nur Dir allein, durch -Deine heuchlerischen Schmeichelworte bewogen, anver- Iraut batte! Auch hat mich Michael, Dein Buhle, verhöhnt und gesprochen: „Dein Weib ist mein Weib!" j „„Und kann er nicht Deborah gemeint haben?""! „Nein, das kann er nicht, denn er fügte hinzu:! „Ich kannte sie schon, ehe Dunste freitest." Doch, j waö verliere ich viele Worte! Deine Schuld ist er-! wiesen. Du hast noch einige Tage zu leben; hier sind noch Speisen und Wasser und Wein. Benütze die Zeit, die Dir bleibt, Deine Sünden zu bereuen, damit Dein Tod Deine Verbrechen sühne und Du Theil ha-! Lest am ewigen Leben! — Deborah, rasch, verlasse I den Thurm — ich folge Dir!" Melitta stieß einen furchtbaren Schrei aus. Noch j einmal warf sie sich dem Rabbi zu Füßen. Noch ein-; mal umschlang sie seine Knie und weinte laut. „„Rabbi!"" rief Deborah, von Mitleid überwäl- , tigt, „„verzeihe ihr!""! „Ich kann nicht," eutgegnete Rabbi Gerschom, i „was soll ich mit ihr beginnen? Ihre Untreue steht! zwischen mir und ihr; sie kann mein Weib nicht mehr! sein." i ,,„<L>o sende ihr von der Heimath einen Scheii debrief!"" .! „Und wer bürgt mir dafür, daß sie nicht noch | in dieser Nacht uns verräth und unsere Flucht veri hindert?" „„Sie wird eö nicht thun! um meinetwillen veri Hkihe ihr!"" Rabbi Gerschom schwankte; vielleicht hätten ihn. die Bitten Deborah'S zur Milde bewogen, aber während der Rabbi noch mit Deborah sprach, hatte sich Melitta erhoben. Rasch flog sie die Wendeltreppe hinauf und ries von Oben herab: „Ich bin frei! Ihr aber werdet nicht entrinnen!" „Ha," rief Rabbi Gerschom, „sie wird hinabsteigen, die Strickleiter entfernen und die Scharwache des Kaisers herbeirufen wollen!" Melitta war glücklich oben angelangt. Sietastete mit den Händen nach der Strickle'ter und fand sie. Schon wollte sie binaLsteigen, da hörte sie die Tritte des nacheilenden Rabbi; m Angst und Eile that sie einen Fehltritt und stürzte in die furchtbare Tiefe hinab. Rabbi Gerschom und Deborah vernahmen einen furchtbaren Schrei, ein dumpfes Stöhnen — dann war Alles still. Rabbi Gerschom kehrte wieder in das Innere des ThurmeS zurück, faßte Deborah an der Hand und führte sie die Treppe hinaus. Als sie oben angelangt waren, drückte der Rabbi an die Feder und die Eisenplatte bedeckte der- Thurm. Dann eilten sie an der Leiter hinab, zogen diese herunter, um sie mit sich zu nehmen. Unten angelangt, bot sich ihnen ein schrecklicher Anblick dar! Da lag Melitta mit zerschmettertem Haupte. Schon war das Leben entflohen; sie war mit dem Kopfe derart auf einen Stein gefallen, daß das Gehirn weit umhergespritzt war. Deborah schrie laut aus, als ne den vom Mondlicht düster beleuchteten, entstellten Leichnam erblickte. Auch Rabbi Gerschom konnte die Thränen nicht zurückhalten. Da lag daS Weib, das er einst so geliebt und das ihn so schmählich verrathen hartes „Der Fluch ihres Buhlen hat ne erreich», ' ,prach Deborah voll Grauen. „Auch ihr Fluch wird auf sein Haupt fallen," sagte der Rabbi, „möge ihr Tod ihre Vergehen sühnen, möge Gott ihrer unsterblichen Seel^ gnädig sein." Dann wühlte er mit seinem Taschenmesser den lockeren Sandboden auf und bedeckte die Leiche nothdürstig mit Erde. „Lechi Beschalom! gehe in Frieden!" sprach er darauf, und hüllte sich in den von Deborah am Fuße des ThurmeS niedergelegten Frauenmantel; dann eilten sie Beide dem Hafen zu und erreichten glücklich das sich zur Abfahrt rüstende Schiff. In Konstantinvpel wurde Melitta nicht vermißt; man glaubte allgemein, sie habe Deborah nach dem Occident begleitet. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortlich e Redaction: Ln. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck »VN I. GottSlcben in Mam-.