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Der Israelit · 1869-07-28 · Heft 30 (28.7.1869) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
10 (1869)
Issue
Heft 30 (28.7.1869)
Date
1869-07-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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586 und für sich Sine leichte; denn es gilt nur, den Verrenkungen und Verkrümmungen des heiligen Wortes entgegenzutreten und den einfachen Sinn desselben aufrecht zu erhalten; nichtsdestoweniger ist sie eine dankenswerthe und für den hiesigen Platz höchst wichtige. Von den wohlthätigen Anstalten erwähnen wir noch die Rvrrrovd-Freischule, in der zugleich eine Alterversorgungs - Anstalt für Greise und Greisinnen sich befindet; ferner die Speise-Anstalt (Sup-Kitchen) in welcher im Winter die Armen unentgeltlich gespeist werden; das Widow’s home, ein Asyl für arme Wittwen; die Alterversorgungsanstalt T3 t für arme Greise und Greisinnen; das jüdische Hospital in Davonshire-Street; endlich die jüdische Abtheilung im großen Londoner-Hospital. Vor vierzehn Tagen wurde von dem Freiherrn Ferdinand v. Rothschild ein Kinqerhospital eingeweiht, das er zum Andenken an seine frühverstorbene Gemahlin Evelina v. Rothschild gegründet hat. Ebenso geht das Reconvalescentenhaus, welches die Frauen Londons unter dem Vorsitze der Frau Coelestine Adler, Gemahlin des chief rabbi, zum Andenken an die edle Lady Judith Montefiore ins Leben rufen, seiner Vollendung entgegen. In ihrn sollen die aus dem Hospitale als genesen Entlassenen noch drei Wochen lang einen sorgenfreien und der Erholung gewidmeten Aufenthalt finden. Ganz außerordentlich bedauern wir, daß es uns nicht vergönnt war, Sir Moses Montefiore zu sehen; derselbe befindet sich gegenwärtig in Ramsgate am Meere. Wir hatten den heutigen Tag dazu bestimmt, dorthin zu reisen — man fährt drei Stunden mit der Eisenbahn — um diesen um die Iudenheit so hochverdienten Mann kennen zu lernen. Allein wir hörten zu unserm Bedauern, daß eine nahe Verwandte des Baronets, wenn wir nicht irren, eine Schwester, sehr gefährlich erkrankt sei; so wollten wir den edlen Mann nicht stören. Es ercstirt in London auch eine Reform-Gemeinde, an welcher ein Herr Di\ Marx als Prediger fnngirt. Die Reformen beschränken sich jedoch auf die Synagoge und auf den zweiten Feiertag. Viele Mitglieder dieser Gemeinde feiern streng den Sabbat und hatten exact die Speisegesetze. Ueberhaupt steht es in London um die Religion der Väter lange nicht so schlimm wie in Paris oder in einer deutschen Großstadt. Wenn man am Sabbat durch die Straßen geht, so ist Laden an Laden geschlossen; darunter befinden sich die großartigsten Geschäfte u n d C o m p t o i r e; fast alle Haushaltungen sind koscher, und die zahlreichen Synagogen sind auch an den Wochentagen immer besucht. Eine unrühmliche Ausnahme machen leider viele hier wohnende Deutsche; die Reichen unter ihnen, mitunter sehr reiche, kümmern sich nicht um Juden und Judenthum, gehören keiner Synagoge an, tragen zu keiner Wohlthätigkeitsanstalt bei, entweihen den Sabbat, beachten die Speise- und Ehegesetze nicht. Es ist sehr schmerzlich für eine deutsche Feder, so Etwas niederschreiben zu müssen; tröstend ist dagegen, daß es hier auch viele deutsche Juden gibt, die dem deutschen Jndenthume Ehre machen. So scheiden wir denn von London mit dem erhebenden Bewußtsein zatzrr «y >3. London ist groß durch seinen Welthandel, seine Anstalten für Kunst, Wissenschaft und Industrie, aber auch durch den Geist der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit, der in seiner jüdischen Gemeinde waltet. Gott schütze sie und ihre Leiter und Führer. — Aeitungsna chrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, Anfangs Juli. Die vielfachen Correspondenzen in diesem Blatte über die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde haben mehr die pia desidenia der Correspondenten als die Wirklichkeit zum Ausdrucke gebracht. Wir glauben demnach sowohl im Interesse dieses geschätzten Blattes wie im Interesse des dem Jndenthume treuen Theiles der Berliner Gemeinde zu handeln, wenn wir über die Lage und Aussichten desselben ungeschminkt und ohne Berücksichtigung des Erhofften Mittheilnng machen. Wir können es nicht verhehlen, daß der bedeutendste Feind aller Bestrebungen zum Bessern, die fast unbesiegbare Gleichgiltigkeit ist, die sich auch der Frommen für die religiösen Angelegenheiten schon seit Jahren hier bemächtigt hat. Und so kann man Erklärung dafür finden, daß Dr. Aub es wagen konnte, die Kanzel in der alten Synagoge zu besteigen, ja öffentlich wiver die Erwähnung der Oy'er im Gottesdienste zu sprechen, ohne daß sich auch nur eine Stimme dagegen erhob. Wenige Mitglieder verließen die Synagoge während der Predigt, das war der ganze Widerstand. Ein neues Gebetbuch ward unter dem Namen des vr. Anb für die neue Synagoge eingeführt, darin die wichtigsten Glaubenssätze des Jndenthnms durch Streichung der betreffenden Gebetstücke in Frage gestellt, und was sich die kleinste christliche Kirchenzemeinde nicht gefallen läßt, die Octroyrrung eines neuen Gesangbuchs, durfte der Vorstand der Berliner Gemeinde ohne den geringsten Widerstand, ja ohne daß auch nur eine Stimme sich dagegen bemerkbar machte, vornehmen. So konnte dann der Vorstand offen mit seiner Absicht hervortreten, die Gemeinde schließlich zum Reformvereine herüberzuführen, und so diesen edelsten und achtbarsten Theil der

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