Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 10 (1869)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1869)
- Date
- 1869-07-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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563 hingestellt. Dann verließen ihn die Begleiter und er -war allem in der schrecklichen Oede dieser Kerkermauern, in finsterer Nacht. Hinter ihm schloß sich die Eisenthüre und wurde mit starken Schlössern und mächtigen Riegeln verrammelt. So trennte sich die lebendige Welt von dem zum Tode Derurtheilten ab. Als Rabbi Gerschom allein geblieben war, fing er an bitterlich zu weinen; dann suchte er Trost und Fassung im Gebete. „In meiner Roth," sprach er, „bete ich zu Dir, Allerhöchster, und befehle in der Todesangst Dir meine Seele! Gefangen bin ich und dem Tode geweiht; hier jammere ich mit verwundetem Herzen, schau Du, o Gott, mein Elend! Am Verlöschen ist das Licht meines Lebens, mein Herz ist krank ob der Schwere des Elends ach, ich verdiene Deine Gnade nicht. So laß denn, Allgüüger, meinen Tod sühnen, was ich auf Erden gesündigt habe! Dein Erbarmen nimmt kein Ende, aber es macht ein Ende unfern Vergehn»- gen. Dein ist die Größe, die Stärke, die Herrlichkeit, der Sieg und die Majestät. Ueber Alles, was im I Himmel und auf Erden ist, ist Dein die Herrschaft und Du bist der Oberherr des Alls. Habe Erbarmen mit Deinem elenden Knecht, nimm auf meine Seels, wenn sie emporsteigt zu Dir, und birg sie un-! ter dem Throne Deiner Herrlichkeit, bis daß die Zeit! herankömmt, da Du die Todten wieder belebest!" I Als er so gebetet hatte, leuchtete der erste Strahl | des Morgens durch die kleinen starkoergitterten Fenster. I Rabbi Gerschom nahm Wasser aus dem Wasserkruge lund wusch sich die Hände, legte die Tephillin an, die | er bei seiner Verhaftung zu sich gesteckt hatte, zog das I Gewand, das die Schausäden trug, unter seinen Kleiidern hervor und betete in hoher Begeisterung das »Morgengebet. Dann untersuchte er die Beschaffenheit Ides Thurmes. Die Thüre war fest und unerschütter- Ilich; die Fenster so klein, daß sich kein menschlicher »Körper hindurchwinden konnte, selbst wenn es gelun- Igen wäre, die Eisenstabe an denselben zu sprengen. Isiine We-ideltreppe lief bis an'S Dach empor; aber »das Dach war mit einem Sparrenwerke versehen und »über diesem befand sich eine feste eiserne Decke. Der »grausame Kaiser phocas batte den Thurm erbauen »lassen; der Baumeister selbst fiel nachher in Ungnade »und wurde in den Hungerthurm gesperrt; als man Mber seine Leiche i estatten wollte, war diese spurlos »verschwunden. Man sagte, die Geister, die ihm un- »tkrgebm waren, hätten ihn entführt. Rabbi Gerschom »hüte diese Geschichte von einem seiner Gehilfen ver- »nommen, als er den unseligen Thron für Kaiser Basil Waute. Jetzt erinnerte sich der Rabbi dieser Erzählung. » „Wie," dachte er, „sollte vielleicht der Baumeister «ine Geheimthüre eingefügt und diese zur Flucht be- Wutzt haben, als ihn das Geschick traf, in seinem eige- Wm Bau dem Tode geweiht zu werden?" Rabbi Gerschom untersuchte nochmals die Wände f sie waren stark und fest. Dann stieg er die Treppe hinauf; er klopfte an jeden Stein, den er erreichen konnte, ohne seine Hoffnung verwirklicht zu sehen. Betrübt ging er wieder hinunter und aß und trank ein wenig. „Ach," sprach er, „was wird aus mir werden, wenn diese« Brod und dieses Wasser zu Ende sein werden? Welchen furchtbaren Qualen sehe ich entgegen? Doch dem frommen Juden ist ja das Fasten nichts Ungewohntes. Gott wird mir Kraft geben, diese Qualen zu ertragen. Sein heiliger Name sei gepriesen." Als er so gesprochen hatte, begann er einige Blätter aus dem Talmud — er wußte den ganzen Talmud auswendig herzusagen — zu citiren. Diese heilige Beschäftigung stärkte ihn wunderbar. Als es Mittag geworden war und einige spärliche Sonnenstrahlen hell durch die engen Fenster drangen, fing er auf's Neue an, das Gemäuer zu untersuchen. Wiederum stieg er die Treppe hinauf; als er an das Sparrenwerk kam, entdeckte er zu seiner großen Freude, daß sich dasselbe bei Seite schieben ließ. Dann untersuchte er die Erfenplatte und fand eine Feder; er drückte daraus, allein die Feder war eingerostet. Er reinigte sie sorgfältig mit einem Holzspahn, den er gefunden hatte, und mit seinem Taschentuche. Jetzt drückte er wieder und siche, die gewaltige Eisenplatte that sich in der Mtte auseinander; er konnte sie nach beiden Seiten herunterschieben und stand nunmehr unter Gottes freiem Himmel. Neue Hoffnung drang in sein Herz, als er die frische Luft einathmete, die voll hereinströmte. Die dumpfe Moderlust im Thurme hatte seine Brust beengt. Oberhalb des Eisendaches befand sich eine Sture, denn die Mauer stieg höher hinauf als das Dach Rabbi Gerschom betrat die Stufe und bemerkte eine Feder; er drückte auf dieselbe und das Eisendach that sich zusammen; auch vernahm er, wie sich das Sparrenwerk unter demselben znsammenschob. Rabbi Gerschom trat auf das Dach; er stand jetzt oben auf dem Tburme. Von hier ans war wahrscheinlich der Baumeister entflohen. Gewiß hatten ihm seine Freunde eine hohe Leiter gebracht, an welcher er hinuntergestiezen war. Doch, was nützte Rabbi Gerschom die Entdeckung? Seine Freunde wußten nichts davon, und wer sollte ihm eine Leiter bringen? Der Ort, wo der Thurm stand, war eine schauerliche Einöde, von allen Menschen gemieden. Und wenn auch Jemand bierherkam, — war er geneigt, dem Rabbt zu Helsen? Der Thurm war sehr hoch, und das Gemäuer stieg gerade in die Höbe; ohne Leiter war es nicht möglich, sich an ihm htnabzulasien. Während der Rabbi so überlegte, war eS ihm, | wie wenn er seinen Namen rufen hörte. In deutscher